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Hallen-EM Leichtathletik : Vom Metall befreit, mit Gold belohnt

Könnte fast abheben vor Freude: Christina Schwanitz Bild: AFP

Kugelstoßerin Christina Schwanitz gewinnt bei der Hallen-EM den einzigen Titel für die deutschen Leichtathleten. Ohne viele bewährte Kräfte reicht es zu fünf Medaillen.

          3 Min.

          Es war fünf vor zwölf am letzten Tag der Hallen-Europameisterschaften, auch im übertragenen Sinn, als Christina Schwanitz an diesem Sonntag ihren sechsten und letzten Versuch im Kugelstoßen hatte. Mit einem Schrei und einer explosiven Bewegung stieß sie die Kugel in einer hohen Kurve in die Luft des Skandinaviums von Göteborg. Als die vier Kilogramm Eisen auf den Kunststoffboden aufschlugen, 19,25 Meter vom Ring entfernt, hielt die 1,80 Meter große Sächsin nur mühsam an sich. Die Versuche der bis dahin führenden russischen Olympia-Zweiten Jewgenia Kolodko (19,04) und der Weißrussin Alena Kopitz (18,85) musste sie noch abwarten, dann hatte sich ihre Leistung in eine Medaille verwandelt, in die erste von fünf der deutschen Mannschaft bei diesen Titelkämpfen und die einzige aus Gold. „Bei den ersten Versuchen habe ich nachgedacht. Das macht langsam“, sagte die 27-Jährige über ihren ersten internationalen Erfolg. „Beim letzten habe ich meinen Körper machen lassen.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weniger als eine halbe Stunde später erkämpfte sich die 22 Jahre alte Corinna Harrer aus Regensburg in einem mutigen Lauf über 3000 Meter und in einem langen Spurt vier Hundertstelsekunden Vorsprung vor der Irin Fionnuala Britton und neun Hundertstel vor der Russin Jelena Korobkina. Damit hatte sie die Silbermedaille gewonnen (9:00,50). Die wegen Dopings vorbestrafte Portugiesin Sara Moreira (8;58,50) blieb unerreichbar. „Morgenstund’ hat Gold im Mund“, behauptete die Silbermedaillengewinnerin.

          In der Abendstund’ legten die Stabhochspringer Björn Otto und Malte Mohr sowie Weitspringer Christian Reif nach. Hinter dem französischen Olympiasieger und Weltmeister Renaud Lavillenie kamen Otto und Mohr (beide 5,76) auf die Plätze zwei und drei. Lavillenie übersprang 6,01 Meter im ersten Versuch und überflog sogar 6,07 Meter. Zu seinem Ärger und seiner Enttäuschung annullierten die Kampfrichter allerdings das letzte Resultat, weil die Latte zwar nicht fiel, aber aus der Halterung sprang. Reifs drei Sprünge über acht Meter - 8,01, 8,03 und 8,07 - reichten nicht an die Weiten des Russen Alexander Menkov (8,31) und des Schweden Michel Tornéus (8,29) heran. Er wurde mit der Bronzemedaille belohnt. Verena Sailer, Sprint-Europameisterin von 2010, lief im Finale über 60 Meter in 7,16 Sekunden auf Platz 8. Die Bulgarin Tezdzhan Naimova, von 2008 bis 2010 wegen Dopings gesperrt, war sechs Hundertstelsekunden schneller und siegte.

          Die Top-Athleten sind nicht dabei

          Christina Schwanitz und Corinna Harrer, die beiden jungen Frauen mit dem Bumms im Arm und dem Biss im Spurt beendeten die langen Tage, an denen sich zeigte, wie wenig Glanz es hat, wenn eine Organisation wie der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) tatsächlich das ehrenwerte Versprechen hält, seinen Athleten von internationalem Format Zeit zur Regeneration und zur Ausbildung zu geben. Da machten Kugelstoß-Weltmeister David Storl und die Stabhochspringerinnen Silke Spiegelburg und Martina Strutz genauso durch Abwesenheit von sich reden wie Hürdensprinterin Carolyn Nytra, Dreispringerin Katja Demut sowie die Läufer Carsten Schlangen und Arne Gabius; oder Ariane Friedrich und Raul Spank durch ihre Auszeit vom Hochsprung. Dabei sollte doch die junge Generation mit spektakulären Leistungen auf sich aufmerksam machen. Obendrein scheiterten die beiden Titelverteidiger Ralf Bartels und Sebastian Bayer. Kugelstoßer Ralf Bartels, vor zwei Jahren in Paris noch Gewinner der Goldmedaille, wurde Vierter (20,16 Meter) in einem Wettkampf, den der Serbe Asmir Kolasinac für sich entschied (20,62). Bayer, Hallen-Europameister von Turin und Paris, traf in der Qualifikation den Absprungbalken nicht, wie er bitter beklagte - und war raus.

          Keine Laufkrise in Deutschland

          Es sei nicht nur um sie selbst gegangen, sagte Corinna Harrer, die mindestens so schnell spricht, wie sie rennt. Sie habe auch demonstrieren wollen, dass von einer Laufkrise in Deutschland keine Rede sein kann. „Göteborg war für mich eigentlich eine Zwischenstation“, verriet die 1500-Meter-Läuferin. „Jetzt können wir weiter trainieren und im Sommer ankommen.“ Die neue Hallen-Europameisterin Christina Schwanitz hat sich im vergangenen Jahr von Kopf bis Fuß befreit. Aus den Füßen ließ sie sich insgesamt zehn Metallschrauben entfernen, die ihre Füße nach einer Operation hatten stabilisieren sollen, mehr und mehr aber zu einer Last wurden. „Wenn ich gewusst hätte, dass mir das so guttut, hätte ich es früher gemacht“, sagt sie. Und seit sie bei den Olympischen Spielen von London vor 80000 Zuschauern antrat, sagt sie, empfinde sie ihren Sport nicht mehr als Arbeit, sondern als Privileg. Das ist eine Neuigkeit für sie: „Kugelstoßen macht Spaß.“ Die Sportsoldatin aus dem Erzgebirge war von ihrem Erfolg so gerührt, dass sie bei der Ehrenrunde die falsche Richtung einschlug und, mit Tränen in den Augen, beinahe über einen Startblock gestürzt wäre. „Bluttests“ schlägt sie vor gegen den allgegenwärtigen Doping-Verdacht, nicht nur in ihrer Sportart. „Die Untersuchung des Bluts wie vor der WM in Daegu hatte abschreckende Wirkung“, hat sie festgestellt. „Die ein oder andere ist weggeblieben.“

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