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Handball : Auf der Suche nach der Mitte

  • -Aktualisiert am

Die Aussagen des wurfgewaltigen Nationalspielers klingen nicht nach großer Leidenschaft zwischen ihm und seinem Verein TBV Lemgo. Bild: AP

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft bestreitet zwei Länderspiele gegen die Schweiz. Kapitän Kraus ist nicht dabei. Der verletzte Mittelmann vom TBV Lemgo besucht stattdessen seine Heimat - und einen Weg zurück zu sich selbst.

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          Was macht ein Handballspieler wohl außer Feiern, wenn sein Team mal gegen den deutschen Meister gewinnt? Einen Tag nach dem unerwarteten Sieg des TBV Lemgo gegen den THW Kiel weilte der Lemgoer Michael Kraus fernab von seinen Mannschaftskameraden. Denn am Montagabend war er wieder in sein „Wohnzimmer“ zurückgekehrt und schaute sich kurz das Training seines ehemaligen Vereins Frisch Auf Göppingen an.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Stadt ist er geboren, in der Halle spielte er schon mit zehn Jahren Handball. Und vor allem: Hier war er unter Göppingens Trainer Velimir Petkovic, der für Kraus wie ein zweiter Vater ist und ihn weiter berät, zum Spielmacher gereift, der 2007 plötzlich im Rückraum der Nationalmannschaft auftrumpfte - und Weltmeister wurde.

          Zur Europameisterschaft im Januar hatte Bundestrainer Heiner Brand ihn gar zum Kapitän gemacht. Kraus ist einer seiner wichtigsten Nationalspieler und ein Sympathieträger im deutschen Handball. Doch bei dem Turnier in Österreich enttäuschte Kraus. Seine schlechten Leistungen schiebt der Lemgoer darauf, dass er angeschlagen gespielt habe. Denn er lebe von seinem Selbstbewusstsein und Antritt. Doch dass sein Kopf ihm immer sagte, so Kraus, dass er eigentlich verletzt sei, blockierte ihn.

          „Er soll seine Verletzung in Ruhe auskurieren, dann ist er für das Nationalteam wieder ein Thema”, sagt Bundestrainer Heiner Brand über Michael Kraus.

          „Er soll seine Verletzung in Ruhe auskurieren“

          Die deutsche Nationalmannschaft bestreitet in diesen Tagen einen Kurzlehrgang, sie spielte dabei am Dienstag in Aarau gegen die Schweiz 26:26, an diesem Mittwoch tritt sie in Stuttgart noch einmal gegen diesen Gegner an. Doch Kraus ist nicht dabei. „Er soll seine Verletzung in Ruhe auskurieren, dann ist er für das Nationalteam wieder ein Thema“, sagt Brand. Denn derzeit ist der Mittelmann verletzt. Eigentlich.

          Zehn Tage hatte Kraus wegen eines Muskelfaserrisses ausgesetzt, und es dauert wohl noch zehn bis zwölf Wochen, bis die Entzündung vollständig verschwunden ist. Normalerweise wäre auch das Spiel gegen den THW Kiel für ihn zu früh gekommen. Dass er trotzdem dabei war, erklärte Kraus so: Gegen Topmannschaften drücke man eben mal ein Auge zu. Dafür trainierte Kraus am Montag und Dienstag nicht, sondern fuhr in die Heimat, um sich von seinem Physiotherapeuten in der Nähe von Göppingen behandeln zu lassen. So konnte er auch seine Familie und eben Petkovic besuchen.

          Im Sommer 2007 war Kraus von Göppingen zum finanzstärkeren TBV Lemgo gewechselt, der mit ihm in die Champions League wollte - was noch nicht geklappt hat und angesichts des aktuellen sechsten Platzes in der Bundesliga auch in dieser Saison schwer wird. Die Spiele der Mannschaft gleichen - wie die Leistungen von Kraus - einer Achterbahnfahrt. Vor dem Sieg gegen den THW Kiel hatte der TBV Lemgo überraschend gegen Lübbecke aus dem Mittelfeld der Liga verloren. Es hätte in der Vergangenheit zu viel Unruhe gegeben, sagt Kraus. Die Spieler aber brauchten Ruhe, mit ihnen müsse auch ehrlich umgegangen werden.

          Arztbescheinigung angeblich zu spät vorgelegt

          Frisch Auf Göppingen steht dagegen auf Platz vier - und damit vor dem TBV Lemgo. Kraus bereut den Wechsel angeblich trotzdem nicht, immerhin erfolgte der nicht nur aus sportlicher Sicht. Kraus wollte sich auch weiterentwickeln und in der Ferne durchsetzen, sagt er, während er entspannt am Spielfeldrand sitzt und den Göppinger Spielern beim Laufen und Werfen zusieht. Doch in Lemgo sah die Welt für ihn vor kurzem noch ein wenig anders aus. Im Februar hatte ihn der Verein aus disziplinarischen Gründen aus dem Kader gestrichen. Er soll eine Arztbescheinigung zu spät vorgelegt haben. Das sei die offizielle Version, sagt Kraus, mehr wolle er dazu nicht sagen.

          Dass Trainer Markus Baur, mit dem Kraus als Spieler Weltmeister geworden war, vor einem halben Jahr in Lemgo entlassen wurde, bedauert er. Doch manche unterstellen ihm, dass er zu der Trennung beigetragen habe. Das weist Kraus jedoch zurück. Er fand es auch schade, dass der Verein das nicht klargestellt habe. Kraus hätte gerne mit Baur weiter zusammengearbeitet. Baur sei ein sehr guter Trainer und werde seinen Weg gehen, sagt Kraus. Ob er nun in Lemgo zufrieden ist und ob er dort auch in der nächsten Saison noch spielt, dazu will er nichts sagen, um nicht mehr Öl ins Feuer zu gießen.

          Mit dem Tabellenführer HSV Hamburg, gegen den die Lemgoer am Samstag spielen, wird Kraus derweil in Verbindung gebracht. Im Gegensatz zu Göppingen hätten die Hamburger wohl auch das nötige Geld, um den Spielmacher zu verpflichten. Sein Kontrakt mit den Lemgoern läuft noch bis 2012. Falls ein Verein also Interesse habe, müsse er sich schon mit den Verantwortlichen von Lemgo zusammensetzen, sagt Kraus. Nach viel Leidenschaft zwischen Verein und Spieler klingt das nicht mehr.

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