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Handball-Bundestrainer : Das Projekt des Eismanns Sigurdsson

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Wolff ist heute das bekannteste Gesicht der Mannschaft, Kühn gilt als eines der größten Versprechen des Welthandballs: Der Halblinke mit dem Hammer im rechten Arm warf im olympischen - allerdings unglücklich verlorengegangenen - Halbfinale in Rio acht Tore gegen Weltmeister Frankreich.

Dagur Sigurdsson betrieb keine Hexenkunst, aber er zog konsequent seine Spielidee durch. Er wollte mit hünenhaften Spieler im Deckungszentrum die Gegner entnerven, so wie einst deutsche Handball-Heroen wie Klaus-Dieter Petersen oder Volker Zerbe ihn, den Regisseur der isländischen Mannschaft, genervt hatten. Das setzte er um: Abwehrchef Finn Lemke ist 2,10 Meter groß, Hendrik Pekeler misst 2,03 Meter, Schmidt 2,06 Meter. Auch Kühn und Patrick Wiencek sind Zwei-Meter-Männer. „Er hat unserer Mannschaft ein Gesicht gegeben und eine Identität verliehen“, formuliert es Torwart Wolff.

Gegen die Schweiz mühten sich die Kreisläufer Patrick Wienczek (Mitte) und das deutsche Team ziemlich
Gegen die Schweiz mühten sich die Kreisläufer Patrick Wienczek (Mitte) und das deutsche Team ziemlich : Bild: dpa

Zudem ließ Sigurdsson die Mannschaft bei Lehrgängen nur noch einmal pro Tag trainieren, um die Belastung zu senken. Und er ließ sie nicht mehr in Sportschulen in Barsinghausen oder Steinbach wohnen, sondern in Hotels mitten in der Stadt, damit sich die Profis nicht langweilten. So wie das vor gut einem Jahrzehnt auch Jürgen Klinsmann mit der Fußball-Nationalmannschaft gemacht hatte. Die Spieler brauchten Abwechslung, sagt Sigurdsson, der selbst betont, „kein Handball-Freak“ zu sein. Und wie Klinsmann stieß auch Sigurdsson damit auf Widerstände. „Beim Handballbund beäugten sie die Quartierfrage, und nicht nur die, skeptisch“, erzählt er in seiner Biographie „Feuer und Eis“, die gerade erschienen ist.

„In der ersten Zeit rief mich mehrere Male ein Verbandsmitarbeiter an, um mir zu erklären, dass es einfacher und kostengünstiger wäre, das Team wie gehabt in einer Sportschule unterzubringen.“ Doch Sigurdsson lehnte ab: „Was nützte ein Konzept, das auf Erfolg ausgerichtet war, wenn es an der erstbesten Hürde scheiterte? Wenn man Dinge ändern will, muss man konsequent sein.“ Für die DHB-Mitarbeiter habe das „wie ein Kulturschock“ wirken müssen. „Sie waren seit Jahren bestimmte Abläufe und Regelungen gewohnt. Auf einmal tauchte ein Isländer auf und warf alles über den Haufen.“ Beim Thema Kommunikation seien ebenfalls „Welten“ zwischen ihm und dem DHB aufeinandergeprallt, berichtet er.

Bis Rio de Janeiro litt das gute Verhältnis zum DHB-Spitzenfunktionär Hanning, mit dem er schon bei den Füchsen Berlin vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, trotz dieser Konflikte nicht. Aber auch in Rio zeigte sich Sigurdsson von Dingen wie der schlechten Hygiene oder der schlechten Unterkunft genervt: Das Nervenkostüm des Eismanns wurde erkennbar dünner. Das Amt des Handball-Bundestrainers scheint nicht in jeder Hinsicht ein Traumjob zu sein.

Weil er die DHB-Auswahl wieder in die Weltspitze geführt hat, gibt es nun viele Angebote. Der Scheich-Klub Paris Saint-Germain und der ungarische Klub MKB Veszprem sollen darunter sein. Dort würde er mehr als Doppelte verdienen. Aber die für ihn reizvollste Offerte kommt aus Japan. Als Profi lebte er zwischen 2000 und 2003 mit seiner Familie bereits drei Jahre in Hiroshima und lernte Japanisch, er ist fasziniert von der fernöstlichen Kultur. Japan dürfte Sigurdssons wahrscheinlichste Option sei, weil sie mit der Familie am besten zu vereinbaren wäre: Seine Frau möchte wieder als Lehrerin auf Island arbeiten, die Familie wird im Sommer 2017 vermutlich wieder in die Heimat ziehen. „Ich verlasse dieses Projekt nicht ohne guten Grund“, hat Sigurdsson am Mittwoch in Wetzlar lächelnd erklärt. „Ich muss für mich und meine Familie eine Entscheidung treffen.“

Wie wäre es mit dem Szenario, wonach Sigurdsson etwa 120 Tage im Jahr in Japan arbeitete, also sehr projektbezogen und bei sehr ordentlichem Honorar, und den Rest der Zeit auf Island mit seiner Familie zusammenlebte? Dann könnte er in Zukunft deutlich mehr Zeit in andere Projekte investieren und, wenn er wollte, die Ruhe der weiten Fjorde genießen.

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