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Handball-Bestechungsaffäre : Eine Kieler Institution vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Uwe Schwenker: „Ich liebe diese Sportart, und ich liebe den THW Kiel” Bild: imago sportfotodienst

Im Betrugsprozess gegen Uwe Schwenker geht es auch um seine mögliche Rückkehr zum Handball-Spitzenklub THW. Schwenker geht optimistisch in das Verfahren.

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          Versteckt hat sich Uwe Schwenker wirklich nicht in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Häufig ist er an der Geschäftsstelle des THW Kiel am Ziegelteich vorbei spaziert in Richtung Innenstadt und hat seinem Nachfolger Uli Derad fröhlich zugewinkt. Seinen Stammplatz in der Ostseehalle hat Schwenker auch behalten, und wenn es ihm in den Sinn kam, schickte er ausgewählten Spielern des THW eine SMS.

          Der 52 Jahre alte Schwenker ist und bleibt eine Institution in Kiel. Er sagt: „Ich liebe diese Sportart, und ich liebe den THW Kiel. Es gibt immer noch eine große Verbundenheit zu vielen Spielern und Alfred Gislason.“ Der Kieler Trainer Gislason sagt, dass er sich eine Rückkehr Schwenkers auf den Managerposten beim deutschen Rekordmeister wünscht.

          Ob es dazu kommt, hängt allein vom Prozess gegen Schwenker und den ehemaligen Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic ab, der an diesem Mittwoch beginnt. Im Saal 232 des Kieler Landgerichts wollen die Richter der 5. Großen Strafkammer klären, ob Schwenker und Serdarusic die polnischen Schiedsrichter des Champions-League-Finales 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt bestochen haben. Die Anklage der Staatsanwaltschaft Kiel lautet auf Untreue, Beihilfe zur Untreue, Betrug und gemeinschaftliche Bestechung im geschäftlichen Verkehr. Schwenker und Serdarusic bestreiten die Vorwürfe, genau wie die polnischen Schiedsrichter, die in der kommenden Woche aussagen sollen.

          Die Angeklagten: Uwe Schwenker (links) und Zvonimir Serdarusic
          Die Angeklagten: Uwe Schwenker (links) und Zvonimir Serdarusic : Bild: dpa

          Erster entscheidender Zeuge könnte am 28. September Jesper Nielsen sein, der dänische Gesellschafter und ehemalige Hauptsponsor der Rhein-Neckar Löwen. Seine Aussage wird mit Spannung erwartet, denn Nielsen hatte schon 2009 vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt, Schwenker habe ihm am Rande des WM-Endspiels 2009 in Zagreb erzählt, dass das Final-Rückspiel gegen Flensburg verschoben worden sei. Das sei allerdings die Idee Serdarusics gewesen, soll Schwenker damals erzählt haben.

          „Ich will endlich einen Schlussstrich“

          Hubertus Grote, der ehemalige Gesellschafter des THW Kiel, ist allerdings auch vorgeladen, ein Zeuge, der behauptet hat, Schwenker habe in Zagreb nichts dergleichen gesagt. So richtig ins Rollen kam die Affäre erst, als Andreas Rudolph, damals Präsident des HSV Hamburg, Ende März 2009 in einer Pressekonferenz sagte, Schwenker habe ihm schon im Juli 2007 alkoholisiert erzählt, die Schiedsrichter vor besagtem Spiel bestochen zu haben. Das sagte Rudolph auch vor der Staatsanwaltschaft in Kiel aus. Der THW trennte sich daraufhin von Schwenker.

          Schwenker selbst sieht dem Verfahren gespannt entgegen. „Ich will endlich Klarheit“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Meine volle Konzentration gilt dem Prozess. Ich mache mir erst mal keine Gedanken darüber, zurück in den Handball zu kommen. Ich will endlich einen Schlussstrich und nicht mehr warten.“

          Bei Freispruch kehrt Schwenker zurück

          Immer wieder ist der Prozess verschoben worden; zuletzt im Frühjahr, als der Vorsitzende Richter erkrankte. Zu den inhaltlichen Fragen des Prozesses wollte Schwenker keine Stellung nehmen. Seine Anwälte, beide Professoren, gehen von einem Freispruch aus. Das haben sie in diversen scharf formulierten Pressemitteilungen verdeutlicht. Einen sechsstelligen Betrag habe er bislang für den Rechtsbeistand ausgegeben, sagt Schwenker, der weiter in seinem Beruf als Versicherungskaufmann arbeitet. Sollte er verurteilt werden, wäre eine Zukunft im Handball ebenso undenkbar wie die Arbeit im erlernten Beruf.

          In Kiel gilt es als ausgemacht, dass Schwenker auf den Managerposten des THW zurückkehrt, sollte das Gericht ihn freisprechen. Nach der Trennung von Derad, der im Job überfordert und auch gesundheitlich angeschlagen war, versucht sich Klaus Elwardt mehr schlecht als recht als THW-Geschäftsführer. Neben Trainer Gislason wünschen sich auch mächtige Sponsoren die Rückkehr Schwenkers.

          Um Serdarusic ist es zuletzt ruhig geworden

          Bis es soweit sein könnte, müssen die Juristen vor allem einen Punkt klären: Wo sind die 152.000 Euro aus dem Vereinsvermögen geblieben, die nirgends verbucht sind? 92.000 Euro davon sollen 2007 über den kroatischen Mittelsmann Nenad Volarevic an die polnischen Schiedsrichter geflossen sein, der Rest als Darlehen an Serdarusic, der angeblich Geldsorgen hatte. Schwenker bestreitet das und behauptet, dass Geld sei tatsächlich an Volarevic gegangen, allerdings als Honorar für einen vermittelten und noch zu vermittelnde Handballer.

          Aus juristischer Sicht ist interessant, dass Staatsanwaltschaft und Gericht die Sache unterschiedlich bewerten. Die Staatsanwaltschaft spricht von Betrug und Untreue (des Vereinsvermögens), für die Strafkammer geht es um gemeinschaftlich begangene Bestechung. Auch aus dieser Uneinigkeit zwischen Gericht und Anklage leiten Schwenkers Verteidiger ab, dass sich die „Unschuld des Angeklagten schnell erweisen wird“. Schneller, als es 21 angesetzte Verhandlungstage bis Februar 2012 erwarten lassen.

          Schwenker will am Mittwoch ins Landgericht kommen, von Serdarusic weiß man es nicht. Um ihn ist es ruhig geworden. Das Intermezzo als slowenischer Nationalcoach und Trainer des RK Celje ist beendet – Serdarusic wurde entlassen, weil die Siege ausblieben. Zwischen den früher befreundeten Machern des THW besteht kein Kontakt mehr. Ihre Wege werden sich in den kommenden Tagen aber sicher kreuzen, wenn die Handballwelt wieder einmal nach Kiel schaut.

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