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Handball-Bundestrainer : Das Projekt des Eismanns Sigurdsson

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Wohin geht die Reise? Bundestrainer Dagur Sigurdsson steht offenbar vor dem Absprung Bild: Picture-Alliance

Handball-Bundestrainer Sigurdsson hat alles über den Haufen geworfen, die DHB-Auswahl wieder an die Weltspitze geführt – und könnte trotzdem bald nach Japan fliehen.

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          Die Tage der Sommersonnenwende, an denen es nahe dem Polarkreis nie dunkel wird, verbrachte Dagur Sigurdsson, 43, an den isländischen Westfjorden. Der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte dort, fünf Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Reykjavík entfernt, ein schlichtes Ferienhaus mit viel Land und drei Kilometern Strand am Nordatlantik erworben. Das möbelte er nun auf. Die Hütte war noch ohne Wasser, auch ohne Stromanschluss. Gefragt war Handarbeit. Als Sigurdsson den Besuch aus Deutschland empfing, bearbeitete er gerade die Veranda mit Schleifpapier. Sigurdsson sagt, das entspanne ihn.

          Diese Westfjorde sind von rauher Wildheit und Weite. Die gewaltigen Gesteinsformationen sehen aus wie das Monument Valley, nur bedeckt sie ein saftiges Grün. Und alle hundert Meter stürzt ein Wasserfall hinunter. Sigurdssons Frau Ingibjörg stammt von dort. „Diese Landschaft ist unser Ding“, sagte Sigurdsson, seine Frau nickte. Es war offensichtlich, dass die beiden dort, wo es auf Schotterpisten zehn Kilometer bis zum nächsten Dorf sind, mehr Zeit verbringen wollen.

          Großer Alarm

          Diese Landschaft am Fjord sollte man im Blick behalten, beobachtet man die aufgeregte Debatte um den Bundestrainer. Als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Sigurdsson für den Juni 2017 (oder gar schon nach Abschluss der Weltmeisterschaft im Januar in Frankreich) seinen Vertrag beim Deutschen Handballbund (DHB) wohl aufkündigen werde, war der Alarm groß. Vor den beiden ersten Spielen der EM-Qualifikation gegen Portugal und die Schweiz, die das deutsche Team einmal deutlich und einmal nur knapp gewann, kam Unruhe auf.

          Warum könnte der erfolgreichste Bundestrainer der Geschichte, unter dessen Regie die Nationalmannschaft über 75 Prozent aller Spiele gewinnt, plötzlich hinschmeißen? Warum könnte dieser Mann auf diese historische Chance, eine große Ära des Handballs zu prägen, mit einer der wichtigsten Mannschaften des Welthandballs, verzichten? Es herrschte Entsetzen allerorten. Dabei war, als Sigurdsson 2014 in Leipzig als neuer Bundestrainer vorgestellt wurde, eine beidseitige Kündigungsoption für den Sommer 2017 ganz offen kommuniziert worden.

          Größter Triumph: Anfang des Jahres führte Sigurdsson die deutschen Handballer zum EM-Titel
          Größter Triumph: Anfang des Jahres führte Sigurdsson die deutschen Handballer zum EM-Titel : Bild: dpa

          Die Aufregung ist so groß, weil der Aufstieg der DHB-Auswahl ohne Sigurdsson nicht vorstellbar gewesen wäre. Als er im August 2014 übernahm, lag das Team in Trümmern. Gerade waren die WM-Play-offs gegen Polen auf abenteuerliche Weise verloren worden, das Team brauchte eine vieldiskutierte Wildcard, um an der WM in Doha teilnehmen zu können. Und dann das: Nur zwei Jahre später ist Deutschland Europameister und hat Bronze bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gewonnen. Das Projekt war schon früh vom Erfolg gekrönt; eigentlich war dies erst für die Heim-WM 2019 und Olympia 2020 in Tokio geplant gewesen. Die fünf Gründe für den deutschen Erfolg? „Dagur, Dagur, Dagur, Dagur, Dagur“, hatte der DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der für den Leistungssport verantwortlich ist, in Rio geantwortet.

          Sigurdssons Ansagen vor seinem Amtsantritt waren von betörender Schlichtheit. Man brauche einfach mehr Siege, dann wachse das Selbstvertrauen, sagte der Isländer. Er wolle fortan jedes Länderspiel gewinnen, auch jedes Freundschaftsspiel. Gewinnen? Gute Idee, dachten viele. Aber wie soll das gehen mit solch einer Mannschaft? Als Sigurdsson seinen ersten Kader für zwei Tests gegen die Schweiz nominierte, rieben sich viele Experten die Augen. Da war ein gewisser Andreas Wolff dabei, ein junger Torwart aus Wetzlar, den kaum jemand kannte. Von Erik Schmidt, einem Kreisläufer aus Friesenheim, war lediglich zu erfahren, dass er unfassbar große Füße hat. Und auch ein gewisser Julius Kühn gab sein Debüt, ein blutjunger Rückraumspieler. Diese drei Nobodys des deutschen Handballs wurden im Januar 2016, nur siebzehn Monate später, unter der Regie Sigurdssons in Polen überraschend Europameister.

