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Handball-Bundesliga : Die Mischung macht’s beim SC Magdeburg

  • -Aktualisiert am

Alles im Griff: Trainer Bennet Wiegert Bild: dpa

Flink in der Abwehr, Finten im Angriff und überall mutig: Der Tabellenführer der Handball-Bundesliga spielt bislang eine perfekte Saison. Das bekamen nun auch die Füchse Berlin zu spüren.

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          Die schwierigste Übung, die Bennet Wiegert gerade zu leisten hat, ist das Abwehren vorschneller Gratulationen. Sein SC Magdeburg als Favorit für die Meisterschaft, sein Team auf dem Weg zur „perfekten Saison“ ohne Niederlage? Wiegert entgegnet auf solche Fragen gern: „Aus Erwartungen werden im Sport ganz schnell Enttäuschungen.“

          Doch während der 39 Jahre alte Trainer des SCM vor ein paar Wochen noch ziemlich ungehalten auf solche Zuschreibungen reagierte, geht er damit inzwischen deutlich smarter um: mit einem Lächeln. Was soll er auch sagen, wenn seine Mannschaft den engsten Verfolger in dessen Halle 60 Minuten lang vorführt?

          Goldrichtige Entscheidung

          Wie die Magdeburger das 33:29 bei den Füchsen Berlin am Samstagabend herausspielten, brachte Handball-Liebhaber zum Zungeschnalzen. Es war eine Machtdemonstration des Tabellenführers. Und weil die Magdeburger Mischung aus harter, schnellbeiniger Abwehr und feinem Angriff mit vielen Überraschungen seit Wochen so unwiderstehlich wirkt, musste sich Wiegert die Frage gefallen lassen, ob eine Spielzeit ohne Verlustpunkte möglich sei. Eine solche war bislang nur dem THW Kiel mit Trainer Alfred Gislason in der Saison 2011/12 gelungen: 68:0 Punkte.

          „Das wird keiner mehr schaffen“, sagte Wiegert, „wir fahren zu keinem Spiel in der Bundesliga und können schon vorher sagen: Das gewinnen wir.“ Allerdings gelingt seiner Sieben in dieser Saison neben den Gala-Auftritten in Kiel, gegen Flensburg und zuletzt in Berlin etwas, das in den vergangenen Spielzeiten schiefging: Begegnungen mit Mittelklassegegnern wie Erlangen oder Göppingen gewinnt der SCM jetzt mit dem letzten Wurf oder der letzten Abwehraktion. Zur Spielstärke ist Nervenstärke gekommen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Als goldrichtig hat sich dabei erwiesen, den Kader zu verbreitern. Mit 17 Profis ist der SCM in die Saison gegangen. Wiegert und Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt war sehr bewusst, dass für die anstehende Dreifachbelastung eine breite Gruppe vonnöten ist. Wiegert kann dadurch die Last auf viele Schultern verteilen, gerade im Rückraum lässt er ohne nennenswerten Qualitätsverlust rotieren. In Berlin trug Nationalspieler Philipp Weber 60 Minuten seine Trainingsjacke. Schließlich muss der SC Magdeburg schon an diesem Dienstag wieder in der European League auflaufen.

          Bei der Investition in die Mannschaft ging es Wiegert und Schmedt allein um Qualität. Die hinteren Kaderplätze mit Bankdrückern zu besetzen, kam für die Magdeburger Macher nicht in Frage. „Wir sehen uns in der Pflicht, trotz aller aktuellen Schwierigkeiten und Einschränkungen am Kader für die nächsten Jahre arbeiten“, sagt Wiegert: „Wir müssen mutig und perspektivisch handeln.“ Bennet Wiegert arbeitet beim SCM auch als Geschäftsführer Sport. Das ist im Handball ungewöhnlich. Neben dem Stress für ihn persönlich hat diese Doppelrolle natürlich Vorteile: Keiner weiß besser als er, was die Mannschaft braucht.

          Und so sind ihm zuletzt Glücksgriffe gelungen. Omar Ingi Magnusson war bester Torschütze der Vorsaison und gilt aktuell als bester Spieler der Liga. Magnus Saugstrup am Kreis bringt Siegermentalität von der dänischen Nationalmannschaft mit. Und der zweite Torwart Mike Jessen hat das Niveau des SCM auf dieser Position deutlich gehoben.

          Selbstverständlich sind alle Glückwünsche zur bevorstehenden Meisterschaft verfrüht. In der Bundesliga werden die Karten nach dem Großereignis der Nationalmannschaften im Januar traditionell neu gemischt. Schon viele gut gestartete Mannschaften hatten ihre Schwierigkeiten, wenn es nach WM oder EM weitergeht und der Kader womöglich durch Verletzungen an neuralgischer Stelle dezimiert ist. Niemand weiß, ob Impfdurchbrüche die Liga noch durcheinanderwirbeln – bisher blieb der SCM von allem verschont. Allerdings hat der Verein soweit es geht vorgebaut und wirkt gewappnet, mögliche Ausfälle abzufedern. Zudem hinkt die Konkurrenz aus Kiel und Flensburg schon um einiges hinterher. Und das Punktepolster beim Blick auf die Tabelle lässt die Brust der Magdeburger noch breiter werden.

          In Berlin führte Wiegerts Mannschaft zwischendurch mit zehn Toren Vorsprung. Es gab Kempa-Tricks und Gegenstoßtore, Treffer aus der zweiten Welle und dem Positionsangriff: Es war von allem etwas dabei, und die ersatzgeschwächten Berliner hatten dem wenig entgegenzusetzen. Für das Spektakel sorgte der SC Magdeburg. Es macht einfach Spaß, dieser über Jahre gereiften Mannschaft zuzuschauen. Dass Wiegert bei all dem noch bremst, ist das typische Understatement des Profisports – und wohl auch eine Spur Aberglaube. Für seine Art, den Titelkampf als Favorit anzunehmen, hat er jedenfalls das passende Chiffre gefunden: „Demut kann man auch genießen.“

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