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Handball in Hannover-Burgdorf : Wachsen im Verborgenen

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Sie nennen sich „die Recken“: Hannovers Mait Patrail (links) und Ilija Brozovic sehen auch so aus. Bild: dpa

Die „Mission Understatement“ läuft bestens. Die Handballer aus Hannover-Burgdorf sind die Senkrechtstarter der Saison. An diesem Donnerstag könnten sie ihren Vorsprung an der Tabellenspitze ausbauen.

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          Die unscheinbare Eingangstür am Ende eines geteerten Parkplatzes ist mit einem Zollstock verkantet, damit man überhaupt reinkommt. Drinnen, im Bauch der TUI Arena, verlädt ein Arbeiter gerade Getränkekisten in seinen Lkw. Es geht mit einem Lastenaufzug in den zweiten Stock. Dann bis zum Ende eines langen Flures. Angekommen. Wer die TSV Hannover-Burgdorf in ihrer Geschäftsstelle besucht, nähert sich von hinten an, durch den Lieferanteneingang. Von vorn über die „Expo Plaza“, auf dem Gelände der Weltausstellung von 2000, strömen nur an Spieltagen Zuschauer in die Arena, wenn die Burgdorfer hier gegen große Gegner auflaufen. An einem ganz normalen Mittwoch ist wenig bis nichts los.

          Es passt zu den Senkrechtstartern der Handball-Saison, dass ihre Zentrale sich nicht in schöner Innenstadtlage befindet, sondern draußen in Hannovers Süden. Denn im Verborgenen wächst gerade etwas. „Wir müssen nicht die Lautsprecher sein“, findet Sportchef Sven-Sören Christophersen, „aber wir wollen die Jungs auch nicht limitieren.“ Heißt: Man möchte die Top sechs der Bundesliga angreifen, aber es nicht herausposaunen.

          Die „Mission Understatement“ läuft bestens. Nach der Niederlage in Melsungen fand sich Trainer Carlos Ortegas Team schnell wieder und besiegte den SC Magdeburg am Sonntag vor 8000 Zuschauern 31:28. Tabellenführer! Die Liga staunt über die Burgdorfer, dieses abwehrstarke Team mit seinem Star Morten Olsen als Regisseur. Und das nach einer Vorsaison, die am Rande der Abstiegszone endete und einzig in den Pokalwettbewerben erfreuliche Momente bereithielt.

          Müsste sein Klub nach diesem Auftakt in die Saison lauter sein vor dem Spitzenspiel an diesem Donnerstag (19 Uhr/F.A.Z.-Liveticker zur Handball-Bundesliga) gegen den Tabellenzweiten Rhein-Neckar Löwen? Die Saisonziele revidieren? Christophersen wünscht sich Sachlichkeit. „Ich ordne uns nicht oben, sondern im Mittelfeld ein“, sagt er. Der Lübecker arbeitet seit 15 Monaten im Management der „Recken“, wie sie sich seit einigen Jahren nennen. Es ist ein Name, mit dem sowohl Fans in Burgdorf als auch in der Metropole Hannover etwas anfangen können. Keiner sollte verschreckt werden, denn die Wurzeln des Vereins befinden sich nun einmal in Burgdorf, 25 Kilometer nordöstlich von Hannover gelegen.

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          Im elften Jahr der Bundesliga-Zughörigkeit punktet die TSV nicht nur mit der Ausbeute an Siegen und beherzten Auftritten. Das ganze Konstrukt kommt plötzlich besser zur Geltung. Hier ist der Profi-Handball so aufgebaut, wie es sich Bundestrainer Christian Prokop und der Deutsche Handballbund (DHB) wünschen müssten: Sechs Spieler aus dem Nachwuchs der „Recken“ stehen in Ortegas Bundesliga-Kader. Und zwar nicht als Lückenbüßer. „Wir können unsere Kräfte gut verteilen. Es gibt ein paar Hauptdarsteller, aber unsere Youngster kommen auch mal schon nach zehn oder 15 Minuten auf das Feld“, sagt Christophersen.

          In den Junioren- und Jugend-Nationalteams des DHB sind Burgdorfer Spieler regelmäßig dabei. Um ihnen Spielminuten zu sichern, gehören sie weiterhin zum Team der zweiten Mannschaft in der dritten Liga. Ortegas namhafter Assistent Iker Romero trainiert die A-Jugend. Dieser professionelle Zuschnitt zeigt, dass die Burgdorfer es ernst meinen mit der Nachwuchsförderung. „Wir wollen unsere Leute zu Bundesligaspielern ausbilden“, sagt Christophersen, „aber wir limitieren uns nicht in eine Richtung, wir holen auch Spieler von außen hinzu.“

          Das müssen die Burgdorfer auch. Zwar haben sie in einem Hersteller von Produkten der Tiergesundheit seit Jahren einen großzügigen Geldgeber und liegen mit geschätzten sechs Millionen Euro Etat im oberen Mittelfeld der Liga, doch andere Klubs sind finanziell besser ausgestattet. Also verließ Nationalspieler Kai Häfner die „Recken“ im Sommer, eines der Gesichter des Klubs. Am Ende der laufenden Saison wird Timo Kastening nach Melsungen wechseln; der Rechtsaußen aus der eigenen Jugend wurde hier zum DHB-Auswahlspieler.

          Christophersen nimmt das hin, denn im immerwährenden Handball-Kreislauf haben sich die „Recken“ in Bietigheim und Gummersbach bedient, bei Klubs also, die „kleiner“ sind als sie. Ungleich kniffliger dürfte es allerdings werden, Anführer Olsen zu ersetzen. Der Weltmeister wird Hannover im Juni 2020 verlassen und die Karriere in der dänischen Heimat ausklingen lassen. Olsen spielt seit 2015 für die Burgdorfer.

          Als Nationalspieler und früherer Profi in Berlin und Hannover kennt Christophersen Drucksituationen. Gute Lösungen sind gefragt – und zwar schnell. Er möchte den ganzen Verein in Richtung Druckresistenz schieben. Oft ist es den „Recken“ in ihren gut zehn Jahren Bundesliga gelungen, die Großen zu ärgern. Was nicht so gut klappte, war, die Überlegenheit bei weniger starken Gegnern auszuspielen. „Wir gewinnen in dieser starken Bundesliga nichts im Vorbeigehen“, sagt Christophersen, „aber wir müssen in bestimmten Spielen die Favoritenrolle annehmen.“ In ihm steckt jede Menge Energie für jedes noch so kleine Detail. Es gibt viel zu tun. „Manchmal wundere ich mich beim ersten Blick auf die Uhr, dass es schon 17 Uhr ist“, sagt er.

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          Es könnte alles eitel Sonnenschein sein auf der Expo Plaza im Süden Hannovers. Wäre da nicht der Hallenstreit. Die komplizierte Auseinandersetzung mit Eigentümer Günter Papenburg beschäftigt Juristen. Im Kern geht es um die Anzahl an Spielen in der TUI Arena pro Saison, denn die „Recken“ haben noch eine zweite Heimat, die kleinere Stadionsporthalle. Christophersen will kein Öl ins Feuer gießen, er zeigt aus dem Besprechungszimmer nur Richtung Arena und sagt: „Wer unsere Heimspiele hier besucht, sieht doch, dass das Konzept greift.“ Doch die ungewisse Zukunft beschäftigt und beansprucht ihn und seinen Geschäftsführer-Kollegen Eike Korsen schon jetzt über Gebühr.

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