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Handball-Bundesliga : Angriff der Füchse aus Berlin

  • -Aktualisiert am

Die Füchse Berlin sind klar strukturiert und ambitioniert. Bild: Picture-Alliance

Das Berliner Handball-Projekt entwickelt sich – auch weil die Mannschaft Trainer Jaron Siewert in seinem zweiten Jahr akzeptiert. Nun nennt man ihn nicht mehr den „Nagelsmann des Handballs“.

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          Es kann unmöglich einfach sein, sich neben solchen Schwergewichten zu behaupten – schon gar nicht, wenn einer erst 27 Jahre alt ist. Jaron Siewert trainiert die Handballspieler der Füchse Berlin. Er macht es gut: Sein Team knöpfte dem THW Kiel am Sonntag einen Punkt ab und ist nun seit 16 Spielen ungeschlagen, nimmt man die Endphase der vorherigen Saison hinzu.

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          Die Mannschaft hat den jüngsten Trainer der Bundesliga in seinem zweiten Jahr akzeptiert. Und die Entscheider in der Füchse-Führung freuen sich, dass ihr Plan mit dem unerfahrenen Coach aufgeht. „Jaron ist ein Glücksfall für uns“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning. „Jaron hat einen hohen Handball-IQ“, lobt Stefan Kretzschmar, der Vorstand Sport, „es ist beeindruckend, wie ruhig und analytisch er mit der Mannschaft arbeitet.“

          Hanning, Kretzschmar: Siewert hat die beiden wortgewaltigsten Handballmacher Deutschlands über sich. Kleingemacht hat ihn das bisher nicht. Siewert hat eine klare Strategie gewählt. Er spricht nüchtern über den Handball der Marke Füchse. Über die großen Linien des Handballs zu sinnieren, überlässt er Hanning und Kretzschmar. Das wirkt wie eine gut funktionierende Arbeitsteilung.

          Kretzschmar regelt Erwartungsmanagement

          Offenbar reden die beiden Schwergewichte dem jungen Trainer auch kaum rein. Und wenn mal eine Krise kommt, wie im April, übernehmen es Hanning und Kretzschmar, den nötigen Anpfiff zu verteilen. Es war ein typischer Hanning-Plan, es mit diesem „namenlosen“ Trainer zu versuchen. Nach vier Jahren mit dem erfahrenen Velimir Petkovic sollte etwas her, das eine Ära prägen könnte. Hanning kannte Siewert noch als Spieler, begleitete seine Karriere als Trainer im Füchse-Nachwuchs und bei TuSEM Essen und verkündete 2019, dass ab der Saison 2020/21 ebenjener Siewert Chefcoach der Berliner sein würde. Das war mutig.

          Um Siewert nicht zu viel Last aufzubürden, holte Hanning Anfang 2020 Kretzschmar nach Berlin – in Sachen Erwartungsmanagement ist er ein Profi. Für die PR natürlich auch. So kann Siewert sich um das Tagesgeschäft kümmern. Derart passend auf den entscheidenden Positionen besetzt, greifen die Füchse nun langsam an. Bisher stritten sie mit dem SC Magdeburg um den dritten Platz in der Tabelle und zogen meist den Kürzeren: Die Ränge der vergangenen drei Jahre: vier, fünf, sechs.

          Stefan Kretzschmar (links) regelt die Öffentlichkeitsarbeit und das Erwartungsmanagement. Trainer Siewert hat die Mannschaft unter Kontrolle.
          Stefan Kretzschmar (links) regelt die Öffentlichkeitsarbeit und das Erwartungsmanagement. Trainer Siewert hat die Mannschaft unter Kontrolle. : Bild: Picture-Alliance

          Jetzt darf es etwas mehr sein – die Champions League ist das Ziel. Die aktuelle Saison ist dabei ein Übergangsjahr. Deswegen übte sich Sportvorstand Kretzschmar auch in Zurückhaltung, als der Kieler Trainer Filip Jicha am Sonntag sagte, die Füchse seien ein Titelkandidat: „Dass wir dieses Jahr gleich um die Meisterschaft spielen, ist dem Trainer und mir neu.

          Das sollte jetzt auch nicht die Losung für die nächsten Wochen sein.“ Bleibt die Frage, was in dieser Saison möglich ist. Im packenden Schlagabtausch mit dem THW Kiel zeigten die Füchse, dass sie mithalten können. Allerdings ist das nichts Neues. Es fehlte an der Konstanz und der Selbstverständlichkeit, in den Monaten der Dreifachbelastung alle drei Tage ans Leistungslimit zu gehen.

          Höher hinaus muss es in der kommenden Spielzeit gehen. Ab 2022/23 wollen die Füchse um die Meisterschaft mitspielen. War bislang Understatement ihre Devise, ist der baldige Angriff auf die Spitze durch zwei aufsehenerregende Transfers unterlegt: Im Sommer 2022 kommt Max Darj, der Abwehrchef der schwedischen Nationalmannschaft. Noch stolzer sind die Berliner, Mathias Gidsel ebenfalls ab Juni in der Hauptstadt begrüßen zu dürfen. Der dänische Linkshänder hätte bei fast jedem europäischen Spitzenklub unterschreiben können. Kretzschmar lobte: „Mathias ist eines der größten Talente unserer Zeit.“

          Das Gerüst des Berliner Handball-Projekts bilden dabei seit Jahren die Eigengewächse Paul Drux und Fabian Wiede im Rückraum. Ihre möglichen Nachfolger aus dem Nachwuchs sind inzwischen zu den Profis aufgerückt – Matthes Langhoff und Nils Lichtlein, beide Jahrgang 2002. In Sachen Jugendarbeit und Durchlässigkeit sind die Füchse gemeinsam mit der TSV Hannover-Burgdorf führend.

          Erreicht hat Siewert mit seiner sachlichen Art, dass ihm niemand mehr die beiden unbeliebtesten Fragen stellt: Wie es sei, jünger als die meisten seiner Spieler zu sein. Und wie er seine Rolle neben Hanning und Kretzschmar gefunden habe. Den „Nagelsmann des Handballs“ hat ihn ohnehin länger niemand mehr genannt. Statt über ihn spricht man in Berlin gerade lieber von den Erfolgen des Teams: Nichts könnte dem Handball-Lehrer Siewert besser gefallen.

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