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Hammerwerfer Markus Esser : „Doppelter Ritterschlag“

  • Aktualisiert am

Markus Esser: Späte Genugtuung Bild: AFP

Er war oft unglücklicher Vierter. Jetzt wurden zwei seiner Konkurrenten nachträglich des Dopings überführt. Hammerwerfer Markus Esser im Gespräch über späte Genugtuung, verpasste Ehrenrunden und Silber per Post.

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          Bei Nachuntersuchungen von Doping-Proben der Leichtathletik-WM 2005 in Helsinki wurden fünf Medaillengewinner aus Russland und Weißrussland positiv getestet, darunter die beiden weißrussischen Hammerwerfer Iwan Tichon (Gold) und Wadim Dewjatowski (Silber). Markus Esser aus Leverkusen, damals Vierter, könnte nachträglich aufrücken.

          Darf man Ihnen schon zur Medaille gratulieren?

          Ich muss das mit ein bisschen gedeckten Gefühlen betrachten. Ich habe zwar die Mail des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF bekommen, in der alles drinsteht. Aber so lange es noch nicht offiziell ist, dass ich nachträglich als Medaillengewinner anerkannt werde, muss ich noch vorsichtig sein. Natürlich nehme ich die Glückwünsche an, aber wir warten noch ein bisschen.

          Aber die Medaille würden Sie annehmen, wenn sie denn käme?

          Die würde ich mit Sicherheit annehmen. Ich hoffe nur, dass auf der Medaille dann auch mein Name steht und nicht der von Wadim Dewjatowski.

          „Die ganze Schinderei hat sich doch noch gelohnt“

          Ist es für Sie eine späte Genugtuung, oder ärgern Sie sich, dass Ihnen der Erfolg über all die Jahre vorenthalten wurde?

          Es ist eine Genugtuung, sicherlich. Aber natürlich ärgere ich mich auch. Weil dieses Gefühl, das man hat, wenn man irgendwo als Zweiter oder Dritter auf dem Podest steht, wenn man seine eigene Fahne hochgezogen sieht - diese emotionalen Momente fehlen mir. Bei mir kommt jetzt ein Paket, wenn es denn in ein paar Wochen wirklich kommt, mit einem Begleitschreiben: „Glückwunsch, du bist Zweiter“. Das kann es nicht aufwiegen. Auf keinen Fall. Deswegen bin ich schon traurig. Aber natürlich finde ich es auch klasse. Ich weiß jetzt auf jeden Fall, dass sich meine ganze Schinderei gelohnt hat, dass ich nicht umsonst gearbeitet habe. Das ist das Wichtige daran.

          Hatten Sie schon immer den Verdacht, dass einige nicht ganz sauber waren bezüglich ihrer Leistung?

          So was würde ich nie sagen. Weil man ist immer solange unschuldig bis zum Beweis der Schuld.

          Haben Sie denn selbst Befürchtungen wegen der Nachkontrollen?

          Auf gar keinen Fall. Ich kann den ganzen Kontrollen total relaxt entgegen sehen.

          Sind denn noch weitere Medaillen offen? Kommt vielleicht noch mehr?

          Ich bin ja bei der WM 2005 und bei der EM 2006 jeweils Vierter geworden. Und immer waren die beiden Athleten vor mir gewesen, die jetzt überführt wurden. Wenn man den offiziellen Regularien nachgeht, wird ein Doper zwei Jahre gesperrt. Wobei, bei Dewjatowski ist es noch eine andere Geschichte, der war schon mal gesperrt und ist jetzt noch mal aufgefallen, da weiß ich nicht, wie das gehandhabt wird. Aber auf alle Fälle müssten die beiden auch die Medaillen für 2006 aberkannt bekommen, und dann müsste ich da auch von vier auf zwei hochrutschen.

          Acht Jahre lang wähnten sie sich als weißrussische Doppelsieger: Iwan Tichon (rechts) und Wadim Dewjatowski

          Also silberner Doppelschlag heute.

          Genau: Doppelter Ritterschlag rechts und links auf die Schulter!

          Was bedeutet das für Ihre sportliche Zukunft? Machen Sie mit neuer Energie weiter? Die nächste WM ist ja ausgerechnet in Moskau.

          Also ich weiß nicht, ob die Russen sich darüber freuen, wenn ich da einreise. Aber ansonsten hat sich dadurch erst mal nichts an meinem Fahrplan geändert. Ich hab schon im Winter hart trainiert und werde weiter hart trainieren. Denn ich möchte das Gefühl, das ich vielleicht im Nachhinein bekomme, einmal wirklich erleben. Also wirklich auf dem Podest stehen und mit der Fahne durchs Stadion laufen. Das sind emotionale Momente, dafür lebt ein Sportler.

          Laufen Sie heute wenigstens mit der Fahne durch Leverkusen?

          Wir haben heute sowieso ein kleines Treffen mit Bekannten, und ich denke, wir werden mit einem Sekt oder typisch rheinisch mit einem Kölsch auf diese Geschichte anstoßen.

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