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Topspiel in Bundesliga : Kieler Handball-Gala und ein lustiger Verlierer

  • -Aktualisiert am

Entschlossen und zupackend – Hendrik Pekeler demonstriert die Kieler Stärke. Bild: dpa

Um Tabellenführer Hannover entwickelte sich ein regelrechter Hype in der Handball-Bundesliga. Nun geht das Topspiel deutlich verloren. Für Sieger Kiel könnte sich der umjubelte Erfolg als teuer erkämpft herausstellen.

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          Der Abschied von der Tabellenspitze tut weh, überraschen konnte das aber niemanden. „Wir wussten ja, dass wir nicht so gut sind, Meister zu werden“, sagte Morten Olsen, „für uns ist es nicht so schlimm, hier heute zu verlieren.“ Der Spielmacher der TSV Hannover-Burgdorf wirkte nach dem 23:32 beim THW Kiel am Sonntagmittag ziemlich entspannt: „Wir sind jetzt Zweiter der Handball-Bundesliga. Das macht ja viel mehr Spaß, als Dreizehnter zu sein. Es war lustig, Tabellenführer zu sein, und es ist lustig, jetzt immer noch da oben zu stehen“, sagte Olsen. Um die Hannoveraner hatte sich ein regelrechter Hype entwickelt, weil die Mannschaft von Trainer Carlos Ortega Woche für Woche dranblieb.

          Selbst nach der Niederlage in Melsungen blieben die „Recken“ oben, weil die Liga in dieser Saison sehr ausgeglichen ist – und selbst die Kieler und Flensburger sich schon Ausrutscher geleistet haben. Nach diesem Spitzenspiel im Norden aber scheinen die alten Macht-Verhältnisse zementiert zu sein. Die SG Flensburg steht nach 13 Spieltagen vor dem THW, aber die Kieler haben zwei Spiele weniger ausgetragen und dürfen sich als „gefühlter Spitzenreiter“ betrachten. Davon wollte Trainer Filip Jicha allerdings nichts wissen: „Es ist Mitte November, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann Ende des Jahres gern ein Zwischenfazit ziehen. Vorher nicht.“

          Die Art und Weise, wie der THW vor ausverkauftem Haus agierte, lässt aber kaum daran zweifeln, dass die Kieler unter Jicha auf dem Weg zu lange verschütteter Stärke sind. Der Tscheche nutzt den ganzen Kader, gerade im Angriff spielt seine Mannschaft sehr variabel. Schönen Handball gab es in der Arena jahrelang nicht zu sehen. Inzwischen sind Finessen wie Kempa-Tricks oder Pässe hinter dem Rücken wieder öfter zu bestaunen: Es ist nicht nur die harte Abwehr mit Wiencek und Pekeler, die dem Gegner das Leben schwermacht. Auch vorn läuft es – da kam am Sonntag das Kieler Publikum mal richtig auf Touren und machte Lärm.

          Vor allem, wenn Linksaußen Magnus Landin schöne Tore warf, der in den Jahren davor quasi unsichtbare Harald Reinkind den Ball ins Netz wuchtete oder Torwart Niklas Landin eine seiner 21 Paraden zeigte. „Jeder, der reinkam, hat es gutgemacht“, sagte Reinkind, mit neun Toren bester Schütze, „das zeigt, wie breit unser Kader ist.“ Nur der Schwede Lukas Nilsson wirkt gerade unzufrieden – trotz der vielen Kieler Spiele kommt Nilsson derzeit nicht richtig zum Zug. Jicha erklärte das mit schwachen Trainingsleistungen.

          Allerdings könnte sich der umjubelte Sieg als teuer erkämpft herausstellen. Beim Zurücklaufen verletzte sich Kapitän und Anführer Domagoj Duvnjak Ende der ersten Halbzeit an der Wade – wahrscheinlich eine Zerrung. Für den Kroaten gibt es keinen geeigneten Ersatz beim THW. Am Sonntag gab es zunächst noch keine Diagnose, wie lange Duvnjak ausfallen wird. Gegen schwache Hannoveraner lief es jedoch auch ohne ihn – und mit Miha Zarabec in der Zentrale hervorragend. Aus dem 17:12 zur Pause wurde schnell ein 21:12. Der Fünf-Tore-Rückstand nach 30 Minuten fiel für Burgdorf noch schmeichelhaft aus, denn beim 8:16 nach 23 Minuten sah es für Ortegas Spieler ganz finster aus. „Wir hatten davor gewarnt, aber wir mussten dann am eigenen Leibe feststellen, dass sich in Kiel eine ganz spezielle Dynamik entwickeln kann“, sagte Sven-Sören Christophersen, der Sportliche Leiter.

          Ausgerechnet seine nominell stärksten Spieler erwischten einen gebrauchten Tag. Weltmeister Olsen hat mit seiner Dynamik und Präzision schon Spiele allein entschieden. Diesmal war der Däne kein Faktor. Er warf nur zwei Tore vom Siebenmeterpunkt. Nationalspieler Fabian Böhm rieb sich in der Abwehr auf und konnte vorn keine entsprechenden Akzente setzen. Ohne eine gut geschmierte Achse Olsen/Böhm waren die Hannoveraner chancenlos. „Unser großes Problem war der Angriff“, sagte Ortega, „wir haben viel probiert, aber nichts hat geklappt.“

          Weil beim THW am Ende die allerletzte Konsequenz fehlte, blieb das Ergebnis in einem für Hannover erträglichen Rahmen. Die Kieler hatte nach Niederlagen bei den Rhein-Neckar Löwen und zuhause gegen Porto in der Champions League gute Nerven bewiesen, als Reinkind das Rückspiel in Portugal am Mittwoch Sekunden vor Schluss zu einem Sieg machte. Dass nach einer solchen Stress-Woche ein derartiges Fest-Spiel möglich ist, zeigt nun, unabhängig vom schwachen Gegner, was in dieser Truppe steckt. Jicha hatte angekündigt, vor allem an der Siegermentalität des Teams zu arbeiten. Diesbezüglich ist er auf einem guten Weg – dass die Kieler nun auch noch berauschend spielen können, ist ein nicht zu unterschätzender Begleiteffekt.

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