          Wolff ist heute das bekannteste Gesicht der Mannschaft, Kühn gilt als eines der größten Versprechen des Welthandballs: Der Halblinke mit dem Hammer im rechten Arm warf im olympischen - allerdings unglücklich verlorengegangenen - Halbfinale in Rio acht Tore gegen Weltmeister Frankreich.

          Dagur Sigurdsson betrieb keine Hexenkunst, aber er zog konsequent seine Spielidee durch. Er wollte mit hünenhaften Spieler im Deckungszentrum die Gegner entnerven, so wie einst deutsche Handball-Heroen wie Klaus-Dieter Petersen oder Volker Zerbe ihn, den Regisseur der isländischen Mannschaft, genervt hatten. Das setzte er um: Abwehrchef Finn Lemke ist 2,10 Meter groß, Hendrik Pekeler misst 2,03 Meter, Schmidt 2,06 Meter. Auch Kühn und Patrick Wiencek sind Zwei-Meter-Männer. „Er hat unserer Mannschaft ein Gesicht gegeben und eine Identität verliehen“, formuliert es Torwart Wolff.

          Gegen die Schweiz mühten sich die Kreisläufer Patrick Wienczek (Mitte) und das deutsche Team ziemlich
          Gegen die Schweiz mühten sich die Kreisläufer Patrick Wienczek (Mitte) und das deutsche Team ziemlich : Bild: dpa

          Zudem ließ Sigurdsson die Mannschaft bei Lehrgängen nur noch einmal pro Tag trainieren, um die Belastung zu senken. Und er ließ sie nicht mehr in Sportschulen in Barsinghausen oder Steinbach wohnen, sondern in Hotels mitten in der Stadt, damit sich die Profis nicht langweilten. So wie das vor gut einem Jahrzehnt auch Jürgen Klinsmann mit der Fußball-Nationalmannschaft gemacht hatte. Die Spieler brauchten Abwechslung, sagt Sigurdsson, der selbst betont, „kein Handball-Freak“ zu sein. Und wie Klinsmann stieß auch Sigurdsson damit auf Widerstände. „Beim Handballbund beäugten sie die Quartierfrage, und nicht nur die, skeptisch“, erzählt er in seiner Biographie „Feuer und Eis“, die gerade erschienen ist.

          „In der ersten Zeit rief mich mehrere Male ein Verbandsmitarbeiter an, um mir zu erklären, dass es einfacher und kostengünstiger wäre, das Team wie gehabt in einer Sportschule unterzubringen.“ Doch Sigurdsson lehnte ab: „Was nützte ein Konzept, das auf Erfolg ausgerichtet war, wenn es an der erstbesten Hürde scheiterte? Wenn man Dinge ändern will, muss man konsequent sein.“ Für die DHB-Mitarbeiter habe das „wie ein Kulturschock“ wirken müssen. „Sie waren seit Jahren bestimmte Abläufe und Regelungen gewohnt. Auf einmal tauchte ein Isländer auf und warf alles über den Haufen.“ Beim Thema Kommunikation seien ebenfalls „Welten“ zwischen ihm und dem DHB aufeinandergeprallt, berichtet er.

          Bis Rio de Janeiro litt das gute Verhältnis zum DHB-Spitzenfunktionär Hanning, mit dem er schon bei den Füchsen Berlin vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, trotz dieser Konflikte nicht. Aber auch in Rio zeigte sich Sigurdsson von Dingen wie der schlechten Hygiene oder der schlechten Unterkunft genervt: Das Nervenkostüm des Eismanns wurde erkennbar dünner. Das Amt des Handball-Bundestrainers scheint nicht in jeder Hinsicht ein Traumjob zu sein.

          Weil er die DHB-Auswahl wieder in die Weltspitze geführt hat, gibt es nun viele Angebote. Der Scheich-Klub Paris Saint-Germain und der ungarische Klub MKB Veszprem sollen darunter sein. Dort würde er mehr als Doppelte verdienen. Aber die für ihn reizvollste Offerte kommt aus Japan. Als Profi lebte er zwischen 2000 und 2003 mit seiner Familie bereits drei Jahre in Hiroshima und lernte Japanisch, er ist fasziniert von der fernöstlichen Kultur. Japan dürfte Sigurdssons wahrscheinlichste Option sei, weil sie mit der Familie am besten zu vereinbaren wäre: Seine Frau möchte wieder als Lehrerin auf Island arbeiten, die Familie wird im Sommer 2017 vermutlich wieder in die Heimat ziehen. „Ich verlasse dieses Projekt nicht ohne guten Grund“, hat Sigurdsson am Mittwoch in Wetzlar lächelnd erklärt. „Ich muss für mich und meine Familie eine Entscheidung treffen.“

          Wie wäre es mit dem Szenario, wonach Sigurdsson etwa 120 Tage im Jahr in Japan arbeitete, also sehr projektbezogen und bei sehr ordentlichem Honorar, und den Rest der Zeit auf Island mit seiner Familie zusammenlebte? Dann könnte er in Zukunft deutlich mehr Zeit in andere Projekte investieren und, wenn er wollte, die Ruhe der weiten Fjorde genießen.

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