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Handball-Bundesliga : Kieler Lebenselixier

  • -Aktualisiert am

Sieger der Champions League 2010: Erfolg ist nur geliehen, selten dauerhaft Bild: dpa

In der Bundesliga ist der HSV dem Dauermeister diese Saison enteilt. Doch an einen dauerhaften Machtwechsel im Handball glauben die Kieler nicht. Der THW will schon diesen Mittwoch gegen die Hamburger zurückschlagen.

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          An diesem milden Sonnentag ist Kiel eine schöne Stadt. Die Brise weht vom Hafen hoch, skandinavische Wortfetzen der Tagestouristen aus Schweden und Norwegen fliegen vorbei, und beim liebsten Kind der Stadt glitzern die großen Trophäen im Schaufenster. Mancher Fan ist schon hier an der Geschäftsstelle des THW Kiel vorbeigekommen und hat Bilder gemacht vom goldfarbigen Henkelpokal und der silbrigen Meisterschale. Es sind die Originale, die der THW ausstellt, gleich neben der Ostseehalle, gesichert von einer Alarmanlage.

          Die wertvollsten Stücke der umfangreichen Beutezüge könnten allerdings bald auf Wanderschaft gehen - Erfolg ist nur geliehen, selten dauerhaft. Wobei der deutsche Handball-Rekordmeister mit sechs Meisterschaften nacheinander, zudem zwei Triumphen in der Champions League (2007 und 2010) und sechs Pokalsiegen Besonderes zu bieten hat. Nur zu gern hat man sich beim Branchenführer daran gewöhnt, national die Nase vorn zu haben. Ein Erfolgsabonnement? In diesem Jahr sind andere besser als der THW. Der HSV spielt eine herausragende Saison (siehe: Handball: Ergebnisse, Tabelle und Statistik zur Bundesliga), und seit Kiel zweimal daheim verlor, ist das Gipfeltreffen an diesem Mittwoch entwertet (20.15 Uhr im FAZ.NET-Handball-Bundesliga-Liveticker).

          „Zu einem Machtwechsel gehört mehr als ein Titel“

          Jeden Tag geht Uli Derad auf seinem Weg ins sonnendurchflutete Büro an den Pokalen vorbei. Die bald entstehende Lücke schmerzt den 45 Jahre alten Geschäftsführer des THW, das schon, aber eine Zeitenwende im Handball, einen Machtwechsel, wie ihn Hamburger Medien ausriefen, so etwas mag Derad beim besten Willen nicht erkennen: „Der HSV sollte den Moment genießen. Sie haben es sich verdient. Aber zu einem Machtwechsel gehört mehr als ein Titel.“ Derad kann auch deswegen gelassen sein, weil der THW in Pokal und Champions League Möglichkeiten hat, eine enttäuschende Bundesliga-Saison auszugleichen. Er kennt die Argumente aus der Handball-Szene: Es sei doch langweilig, wenn immer der THW vorn stünde. Derad lächelt. „Das kann durchaus sein. Ich kann das nachvollziehen. Wir wollen trotzdem jedes Spiel gewinnen.“

          Von alten Vorwürfen unbelastet: Trainer Alfred Gislason
          Von alten Vorwürfen unbelastet: Trainer Alfred Gislason : Bild: dpa

          Wo immer man sich in Kiel bewegt, begegnet man dem THW. In Amtsstuben hängen ganz selbstverständlich Wimpel und Autogrammkarten, Autos mit Kieler Kennzeichen tragen garantiert irgendetwas in den Vereinsfarben, im Einkaufszentrum gegenüber dem Bahnhof sind Bilder der Spieler aufgehängt. Kiel lebt Handball: Die Dauerkarte ist wertvoll wie ein Zahlungsmittel, und die auf einem Hügel stehende Ostseehalle gilt als der Mittelpunkt der Stadt.

          Hoffnung auf einen Schlussstrich unter die Affäre

          Erstaunlicherweise hat der Manipulationsskandal um vermeintlich gekaufte Spiele daran nichts geändert. Im Zentrum der Vorwürfe standen und stehen die ehemaligen Meistermacher Uwe Schwenker und Serdar Serdarusic, ehemals Manager und Trainer. Eigentlich sollte der Prozess gegen die beiden vor dem Kieler Landgericht Ende März beginnen. Doch der Richter wurde krank. Alles ist nun in die zweite Jahreshälfte verschoben.

          Nicht nur Derad wünscht sich, dass es bald ein Urteil gibt, dass man einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen kann. Zusammen mit Aufsichtsrat Hinrich Vater und Trainer Alfred Gislason steht Derad für den neuen, von alten Vorwürfen unbelasteten THW. Den großen Aufräumer gibt er nicht. Er sagt: „Ich habe hier so viel zu tun, ich kann mich nicht mit Vergangenem beschäftigen.“

          Nicht als Vertreter eines Schummelklubs wahrgenommen

          Leicht wurde ihm die Arbeit nicht gemacht, als er im Sommer 2009 kam. Wenige im Vereinsumfeld trauten dem ehemaligen Dormagener Manager zu, in Schwenkers Fußstapfen zu treten; es gab eine Fraktion, die sich dessen baldige Rückkehr wünschte. Die Titel des vergangenen Sommers, seine umsichtige Art der Vereinsführung und einige clevere Transfers haben die Stimmen verstummen lassen. Für Schwenker gibt es kein Zurück auf den Posten des Managers beim THW. Derad sagt: „Man muss absolut anerkennen, was hier vor uns für eine Arbeit geleistet worden ist. Davon profitieren wir, das respektiere ich. Aber man sollte nicht ständig zurückschauen.“

          Im Übrigen unterhalte er sich häufig und völlig normal mit Schwenker, den er seit vielen Jahren kennt, sagt Derad. Es ist auch sein Verdienst, dass der THW auf dem Weg ist, sein blitzsauberes Image zurückzugewinnen. Als Vertreter eines Schummelklubs werden die Kieler Profis nirgends wahrgenommen. In Kiel nicht, wo man ohnehin schnell eine Wagenburgmentalität bezüglich der Vorwürfe aufbaute, und auch kaum in Handball-Deutschland. Offensichtlich werden die Erfolge der Mannschaft unabhängig von möglichen Schiedsrichterbestechungen wahrgenommen. Derad sagt: „Es zählt, was auf dem Parkett passiert. Den THW sehen die Fans vor allem als sportlich erfolgreich.“

          Im Rückraum hakt das Spiel trotz großer Namen gewaltig

          Ausgerüstet mit den bekannten Stärken (Stetigkeit in der Mannschaft, der Vereinsführung und bei den Sponsoren), will Kiel die Hamburger in der kommenden Saison angreifen. Die Arbeit anderer will man hier am liebsten gar nicht beurteilen, doch schaut man beim THW mit Spannung darauf, wie der HSV seine Führungsrochade verdauen wird - Trainer Martin Schwalb wechselt auf den Geschäftsführerposten, neuer Coach wird der ehemalige Flensburger Per Carlén, Präsident Rudolph gibt sein Amt auf, Präsidiumsmitglied Schmäschke geht nach Flensburg.

          Verglichen damit arbeiten Gislason und Derad in paradiesischer Ruhe. Trotzdem haben sie genug eigene Baustellen - der weltbeste Torwart Thierry Omeyer soll gehalten werden, im Rückraum hakt das Spiel trotz großer Namen gewaltig, auf dem Transfermarkt können längst andere Kiel überbieten. Doch was Teamgeist angeht, spielt der THW immer noch in einer anderen Liga. Und der Titelhunger bleibt sowieso immens.

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