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Schweben auf hohem Niveau: Maik Kotsar (Mitte) und die Hamburg Towers Bild: nordphoto GmbH / Engler

Hamburg Towers : Die Überraschung dieser Basketball-Saison

  • -Aktualisiert am

Die Hamburg Towers geben sich gerne bescheiden. Dabei gedeiht in der Hansestadt gerade das spannendste Basketball-Projekt des Landes – mit einigen Siegen und vielleicht gar einer eigenen neuen Arena.

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          Es ist gar nicht leicht, gegen so viel Lob anzukommen. Sehr gern würden die Hamburg Towers weiter unter dem Radar schweben. Am besten bis in die Play-off-Runde hinein. Mit der – für die Öffentlichkeit bestimmten – Bescheidenheit sind sie in Wilhelmsburg nämlich weit gekommen. Vielen ging ihre Entwicklung im ungeduldigen Hamburg zu langsam. Es gab einige Rückschläge. Doch die norddeutsche Basketball-Organisation um ihren Chef Marvin Willoughby ließ und lässt sich selten locken. Jetzt aber klingen die Schlagzeilen für den Tabellenletzten der Vorsaison wie aus einer anderen Welt: „Lehrbuchbasketball“, „Heißestes Team der BBL“, „Kleine Sensation“.

          Noch ein Stück weiter ging am Samstagabend Aito Garcia. Nachdem Alba Berlin 68:75 gegen die Towers verloren hatte, sagte der Trainer der Berliner: „Von ihrem aggressiven Stil müssen wir lernen.“

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          In solchen Momenten wirkt Pedro Calles, als sei ihm das Ganze schrecklich unangenehm. Hilfe, ein Lob! Der spanische Trainer der Towers unterläuft gern die Erwartungen der Öffentlichkeit. Der nächste Gegner, das nächste Spiel, an den eigenen Schwächen arbeiten, nicht der Einzelne zählt, sondern die Mannschaft: Von Calles, 37 Jahre alt, hört man nichts Vollmundiges, und wenn er spricht, klingt es, als habe der aktuelle Erfolg am allerwenigsten mit ihm zu tun. Dabei gibt es spätestens seit Samstag kein besseres Thema, als über das eigene Team zu sprechen.

          Alba, Bayern und Bamberg geschlagen

          Achtmal nacheinander haben die Towers gewonnen. Und wen sie da alles besiegt haben: Seit dem 23. März schlugen die Hamburger zweimal Alba, dazu die Bayern und Bamberg. Die Wilhelmsburger Festspielwochen haben die Towers auf Rang sechs der Tabelle getragen; sie sind im zweiten Jahr der Erstklassigkeit nur noch eine Winzigkeit vom Erreichen der Play-off-Spiele entfernt.

          Natürlich sind die Euro-League-Klubs Bayern und Berlin körperlich hoch belastet – am Samstag aber wollte Alba schon deswegen alles zeigen, weil nächstes Wochenende beim Top-Four-Pokalturnier der erste Titel der Saison vergeben wird. Und die 75:90-Hinspielniederlage in Hamburg Ende März hatte auch weh getan. Es kam anders. „Nicht viele haben damit gerechnet, dass wir gegen Berlin in Topbesetzung gewinnen“, sagte Towers-Guard Justus Hollatz. „Wir haben mehr gekämpft und verdient gewonnen.“

          Für die Einstellung einer Saisonbestmarke haben die „Türme“ ganz nebenbei auch noch gesorgt: Kameron Taylors acht Ballgewinne („steals“) sind Saisonbestmarke. Überhaupt Taylor. Der aus Bamberg gekommene Guard kam am Samstagabend auf 23 Punkte. Er kam auf fünf Rebounds, gab vier Vorlagen. Taylor war das Gesicht des 18. Saisonsieges. Und er ist Ausweis der neuen Ausgeglichenheit bei den Towers. Im Saisonverlauf haben sich immer andere Profis in den Vordergrund gespielt. In den vergangenen Wochen hatte Mark Kotsar aus Estland die Liga erstaunt. Mit 14,7 Punkten pro Spiel war der 2,11-Meter-Mann bis zur Partie gegen Alba erfolgreichster BBL-Center. So variabel sind die Towers schwierig auszurechnen und könnten ein sehr unangenehmer Gegner in den Entscheidungsspielen werden.

          Kraftraubende Spielweise

          Einsatz, Kampf, Leidenschaft: So definiert Calles seinen Basketball-Stil. „Ich lasse gern aggressiv spielen, damit die gegnerische Offensive in Schwierigkeiten gebracht wird“, sagte er dem Magazin „Big“. „Das verteidigende Team soll mehr attackieren als das angreifende Team.“ Für diese kraftraubende Spielweise steht Max DiLeo. Mit seinem nimmermüden Einsatz spendet der kleine Defensivspezialist dem ganzen Team Energie. Calles hat ihn aus Vechta mitgebracht. Dort ging der Trainer-Stern des Spaniers auf, als er Rasta in der Aufstiegssaison 2018/19 bis ins Play-off-Halbfinale führte.

          Der Spanier Pedro Calles: Neuer Coach der Hamburg Towers und Erfolgsfaktor
          Der Spanier Pedro Calles: Neuer Coach der Hamburg Towers und Erfolgsfaktor : Bild: dpa

          Dank einer Ausstiegsklausel schnappte sich Willoughby den begehrten Coach im Juni 2020. Die Towers hatten gerade ein deprimierendes Premierenjahr in der BBL hinter sich. Nach dem Aufstieg im April 2019 mit Trainer Mike Taylor lief in der Abbruchsaison von Anfang an wenig; drei Siege aus 20 Spielen bedeuteten Rang 17. Tabellenletzter: Die Zusammenarbeit mit Taylor endete. Etwas Neues musste her. Auch für Calles. Er hatte in Vechta alles erreicht.

          Aus der Mannschaft der Vorsaison sind nur drei Profis übrig, unter ihnen der junge Deutsche Hollatz, dem Calles viel Spielzeit gibt. Den großen Rest verpflichteten Calles und Willoughby eng abgestimmt. Es ist immer reizvoll für einen Coach, ein Team nach seinen Vorstellungen zu formen. Auch das lockte Calles nach Hamburg.

          Solide Basketball-Infrastruktur

          Trotz der gewohnt guten finanziellen Ausstattung – Hauptgesellschafter Tomislav Karajica steht für gesundes Wachstum – wachsen die Wilhelmsburger Bäume nicht in den Himmel. Der Saisonetat von fünf Millionen Euro liegt coronabedingt nur noch bei 3,5 Millionen. Anderes entwickelt sich prächtig. Die Basketball-Infrastruktur im Hamburger Süden wird immer besser. Bis Ende 2022 soll das Quartierssporthaus als neue sportliche Heimat und verbindendes Element im Stadtteil fertig sein. Auch die Arena namens Elbdome ist dank Karajicas Einsatz geplant. 150 Millionen Euro Kosten, Platz für 9000 Zuschauer. Noch liegen die Pläne auf Eis.

          Geschäftsführer Willoughby will die Towers in der Liga etablieren. Schritt für Schritt. Er hofft, dass die vielen Sozialprojekte des Towers-Gründungsvereins „Sport ohne Grenzen“ durch die Erfolge der Profis einen Schub und noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Darüber wird dann auch gern gesprochen.

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