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Handball : 38 Spiele, 19 Tage, fünf Wettbewerbe

  • -Aktualisiert am

Wenn auch das Spielgerät eine Pause braucht: Der Handball-Spielplan ist überfüllt Bild: picture-alliance/ dpa

Zu viele Vereine, zu viele Spiele, zu viel Handball: Eine Sportart stürzt sich mit der selbsterzeugten Terminflut in eine vielschichtige Krise. Es gibt diverse Verbesserungsvorschläge - bislang jedoch wurde keiner davon in die Tat umgesetzt.

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          Zu viele Vereine, zu viele Spiele, zu große Leistungsunterschiede, ein verzerrter Spielplan und ein zweigleisiges Unterhaus, das seine Aufsteiger chancenlos ins Oberhaus entlässt - die Probleme der Handball-Bundesliga sind bekannt und vielfältig. Durch die Pleite von Tusem Essen fällt schon jetzt ein Makel auf die Spielzeit 2008/2009 (siehe auch: Handball: Der zweite Absturz).

          Waren die mühelosen Siege der Spitzenteams gegen Abstiegskandidaten mit 20 Toren Unterschied schon immer schlecht für Freunde von spannendem Sport, soll Essen als Konkursteam nun auch noch quasi außer Wettbewerb weiterspielen. Da dürften die Zuschauerzahlen in manchen Hallen zum ersten Mal ins Dreistellige sinken, wenn Essen zum Schaukampf kommt: bloß nicht verletzen.

          In der heißen Phase gäbe es nur noch Spitzensport

          Die Niveauunterschiede zwischen oben und unten, Partien, die 44:18 oder 43:21 enden, haben in den vergangenen Jahren zugenommen, und manches Auswärtsspiel in Pfullingen, Stralsund oder Delitzsch war für die großen Klubs aus Kiel, Flensburg und Hamburg vor allem eine Reisestrapaze. Immer mal wieder ist über eine verkleinerte Liga nachgedacht worden, um das Niveau zu steigern und die Belastung für die müden Profis zu verringern: 14 Klubs spielten eine einfache Punktrunde aus, zwei stiegen ab, danach Play-off-Spiele der besten acht.

          Das sähe ungefähr so aus: Von Ende März 2009 an spielte (die aktuelle Form prognostiziert) Kiel als Erster gegen Großwallstadt als Achten, Flensburg als Zweiter gegen Göppingen als Siebten, Hamburg als Dritter gegen Gummersbach als Sechsten, Nordhorn als Vierter gegen die Rhein-Neckar-Löwen als Fünften. Nach dem Viertelfinale ginge es weiter wie aus Eishockey oder Basketball bekannt, also mit (vielleicht) Kiel gegen Flensburg und Hamburg gegen Nordhorn, dann weiter im Finale mit den beiden Besten, jeweils nach dem Motto „best of five“. Die Fans sähen in der heißen Phase nur noch Spitzenhandball. Das Problem ist, dass der Meister noch mehr Spiele hätte als die bisherigen 34, nämlich wenigstens 35 - eine minimale Entlastung gäbe es nur für die früh Ausgeschiedenen.

          Nicht einmal die Spitzenklubs wollen eine Verkleinerung

          Die spannende amerikanische Variante der Meisterkür ist im deutschen Handball derzeit ausgeschlossen. Keiner der kleineren Klubs würde einer Verringerung zustimmen. Der Weg in die zweite Liga wäre für Minden, Wetzlar oder Balingen der Abschied vom Profisport in der bisherigen Form - es sei denn, es gäbe eine leistungsstarke zweite Liga. Doch nicht einmal die Spitzenklubs wären alle für eine kleinere Bundesliga.

          Bisher sind 17 Heimspiele garantiert, und die Heimspieleinnahmen sind im Handball der größte Teil der Etats. Gerade in Zeiten, in denen sich der Boom deutlich abschwächt und Sponsoren ausbleiben, sind diese Einnahmen elementar. Der Flensburger Manager Fynn Holpert sagt dazu: „Der HSV und die Rhein-Neckar Löwen werden beim Etat wohl noch zulegen können, alle anderen Vereine müssen sich wappnen und werden die Budgets einfrieren.“

          „Den Hamburger lockst du nur mit Spitzenhandball“

          Uwe Schwenker vom THW Kiel beispielsweise ist ein Gegner der Play-off-Spiele: „Schon eine um zwei auf dann 16 Klubs verkleinerte Liga bedeutete für den THW Kiel 300.000 Euro Mindereinnahmen.“ Schwenker sorgt sich auch um die Ostseehalle, die er nicht einfach kurzfristig freiblocken kann. Stehen die Spiele wie derzeit bis zum Serienende fest, fällt die Planung leichter. Klar, dass er ungern ein entscheidendes Spiel nach Hamburg verlegen will, weil in Kiel gerade eine Messe stattfindet.

          Der Mannheimer Manager Thorsten Storm oder der Hamburger Trainer Martin Schwalb wären für die Idee einer Verkleinerung aufgeschlossen. Die Zuschauer in Kiel kommen selbst gegen Wetzlar in voller Stärke, das gilt auch für Flensburg, aber schon das Mannheimer, Lemgoer oder besonders das Hamburger Publikum ist wählerisch. „Den Hamburger lockst du nur mit Spitzenhandball hinterm Ofen vor“, sagt Schwalb.

          „Den äußeren Einfluss werden wir nicht mehr hinnehmen“

          Es gibt aber noch ein anderes Problem, das die Liga und ihre Spieler trifft: 38 Spiele, 19 Tage, fünf Wettbewerbe - das ist der verwirrend bunte Handball-Alltag seit Ende Oktober. Der europäische Handball-Verband EHF verdonnerte die Nationalverbände zu unsinnigen Qualifikationsspielen zur EM. Da spielte Deutschland gegen Bulgarien, und Bulgarien warf elf Tore. „Eine ausufernde Entwicklung“, klagte Bundestrainer Heiner Brand. Mittendrin die Liga. Qualifikation, Bundesliga, Pokal, Championsleague und EHF-Pokal, alles spielt derzeit munter durcheinander.

          Da die halbe deutsche Liga durch Europa turnt, mal am Mittwoch, mal am Donnerstag, mal am Wochenende europäisch spielt, muss die Bundesliga sehen, wo sie bleibt. Das soll sich endlich ändern. Die Handball-Bundesliga HBL sucht die Konfrontation mit der EHF: „Bisher war es immer so, dass wir mit unserem Spielplan kurzfristig auf europäische Ansetzungen reagieren. Diesen äußeren Einfluss auf unsere Spielplangestaltung werden wir 2009 nicht mehr hinnehmen“, sagt Frank Bohmann, Geschäftsführer der HBL.

          Wie die Bundesliga leidet auch die Champions League unter Niveau-, ja Klassenunterschieden: Weil alles wie im Fußball sein soll, wurde die Königsklasse ausufernd vergrößert. Nur kann man schon vor der Auslosung sagen, welche acht der 32 Teams das Viertelfinale erreichen werden: Überraschungen sind so gut wie ausgeschlossen.

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