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Der Handball-Boom hat Folgen : Die Stars kommen auf 100 Spiele

  • -Aktualisiert am

Hens ist Härte gewohnt: „Wir sehen das als Herausforderung” Bild: dpa

Bundesliga, Pokal, EM, Champions-League, Olympische Spiele: die Handball-Stars werden 2008 bis zu 100 Partien absolvieren. Ausgetragen wird der Handball-Boom auf dem Rücken der Spieler, die Profis bleiben Spielball der Funktionäre.

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          Mag die ganze Liga doch ruhig Angst haben vor der erwarteten Übermacht aus Kiel, Andreas Rudolph hat seine eigene Sicht auf die Dinge. „Kiel musste ja aufrüsten“, sagt Rudolph, der angriffslustige Präsident des HSV Hamburg, „sie fürchten sich eben, dass wir sie irgendwann überholen.“

          Der THW hat seinen Etat auf 6,5 Millionen Euro angehoben und in Filip Jicha und Börge Lund zwei teure Spieler für zusammen eine dreiviertel Million Euro aus laufenden Verträgen bei Lemgo und Nordhorn herausgekauft, um seine Stars Nikola Karabatic und Stefan Lövgren zu entlasten. Ist das etwa eine Reaktion auf den HSV, der im vergangenen Jahr Zweiter wurde und in der an diesem Wochenende beginnenden Spielzeit einen Platz nach oben klettern will?

          „Kiel ärgern“ als Hamburger Hobby

          Es ist zumindest so, dass der HSV mehr und mehr zu einem Spitzenklub gereift ist und die SG Flensburg-Handewitt als Dauerjäger der Kieler ablösen dürfte. Rudolph sagt: „Unser Ziel ist die Meisterschaft. Wir wollen Hamburg zeigen, dass wir in der Champions League eine Macht werden.“ Es ist ein Hobby von Rudolph, den Kieler Manager Uwe Schwenker zu necken, wo es nur geht – obwohl die beiden sich inzwischen privat ganz gut verstehen.

          Schwenker entgegnet stets, das Wachstum beim HSV stehe auf tönernen Füßen, weil der Verein abhängig vom Engagement des millionenschweren Medizin-Technik-Unternehmers aus Ahrensburg sei. Ganz so ist es nicht mehr. Seit der ehemalige Bundesliga-Handballer Peter Krebs beim HSV die Geschäfte führt, sind die Sponsoring-Einnahmen aus anderen Quellen gestiegen: auf inzwischen sechs Millionen Euro beläuft sich der Saisonetat des HSV.

          Trainer Schwalb bleibt bis 2011

          Doch noch immer steht eines der Rudolph-Unternehmen auf der HSV-Trikotbrust. Von einem Rückzug des Selfmade-Millionärs kann also keine Rede sein. Dafür hat die vergangene Serie mit Rang zwei in der Liga und dem Triumph im Europapokal auch zu viel Appetit auf mehr gemacht.

          Als der HSV am vergangenen Freitag seine Einkäufe vorstellte, war Rudolph schon wieder sehr zuversichtlich, sehr kämpferisch. Das erste Mosaiksteinchen für weitere Titel war die Vertragsverlängerung mit Trainer Martin Schwalb, bis 2011 unterschrieb der 44 Jahre alte Handball-Lehrer.

          Mehr Zuschauer, mehr Spiele, mehr Fernsehbilder

          „Wir sind eine hungrige Mannschaft. Wir wollen so erfolgreich wie möglich sein und jedes einzelne Spiel gewinnen. Wir lassen nicht nach“, sagt Schwalb. Mit diesem Motto und großem Zusammenhalt hatte es sein Team zu einer tollen Saison mit nur sechs Minuspunkten gebracht. Die bessere Tordifferenz entschied letztlich zugunsten des THW.

          Auch bei der Kader-Gestaltung gibt es Erfolge. „Wir werden mit allen Leistungsträgern verlängern“, sagt Rudolph, und versprach für die übernächste Saison gleich noch zwei ausländische Weltklassespieler. Man kontaktiere die Spieler und Vereine früh, um später keine Ablösesummen zahlen zu müssen. Der neue Torwart Johannes Bitter, einer der WM-Helden, wurde frühzeitig gefragt, ebenso Oleg Velyky, der im Sommer 2008 aus Kronau kommen wird.

          Saison der Superlative

          „Wir leben nicht von der Hand in den Mund“, sagt der Präsident. Kaum jemand hatte dem HSV einen so langen Atem und eine so clevere Personalplanung zugetraut. Doch Rudolph, Schwalb und Sportdirektor Christian Fitzek harmonieren als Team bestens. Die Gebrüder Gille, dienstälteste Profis hier, werden bleiben, Torjäger Yoon soll ein weiteres Jahr an der Elbe schmackhaft gemacht werden, und die Nationalspieler Pascal Hens und Torsten Jansen sind längst heimisch geworden.

          Höhere Etats, mehr Zuschauer, mehr Spiele, mehr Fernsehbilder (der NDR und der WDR werden in den dritten Programmen samstags um 17.30 Uhr ein halbstündiges Handballmagazin mit Bildern von drei Spielen zeigen) – der Handball steht vor einer Saison der Superlative. Ausgetragen wird all das aber auf dem Rücken der Spieler.

          Spielball der Funktionäre

          Wie unterschiedlich man die große Belastung vom Liga-Beginn bis zur WM 2009 in Kroatien für die Topspieler beurteilen kann, zeigen die Ansichten von Pascal Hens und Guillaume Gille. Der 27 Jahre alte Hens sagt: „Wir sind gewohnt, dass es sehr hart ist. Wir sehen das als Herausforderung.“ Bei Gille, dem 31 Jahre alten Kapitän, hört es sich anders an: „Es ist unmenschlich. Wir haben längst die Grenze erreicht. Wir werden behandelt wie ein Stück Fleisch, das von jedem Verband eingesetzt wird, um Geld zu verdienen.“

          Doch den Profis gelingt es nicht, in einer gemeinsamen Aktion auf die Überlastung hinzuweisen und etwas zu ändern. Sie bleiben Spielball der Funktionäre. Bundesliga, DHB-Pokal, EM in Norwegen, die neue Champions-League-Zwischenrunde, Olympische Spiele in Peking: die Handball-Stars werden im Kalenderjahr 2008 bis zu 100 Partien absolvieren. Vor allem, um sie gelegentlich zu schonen, haben Klubs wie der HSV oder Kiel ihre Kader derart aufgerüstet.

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