https://www.faz.net/-gtl-97l9m

TSV Hannover-Burgdorf : Nun lockt sogar die Handball-Königsklasse

  • -Aktualisiert am

Auf einmal mischt Hannover-Burgdorf in Handball-Deutschland ganz oben mit. Bild: Imago

Vom Dorfverein zum Bundesliga-Spitzenklub: Die Handballer der TSV Hannover-Burgdorf träumen von der Champions League. Das ist nicht allen geheuer.

          3 Min.

          Nach Spielende, wenn er sich die Tape-Klebestreifen von seiner Wurfhand pult und Kindern Autogramme gibt, sieht alles so harmlos aus. Wann immer Morten Olsen über sich, die TSV Hannover-Burgdorf und deren Höhenflug plaudert, spricht er mit leiser und sanfter Stimme. Einen robusten Handballprofi, mit dem sich Europas Thron erobern lässt, stellt man sich eigentlich anders vor. Und doch darf sich der Däne berechtigte Hoffnungen machen, mit einem ehemaligen Dorfverein in die internationale Elite aufzusteigen. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Und ich kann das alles auch nicht richtig verstehen“, sagt Olsen über die Tatsache, dass Hannover-Burgdorf zuletzt die Bundesliga-Tabelle anführte. Die schönen Tore und gekonnten Anspiele des cleveren Ballverteilers sind daran nicht ganz unschuldig. Mit einem Sieg an diesem Sonntag (12.30 Uhr bei Sky) in Göppingen würde Hannover wieder auf Platz eins springen.

          Sie tun sich noch ein wenig schwer damit, auf das Erreichte möglichst öffentlichkeitswirksam stolz zu sein. Erst mal sehen, lieber von Spiel zu Spiel denken – nur ganz vorsichtig kleiden die Hauptdarsteller der TSV Hannover-Burgdorf ihre Hoffnung in Worte, es auch tatsächlich bis in die Champions League schaffen zu können. „Es ist möglich“, sagt Carlos Ortega, der für den Aufschwung der Mannschaft maßgeblich verantwortlich ist. Seit der Verpflichtung des international erfahrenen Spaniers, der im Sommer 2017 als Cheftrainer geholt wurde, spielt das Team wie verwandelt. „Wir bekommen klare Vorgaben, an die sich jeder hält. Und alle glauben daran, was der Trainer sagt, weil es Hand und Fuß hat“, sagt Rückraumschütze und Nationalspieler Kai Häfner. Bester Beleg für das gestiegene Selbstvertrauen war der jüngste Heimsieg über den THW Kiel (28:27). Olsen, Häfner und Co. haben in dieser Saison inklusive Pokalwettbewerb das Kunststück vollbracht, den Serienmeister bei drei Versuchen dreimal zu schlagen.

          Hinter dem Plan eines bundesweit eher unbekannten Vereins steht eine kluge Strategie. Was im beschaulichen Burgdorf vor den Toren Hannovers auf kleinem Niveau und mit Turnhallenmief auf dem Lande begonnen hat, wird in Niedersachsens Landeshauptstadt Stück für Stück aufgepäppelt. Geschäftsführer Benjamin Chatton gilt im bezahlten Handball als bestens vernetzt. Einen Könner wie den in der Champions League erfahrenen Ortega nach Hannover zu lotsen gehört zu einer durchdachten Personalpolitik. Noch wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass die TSV Hannover-Burgdorf behutsam aufbegehren sollte.

          Der Verein trägt seine Heimspiele im Wechsel in einer kleineren Halle im Stadtgebiet und in der rund 10.000 Zuschauer fassenden TUI-Arena auf dem ehemaligen Expo-Gelände aus. Dort hatten sich auch schon die Eishockeyprofis der Hannover Scorpions regelmäßig eingebucht. Sie waren 2010 in der dezentral gelegenen Arena tatsächlich deutscher Meister geworden und stellten dann fest, dass sie auf Dauer nicht genügend Zuschauer und Sponsoren anlocken konnten. Die TSV Hannover-Burgdorf hat diese Fehler aufmerksam beobachtet und testet als Teilzeitmieter im großen Umfeld aus, was sich erreichen lässt. „Die Menschen in der Region nehmen uns an“, sagt Geschäftsführer Chatton und freut sich über den stetig steigenden Zuspruch.

          Der lokale Wettbewerb, dem sich Hannovers Handballer stellen müssen, ist auf seine Art ein sehr kooperativer Partner. Natürlich lockt ein Fußball-Bundesligaklub wie Hannover 96 deutlich mehr Zuschauer zu seinen Heimspielen an. Aber angesichts nicht enden wollender Probleme mit den eigenen Fans und einem sehr rüden Umgangston im Stadion entdecken immer mehr Sportbegeisterte in der Region Hannover ihren Spaß am Handball. Was bei König Fußball angesichts strenger Sicherheitsauflagen und eines Mangels an Bereitschaft undenkbar ist, wird von der TSV Hannover-Burgdorf mustergültig vorgelebt. Als in der Vorwoche der umjubelte Heimsieg über Kiel besiegelt war, strömten Hunderte von Zuschauern in den Halleninnenraum, um je nach Alter und Gelenkigkeit auf Autogrammjagd zu gehen, Gespräche mit noch schwitzenden Spielern zu führen oder sich einfach mal selbst an einem Siebenmeter auf ein Handballtor zu versuchen. Die Nähe zwischen Fans und Spielern ist gewollt und bewundernswert. Sie wird vom Publikum, zu dem sehr viele Familien gehören, dankbar angenommen.

          „So langsam kann man bei uns wirklich von Europa reden“

          An der Frage, was es außer frischem Ruhm wirklich bringen könnte, wenn die TSV Hannover-Burgdorf wirklich bis in die Champions League vordringt, scheiden sich die Geister noch. Ein Könner wie Olsen, der 2016 mit Dänemark immerhin Olympiasieger geworden ist, wäre mit gehobenen Aufgaben sicherlich nicht überfordert. Die Hausaufgaben, um die Königsklasse auch wirklich sinnvoll bestreiten zu können, liegen eher in der Teppichetage des Vereins. 2014 hatte es die TSV Hannover-Burgdorf schon einmal bis in die Gruppenphase des EHF-Pokals geschafft. Der Imagegewinn stand damals in einem Verhältnis zu hohen Reisekosten und organisatorischem Stress, der einen vernünftigen Kaufmann eher verzweifeln lassen muss.

          „Es bis in die Champions League zu schaffen ist für uns eher etwas für das Revers und den Briefkopf als für das Portemonnaie“, befürchtet Geschäftsführer Chatton. Er versucht eine Begeisterung zu bremsen, der sich Trainer und Mannschaft nur noch bedingt verschließen wollen. „Ich habe kein Adjektiv, um zu beschreiben, wie stolz ich auf diese Mannschaft bin“, sagt der 46 Jahre alte Cheftrainer Ortega. Er weiß, dass sein Team zu träumen beginnt. Malte Semisch etwa hat seine Zurückhaltung längst über Bord geworfen. „So langsam“, findet der bescheidene Torhüter, „kann man bei uns wirklich von Europa reden.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.