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Handball-Bundesliga : Ungemütliche Zeiten für den HSV

  • -Aktualisiert am

Klare Ansagen: Michael Biegler spricht beim HSV eine deutliche Sprache Bild: dpa

Kein Geld, keine Erfolge, keine Aussichten: Nach dem Pokal-Aus beim Zweitligaklub und der Auftaktpleite in der Liga will Trainer Michael Biegler mit dem HSV Hamburg in eine neue Ära starten. Aber wie?

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          Ihm eilt der Ruf voraus, aus wenig viel zu machen. Es gibt schlechtere Images als das des Handballtrainers Michael Biegler. „Seine Stärken liegen im Artikulieren und in der Motivation der Spieler“, lobt der ehemalige Nationalspieler Stefan Kretzschmar, „er ist ein absoluter Handballfachmann.“

          Was leicht dahingesagt wirkt, trifft zu. Keiner hat sich mehr mit Trainingsmethodik und sinnvollem Krafttraining beschäftigt als Biegler. Er hat etliche Lehrvideos veröffentlicht. Seit Jahren ist Biegler, von allen nur „Beagle“ genannt, mit der polnischen Nationalmannschaft trotz der unüberwindlichen Sprachbarriere erfolgreich. Beim östlichen Nachbarn hilft ihm sein Assistent Jacek Bedzikowski bei der Übersetzung - der spielte lange in der Bundesliga.

          Gewohnte Kodderschnauze

          In Hamburg muss keiner für den 54 Jahre alten Handball-Lehrer dolmetschen. Seine Aufgabe beim neuen Arbeitgeber ist auch so schon schwer genug: Es geht darum, das Schwergewicht von einst, Meister 2011, Champions-League-Sieger 2013, vor dem Absturz ins Mittelmaß zu bewahren. Denn beim HSV ist nach der Beinahepleite von 2014 und dem Zusammenschmelzen des Etats von knapp zehn auf gut fünf Millionen Euro nichts mehr, wie es einmal war. „Die Zeiten sind vorbei, als man gucken konnte, ob Herr Hens acht Tore macht oder der Domagoj Duvnjak, oder wer da sonst so rumturnte“, sagte Biegler jüngst in gewohnter Kodderschnauze dem „Hamburger Abendblatt“.

          Seine neue Mannschaft mit acht Abgängen und zehn Neuen soll es über die Gemeinschaft lösen. Das ist bislang misslungen - erst gab es das Pokal-Aus beim Zweitliga-Klub Nordhorn, dann verlor der HSV am Sonntag beim Aufsteiger Leipzig. Kein Wunder, dass kaum mehr als 5000 Fans an diesem Freitagabend erwartet werden, wenn eine andere Größe von früher zum ersten Heimspiel kommt - der TBV Lemgo.

          Wie der gesamte HSV hat auch Pascal Hens seine besten Zeiten hinter sich
          Wie der gesamte HSV hat auch Pascal Hens seine besten Zeiten hinter sich : Bild: dpa

          Eine solche Kulisse sieht in der auf 12.000 Zuschauer ausgelegten Arena immer besonders dürftig aus. Es gibt eine spürbare Zurückhaltung des Hamburger Publikums gegenüber seinem besten Handballklub. Auch die Sponsoren tun sich schwer, einem biederen Mittelklasseteam üppige Zuwendungen wie früher zu spenden. Als die HSV-Profis ihre Gehälter im Juni und Juli erst verspätet erhielten, bat Manager Christian Fitzek um Verständnis. Die spielfreie und einnahmenlose Zeit sei traditionell schwierig.

          Überhaupt ist es die spannende Frage, wohin der HSV steuert. Die Ablösung vom Financier Andreas Rudolph vollzieht sich weiter, auch wenn die Medizintechnik-Firma des Unternehmers noch die Trikotbrust ziert. Nun kann man über Rudolph viel sagen, allerdings nicht, dass sein Risiko und seine Geldgaben der Bundesliga geschadet hätten: Die Rivalität des von ihm ausgehaltenen HSV und des THW Kiel faszinierte über Jahre und sorgte für Spannung. Einerseits hat Rudolph den HSV an den Abgrund geführt, als er sich vor einem guten Jahr beinahe komplett zurückzog - die Lizenz gab es erst in dritter Instanz. Andererseits wäre es aus Sicht der Liga wünschenswert, dass am Standort Hamburg wieder etwas Kräftiges wüchse. Derzeit ist das ohne Rudolphs Dünger nur ein sehr zartes Pflänzchen.

          Den erfahrenen Gärtner gibt jetzt der nach außen so unnahbare Biegler. An seinem Image wird eifrig gefeilt. Er sei gar nicht so ein harter Hund und Griesgram wie immer behauptet, wirbt Manager Fitzek für seinen Wunschkandidaten, und die Spieler seien ohnehin begeistert von seinem abwechslungsreichen, individuellen Training. Sogar ein Herz für die Torhüter hat er, verriet Johannes Bitter jüngst.

          Biegler lebt Handball, bis zur EM 2016 in Polen trainiert er weiter das Nationalteam. Eine gewiss zehrende Doppelbelastung. Kein Problem, entgegnet der Handball-Liebhaber Biegler, von dem viele behaupten, ihm sei in Polen einfach langweilig geworden. Derzeit gilt die volle Konzentration nun dem HSV. Unbekannte Spieler sind hinzugekommen, namhafte haben den Verein verlassen. Sein Gerüst aus Bitter, Hens, Lindberg und Pfahl ist in die Jahre gekommen und immer wieder verletzt.

          „Wir wollen der Arena gerecht werden“

          So hat sich Biegler auch geweigert, ein Saisonziel auszugeben. „Wir wollen der Arena in Hamburg gerechter werden“, sagt er, „wir sind mitten in einer Neuumformung. Letztlich geht es darum, eine neue Ära zu entwickeln.“ Doch das ist schwer, wenn Geld, Erfolge und Aussichten fehlen. Es wird eher darum gehen, den HSV halbwegs aussichtsreich in der Liga zu halten. Was passiert, sollte der Basketball-Zweitligaklub Towers aufsteigen und einen Platz in der Arena beanspruchen, kann sich jeder ausmalen.

          Es dürfte eine äußerst ungemütliche Saison werden für Michael Biegler und den HSV. Allerdings haben ihn schwierige Aufgaben bislang eher gereizt als abgeschreckt.

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