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Olympiasieger Braz da Silva : Stabhochsprung-Champion mit Höhenangst

„Wenn der Stab dich hebt, fliegst du“: Thiago Braz Da Silva bei seinem Olympia-Triumph in Brasilien Bild: AP

Sein brisantes Duell mit dem weinenden Franzosen Lavillenie ist noch in frischer Erinnerung. Nun hat der nach Italien übergesiedelte Olympiasieger Thiago Braz da Silva in Berlin Großes vor.

          In einem derart vom Fußball geprägten Sport wie dem Brasiliens muss man Thiago Braz da Silva wohl mit einem Torwart oder einem Linksaußen vergleichen: ein bisschen anders, ein bisschen verrückter als alle anderen. Oder? Ja, sagt der 23-Jährige und lacht, das sei wohl so. Im Sommer ist er in Rio de Janeiro Olympiasieger im Stabhochsprung geworden und scheint, ein halbes Jahr später in der Kälte Europas, immer noch das Glück des überwältigenden Moments auszustrahlen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schon mit zwölf Jahren sei er auf dem Sprung gewesen, erzählt er, doch da flog er noch horizontal. Dann ging er den Traum vom Fliegen an wie ein, nun ja: Torwart oder Linksaußen. Er stieg aufs Dach des Elternhauses in Marilia, gut vierhundert Kilometer nordwestlich von São Paulo, und sprang aus etwa drei Metern Höhe in den zementierten Hof. Der Junge war begeistert. Sein Onkel, ein Zehnkämpfer, wies ihn in die Geheimnisse von Hoch- und Stabhochsprung ein. Von da an ging’s aufwärts.

          „Wenn der Stab dich hebt, fliegst du“, schwärmt der Champion. Den vorläufigen Höhepunkt seines Aufschwungs erlebte er in der Nacht des 16. Augusts, als er im Duell mit dem Weltrekordhalter, Renaud Lavillenie, 6,03 Meter auflegen ließ, eine Höhe zehn Zentimeter über seiner Bestleistung - und sie, getragen von einem enthusiastischen Publikum, überflog. Der Glanz der Goldmedaille wurde getrübt vom Verhalten der Zuschauer, die Lavillenie beschimpften, auspfiffen und in seiner Konzentration störten. Noch während der Siegerehrung wurde der Franzose von den brasilianischen Fans angefeindet und weinte bittere Tränen. „Das war hart. Ich war auch traurig“, sagt Braz da Silva.

          Mit russischem Trainer in italienischem Nest

          Auf den frühen Gipfel seiner Karriere hat sich Thiago Braz da Silva professionell vorbereitet. Als Offizier der brasilianischen Armee alimentiert und freigestellt für den Sport, reiste er 2014 erstmals zum Training nach Formia in Italien, wo der legendäre Coach Witali Petrow ein Camp unterhält. Vor zwei Jahren entschied er sich, wie einst Sergej Bubka und wie danach Jelena Isinbajewa, täglich mit dem erfahrenen Russen zu arbeiten, und übersiedelte in die Stadt an der Küste zwischen Rom und Neapel, die ihm, dem lebenslustigen Brasilianer, als verschlafen erscheint. „Wer dort lebt, kennt nur Arbeit und Schlaf“, behauptet er.

          Längst ist Braz da Silva, der künftig gerne auch in Berlin trainieren würde, in Europa zu Hause, spricht fließend Italienisch und hat das Selbstbewusstsein eines Überfliegers entwickelt. Noch vor einem Jahr war er, als er beim Hallen-Istaf in Berlin mit 5,93 Meter siegte, in eine neue Dimension vorgestoßen und bejubelte seinen Südamerika-Rekord. An diesem Freitagabend wird er wieder in Berlin antreten, doch er ist ein anderer. Er wolle sich den Weltrekord holen, sagt er fröhlich. Der steht, seit Bubka sie 1994 übersprang, draußen bei 6,14 Meter und, seit Lavillenie sie 2014 in Donezk überflog, in der Halle bei 6,16 Meter. Und er wolle der erste Stabhochspringer werden, der bei Olympischen Spielen zwei Mal eine Goldmedaille gewinnt. Am Stab mag der Brasilianer kein Limit respektieren. Im freien Fall war er schon darüber hinaus. „Ich habe ein Mal Fallschirmspringen ausprobiert“, erzählt er. „Das ist mir zu hoch. Das macht mir Angst. Das ist verrückt.“

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