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Handball-Bundesliga : Der HSV ist am Ende

  • -Aktualisiert am

Selfmade-Millionär Andreas Rudolph steckte viel Geld in den HSV. Bild: dpa

Trickser, Lügner – und nun auch Zwangsabsteiger: Die Lizenz des HSV Hamburg ist weg. Die Bundesliga möchte, dass der Klub die Saison noch zu Ende spielt. Doch es gibt gleich zwei Probleme.

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          An der Formulierung, er führe den HSV Hamburg nach Gutsherrenart, hat sich Andreas Rudolph all die Jahre nie gestoßen – obwohl sie sicher nicht positiv gemeint war. „Ein Gutsherr kümmert sich um seine Untergebenen“, sagte Rudolph mal bei einem der seltenen, aber stets unterhaltsamen Treffen in seiner Stadtwohnung im feinen Harvestehude, „und das tue ich.“ Die Abhängigkeit vom Selfmade-Millionär mit seinem Medizintechnik-Unternehmen in Ahrensburg war seit 2005, als Rudolph den HSV zum ersten Mal rettete, immer Fluch und Segen zugleich.

          Wie oft die altgedienten und von ihm geschätzten Profis Pascal Hens und Johannes Bitter nach Mallorca jetteten, um den Mäzen und Präsidenten dort wieder Millionen aus dem Kreuz zu leiern, dürften sie selbst kaum noch zählen können. Wie viel Geld der ehemalige Bundesligaspieler Rudolph in seinen Verein gesteckt hat, reicht in Schätzungen von 20 bis 40 Millionen Euro. In der Meistersaison 2010/2011 soll der edle Kader des HSV elf Millionen Euro verschlungen haben. Das waren zwei Millionen Euro mehr, als es an Einnahmen gab. Immer wieder stopfte Rudolph die Löcher.

          Bis zum Triumph in der Champions League zwei Jahre später spendierte der Boss seinem Trainer Martin Schwalb einen Luxuskader – doch paradoxer Weise stillte offenbar gerade der größte Titel im Vereinshandball den Hunger Rudolphs auf Ansehen und Respekt. Er hatte sich schon vorher von Ämtern zurückgezogen, nun floss das Geld immer dürftiger. So markiert ausgerechnet der Titel von Köln vor zweieinhalb Jahren den Wendepunkt in Rudolphs Hamburger Schaffen – und den Anfang vom Ende des HSV.

          Am Mittwochnachmittag tagte die Liga-Vereinigung HBL und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Sie entzog der insolventen HSV Handball Spielbetriebs-GmbH die Spielberechtigung zum Ende der laufende Saison. Der HSV steht damit als erster von drei Absteigern fest und fällt bis in die dritte Liga.

          Die Handball-Bundesliga-Uhr des HSV Hamburg ist abgelaufen.

          Die HBL drängt allerdings darauf, dass der HSV die Saison mit den restlichen 14 Partien zu Ende spielt – das wird aber kaum gelingen, weil die verbleibenden Profis längst andere Klubs suchen und dem Insolvenzverwalter Gideon Böhm schlichtweg das Geld für Gehälter und durchlaufende Kosten wie Hallenmiete und Versicherungen fehlt. Die Lücke beträgt in etwa zwei Millionen Euro. Tritt das Team zu drei Partien der Rückrunde nicht an, hat dies die Einstellung des Spielbetriebs zur Folge. Sämtliche bis dahin ausgetragenen Spiele des HSV Handball würden dann so gewertet, als seien sie nicht gespielt worden.

          Und in Hamburg geht niemand davon aus, dass der HSV zum ersten Rückrundenspiel am 10. Februar bei der SG Flensburg-Handewitt antreten wird. Eine spielfähige Mannschaft könnte der HSV womöglich mit den restlichen Profis und Akteuren der eigenen U23 stellen. Doch das will das Präsidium des HSV e.V. nicht – die U23 spielt in der Oberliga Hamburg um den Aufstieg in die Dritte Liga. Dort soll im Sommer ein Neuanfang im Zeichen der Raute gewagt werden. Ohne große Namen auf dem Parkett, und ohne die Abhängigkeit von Rudolph.

