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Handball in Corona-Krise : „Es ist, als wenn dich jemand überfährt“

  • -Aktualisiert am

Nicht nur der Kieler Nationalspieler Patrick Wiencek leidet unter dem dichten Spielplan. Bild: dpa

In der Handball-Bundesliga fallen immer mehr Spiele aus – mit stressigen Folgen. Ein Trainer spricht von der „brutalsten Saison aller Zeiten“. Der Ausgang der Meisterschaft wird zur Lotterie.

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          Harald Reinkind ist ein kräftiger norwegischer Rückraumspieler. Von ihm stammt ein Satz, der im Spätherbst 2020 wie ein düsteres Szenario klang – inzwischen aber nah an der Realität liegt. Reinkind sagte: „Vielleicht müssen wir irgendwann jeden Tag spielen.“ Ganz so schlimm ist es (bisher) nicht gekommen.

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          Immerhin aber hat der Tabellendritte THW Kiel, für den Reinkind antritt, im Februar sieben Spiele in 13 Tagen hinter sich gebracht; Bundesliga und Champions League. „Beine wie Gummi“ hat Reinkind gespürt. Normaler Rhythmus war in dieser Phase, Dienstag, Donnerstag, Sonntag anzutreten. Nationalspieler Patrick Wiencek sagte: „Es ist, als wenn dich jemand überfährt.“ Trainer Filip Jicha sprach schon von der brutalsten Saison aller Zeiten. Besserung ist in Sicht: Bis Ende April muss der THW nur noch jeden dritten Tag ran.

          Es bleibt wenig übrig, als sich dem Ganzen ironisch-zynisch zu nähern. Die deutschen Spitzenteams sind nun einmal diejenigen mit dem vollsten Kalender. Weil sowohl Kiel als auch die SG Flensburg-Handewitt einige Male coronabedingt pausieren mussten, stehen sie erst bei 17 und 18 Bundesliga-Spielen. Noch nicht einmal die Vorrunde haben sie im März beendet.

          „Es ist eine Lotterie“

          Andere Teams haben schon 22 Partien hinter sich gebracht. Die HBL will unbedingt 38 Spieltage durchziehen. Die Vereine wollen das auch. Aber entwertet es nicht die Meisterschaft, wenn eigene Qualität und Stärke des nächsten Gegners durch coronabedingte Ausfälle mitbestimmt werden? „Es ist eine Lotterie“, sagt der Flensburger Trainer Maik Machulla, „wer in dieser Saison am besten mit den schwierigen Gegebenheiten umgeht, wird der verdiente deutsche Meister sein.“

          Seine Mannschaft ist gerade selbst betroffen. Nach einem Corona-Ausbruch im dänischen Nationalteam während der Länderspielpause fehlen dem Tabellenführer Flensburg für das Derby am Samstag (18.05 Uhr in der ARD) höchstwahrscheinlich zwei Spieler wegen Quarantäne. Weitere vier sind verletzt.

          Machulla sagt: „Wir wollen spielen. Denn weitere Spielausfälle bringen uns nicht weiter. Es geht in dieser Saison nicht um die Plätze eins, zwei und drei. Es geht um das große Ganze. Wir hatten schon so viele Schwierigkeiten in Flensburg mit Corona, Verletzungen, Verlegungen. Wir sind die Weltmeister der Improvisation und Kreativität.“ Die Flensburger Partien gegen den Bergischen HC und bei der MT Melsungen fielen vergangene Woche wegen des Corona-Falls im Team (Lasse Möller) aus. Machulla hätte sich zu gern gemessen. Aber natürlich fügt man sich dem Gesundheitsamt.

          Auch Kiel ist betroffen, musste zuletzt zweimal ohne Welttorwart Niklas Landin antreten. Unklar, ob er am Samstag dabei ist. Die Kieler hatten auch schon eine 14-tägige häusliche Quarantäne zu verdauen, mussten nach nur einem Training gegen Magdeburg spielen. Anders benachteiligt sind und waren die Berliner Füchse. Sie traten zuletzt ohne zwei dänische Stammspieler an (Hans Lindberg und Jacob Holm), die vorsichtshalber isoliert wurden. Mitte Februar hatte die Füchse-Führung um Sportvorstand Stefan Kretzschmar dem Nachholspiel gegen Flensburg zugestimmt – reingepfropft in den übervollen Plan.

          „Hoffentlich keinen blöden Anruf“

          Das Ganze ging sportlich zum Nachteil der Füchse aus. Machulla lobt ihr Verhalten: „Das war vorbildlich. Es geht gerade nicht um fair oder unfair, es geht darum, die Spiele zu spielen.“ Machulla, der auch Sprecher der Trainer-Taskforce ist, glaubt, dass sich Vorteile und Nachteile im Laufe der Saison ausgleichen. Er sagt: „Ich finde, dass wir in der HBL gerade verantwortlich mit unserem Produkt umgehen. Natürlich will jeder gewinnen. Aber wenn jeder nur auf sich schaut, würden wir viel Kredit in der Öffentlichkeit verspielen.“

          Die meisten Klubs begegnen der Lage längst pragmatisch. Auch die MT Melsungen beschwert sich nicht, obwohl sie aus den genannten Gründen erst 17 Mal gespielt hat. Dass die Pandemie mit all ihren Ausbrüchen und Testungen zwar Routine geworden ist, sich aber doch „enorm nervig“ über jeden Trainingstag legt, verschweigt Machulla nicht: „Wenn wir am Morgen 40 Leute getestet haben, hoffe ich abends immer, keinen blöden Anruf mehr zu kriegen.“

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          Schwer im Magen liegt es nicht nur ihm, wenn die Spieler auf Reisen gehen. Das gilt für die Europapokalteilnehmer zwar auch im Vereinsrahmen, doch ist hier bislang kaum etwas passiert. Gerade nach Länderspielen gibt es hingegen, wie im Fußball auch, vermehrte Corona-Fälle. So wie jetzt in Flensburg, Kiel, Berlin und anderswo. „Es ist genau das eingetreten, was wir alle befürchtet haben, wenn wir die Spieler aus unserem Verantwortungsbereich herausgeben“, sagt Machulla.

          Die Auftritte der dänischen Nationalmannschaft in und gegen Nordmazedonien waren jedenfalls keine gute Idee. Den Preis dafür zahlen die Spieler – und die Vereine. „Wir schaffen zehn Spiele in drei Wochen“, sagt Machulla, „aber am Saisonende kommt ja auch noch Olympia.“ Er versucht aus dieser komplizierten Saison etwas Positives zu ziehen: „Ich glaube, die hinzugewonnene Mentalität hilft uns für die Zukunft.“

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