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Bundesliga trotzt Corona : Freudiges Wiedersehen im Handball

  • -Aktualisiert am

Optische und akustische Täuschung: Die 2400 Zuschauer in Kiel lärmen wie gewohnt, haben aber einige ruhige Sitznachbarn. Bild: dpa

Vier Spieltage hat die Handball-Bundesliga nun ohne Verlegungen hinter sich gebracht. Größtenteils vor Zuschauern. Nun beginnen die Reisen ins Ungewisse.

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          Unter der Maske pfeift es sich schlecht. Als der Flensburger Jim Gottfridsson eine Zeitstrafe beim Gegner „zieht“, haben ihn die Zuschauer in der Kieler Arena als Buhmann ausgemacht – immer, wenn er am Ball ist, wird gepfiffen. Das Dumme nur: Man hört es kaum. Ansonsten haben die 2400 Fans am Sonntag fast so viel Lärm gemacht wie sonst 10.000. „Ich dachte, das waren 5000. Ich war überrascht, dass so wenige Leute so laut sein können“, sagt der Kieler Kapitän Domagoj Duvnjak. Die Freude bei den Beteiligten ist zu greifen, dass es Mitte Oktober an fast allen Standorten wieder Profihandball vor Zuschauern gibt – danach hatte es lange nicht ausgesehen.

          Darüber hinaus fiel beim 29:21 des THW gegen die SG Flensburg-Handewitt auf, dass auch über Handball an sich gesprochen wurde: Die vielen Paraden des Kieler Torwarts Niklas Landin nach seiner Meniskus-Operation, die weniger spektakuläre Rückkehr des ebenfalls verletzten Sander Sagosen, die Schwierigkeiten der SG, ihr flüssiges Rückraumspiel aufzuziehen, weil die Hälfte der Belegschaft angeschlagen war. Es wirkte wie eine Rückkehr zur Normalität, weil nicht über Beschränkungen in Zeiten der Pandemie diskutiert wurde, sondern über Reflexe, Fouls und Fehlwürfe. Und natürlich die enorme Belastung der Nationalspieler – aber das ist ja eine bekannte Debatte. Der Flensburger Trainer Maik Machulla sagt: „Grundsätzlich überwiegt die Freude, wieder Handball vor Fans spielen zu können.“ Das sieht man auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so: Gerade die dritten Programme füllen ihre Sendefläche derzeit mit viel Handball inklusive Zuschauern und Stimmung.

          40 Desinfektionsspender und Masken für alle

          Er sei froh über jeden Spieltag, der komplett gespielt werden könne, hatte Uwe Schwenker gesagt. Der Terminplan quillt über, da ist nicht nur der Präsident der Handball-Bundesliga (HBL) dankbar, wenn alles glatt läuft. Vier Spieltage ohne Verlegungen oder großflächige Corona-bedingte Ausfälle in den Mannschaften hat die HBL jetzt in der Bundesliga hinter sich gebracht. Größtenteils vor Zuschauern. Dabei müssen die Klubs ihre Konzepte von Woche zu Woche überdenken, sich mit den Gesundheitsämtern austauschen und dem Infektgeschehen anpassen. Es geht um (vermeintliche) Kleinigkeiten: 2400 Zuschauer bedeuten in Kiel derzeit „ausverkauft“ – für die Spieltagsorganisation braucht der THW aber mehr Ordner als früher in einer prallgefüllten Halle. Elf statt vier Eingänge sind geöffnet, um Ballungen zu vermeiden, jede Zuschauerin, jeder Zuschauer bekommt eine FFP2-Maske (mit THW-Logo unten links), 40 Desinfektionsspender stehen bereit. Das frisst Zeit in der Vorbereitung. Und es kostet Geld.

          Mit Wucht: Kiels Miha Zarabec (Mitte) wirft an Flensburgs Simon Hald Jensen (links) und Magnus Rod vorbei.
          Mit Wucht: Kiels Miha Zarabec (Mitte) wirft an Flensburgs Simon Hald Jensen (links) und Magnus Rod vorbei. : Bild: dpa

          Während des Spiels muss das Publikum Maske tragen. Kein Fan darf seine markierte Zone verlassen und in der Halle herumspazieren. Anhänger der Gastmannschaften erhalten ligaweit keinen Einlass. „Das Sicherheitsempfinden der Zuschauer steht an oberster Stelle“, sagt THW-Geschäftsführer Viktor Szilágyi. Sein Hygienekonzept wirkt so vorbildlich wie das Verhalten der Gekommenen. „Die Klubs machen das sehr gut“, lobt Schwenker, „wenn wir das aktuelle Level an Zuschauerpräsenz halten, wäre das schon gut.“

          Beim Überraschungsteam Leipzig, bei den formstarken Erlangern oder in Wetzlar haben sich die Vereinsmanager über volle Ränge gefreut – und das in Zeiten steigender Infektionszahlen und mahnender Worte der Bundeskanzlerin. Die Einnahmen aus Eintrittskarten machen bei einigen Klubs bis zu 50 Prozent des Etats aus. „Die Hoffnung ist, dass wir das weiterhin in dieser Größenordnung erleben dürfen und vielleicht sogar die Zuschaueranzahl ein bisschen erhöhen können“, sagt Szilágyi. Das wäre notwendig, sind die Folgen des eingeschränkten Publikumsverkehrs doch schon jetzt erheblich: „Die Verluste können wir nicht mehr aufholen“, sagt der Flensburger Manager Dierk Schmäschke, „wir können ja nicht irgendwann 10.000 Fans einlassen.“

          Die Pandemie bleibt herausfordernd. An diesem Dienstag starten der SC Magdeburg, die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin in die neugeschaffene European League. Fester Spieltag, einheitlicher Auftritt, mehr Prämien: „Das ist Champions League light“, sagt Marc-Hendrik Schmedt, SCM-Geschäftsführer. Doch die erste Partie bei Besiktas Istanbul im Risikogebiet bereitet Unbehagen. Schmedt sagt: „Es ist eine Reise ins Ungewisse. Wir müssen darauf achten, dass die Spieler gesund bleiben.“ Das Spiel der Löwen in Tatabánya Ende Oktober ist schon verschoben. Beim Gegner sind Spieler mit dem Coronavirus infiziert. Auch in der Champions League wurden Partien verlegt. Sollten hingegen alle zehn Bundesliga-Spiele des fünften Spieltags störungsfrei absolviert worden sein, wird es am Sonntagabend in der Kölner HBL-Zentrale bestimmt das nächste kollektive Aufatmen geben.

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