          Torwart Johannes Bitter wechselt zum TVB Stuttgart.

          Derweil ist der Ausverkauf beim HSV in vollem Gange. Adrian Pfahl (Göppingen), Hans Lindberg (Berlin), Ilija Brozovic (Kiel) und Jens Vortmann (Leipzig) sind schon weg. Kapitän Pascal Hens denkt über sein Karriere-Ende nach. Johannes Bitter geht zum TVB Stuttgart, wie am Mittwoch bekannt wurde.

          Auch der derzeit in Polen bei der EM so erfolgreiche Trainer Michael Biegler wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zum HSV zurückkehren – dass der 54 Jahre alte Handball-Lehrer den Klub bei nur noch 5,4 Millionen Euro Gesamtetat zurück in die Spitzengruppe der Liga führte und wieder für eine volle Halle sorgte, zeigt, was mit starken Handball an der Elbe möglich ist. Doch was nützt all das, wenn das Finanzierungskonzept auf tönernen Füßen steht? Selbst die inzwischen vergleichsweise günstige Mannschaft konnte sich der HSV nie leisten. Das Image des Klubs war wegen der fragwürdigen Finanzierung schon seit Jahren ligaweit beschädigt.

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          Hinzu kam dann eine im Rahmen des Insolvenzverfahrens bekannt gewordene Lizenztäuschung, die der HBL kaum eine Wahl ließ, als dem HSV die Lizenz zu entziehen. In ihrem Mittelpunkt stehen Rudolph und der freigestellte Geschäftsführer Christian Fitzek. Im Februar 2015 hatten sie eine Nebenabsprache getroffen, von der die HBL nichts wusste. Sie entkräftete Rudolphs gleichzeitig der HBL vorgelegte Haftungserklärung über 2,5 Millionen Euro dergestalt, dass Zahlungen von Sponsoren oder Kommanditisten, die Rudolph besorgt, von seiner Haftungssumme abgezogen werden.

          Größter Gesellschafter des HSV ist Rudolphs Bruder Matthias. Solche Zusatzvereinbarungen soll es schon öfter gegeben haben. Nur war Rudolph am Ende immer bereit, mögliche Restposten zu übernehmen. Dem Vernehmen nach belief die Lücke sich dieses Mal auf 700.000 Euro – die wollte Rudolph nicht mehr tragen. Auch, weil ihm signalisiert worden war, dass der HSV beim Neuanfang auf ihn verzichten wollte.

          Dass Fitzek die Nebenabsprache weder der HBL noch dem Insolvenzverwalter offen legte, könnte für ihn unangenehme rechtliche Konsequenzen haben. Fitzek hatte in der Causa HSV zuletzt sowieso eine unglückliche Rolle gespielt. Es gelang ihm nicht, genügend Sponsoren zu besorgen – was bei der Abhängigkeit von Rudolph auch schwierig war. Zudem brachte er die Spieler gegen sich auf, indem er auf der guten „Fortführungsprognose“ des HSV beharrte. Rechtsaußen Hans Lindberg sprach danach unverhohlen von einer Lüge. Eine Sicht, die von der HBL offenbar geteilt wird: Der HSV habe die Lizenzunterlagen nicht wahrheitsgemäß erstellt, heißt es in der Mitteilung zum Lizenzentzug. Eine Lizenz für die laufende Saison hätte der Verein nicht bekommen dürfen.

          „Gutsherr“ Rudolph hatte sich Ende des vergangenen Jahres beklagt, der HSV habe seit 2011 keine relevanten Sponsoren mehr gefunden: „Spitzenhandball ist hier nicht erwünscht.“ Man kann an ihm viel aussetzen. Aber es waren nicht nur seine Fehler, mit denen sich die frühere Handball-Großmacht nun versenkt hat.

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