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Erster Livesport in England : Snooker taucht aus der Versenkung auf

  • -Aktualisiert am

Endlich wieder am Tisch: Die Snooker Championship League geht los. Bild: dpa

Nicht die hochbezahlten Stars der Premier League, der Rugby Union oder im Cricket kehren auf der Insel als erste zum Live-Geschehen zurück, sondern die Gentlemen mit den feinen Queues. Das freut vor allem den Veranstalter. „Snooker ist an der Spitze der Innovation.“

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          Barry Hearn kann nicht anders. Wenn dem großen Senior unter den britischen Sportpromotern ein Coup gelungen ist, muss er ihn mit einigem Getöse in die Welt hinausposaunen. Das galt schon in den Neunzigern, als er die WM-Kämpfe von Chris Eubank, Prince Naseem Hamed und anderen Profiboxern als Meilensteine in der Geschichte der Menschheit anpries. Mittlerweile im 72. Lebensjahr, wusste er vergangene Woche laut und stolz einen weiteren Durchbruch zu verkünden. „Wir werden der erste größere Sport sein, der zum live übertragenen Geschehen zurückkehrt“, ließ Hearn sich in einer Mitteilung seines Unternehmens Matchroom zitieren. Das ist für ihn kein Zufall, sondern der „harten Arbeit“ geschuldet, die er mit seinem Team während des Corona-Lockdowns verrichtet hat, um „wieder in die Gänge zu kommen“.

          In diesen Tagen meint der Impresario damit allerdings keine hitzigen Ringduelle, sondern Snooker – die britischste aller Billardvarianten, die Hearn als Veranstalter wie als treibende Kraft der World Snooker Tour (WST) in der letzten Dekade zum europaweit nachgefragten TV-Produkt aufpoliert hat. Ihre globale Prestigeserie ,Main Tour‘ hat seit dem Finale der Gibraltar Open (Mitte März) insgesamt elf Wochen Pause gehabt. Seit Montag aber geben sich 64 Spieler nun bei der so getauften Championship League wieder die Kugeln. In der Marshall Arena von Milton Keynes, einer Retortenstadt nördlich von London, treten sie in zwei Gruppenphasen und anschließenden K.-o.-Runden gegeneinander an, um bis zum 11. Juni den Empfänger der Siegprämie über 30.000 Pfund zu ermitteln.

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          Nicht die Stars der Premier League, der Rugby Union oder der Pro40 League im Cricket, sondern die Gentlemen mit den feinen Queues tauchen also als Erste aus der Versenkung auf und kehren zum regulären Turnierbetrieb zurück, nachdem Hearn bereits seine zweite große TV-Sportart Darts in der „Home Tour“ mit Online-Duellen seiner Profis wieder belebt hatte als Fernsehereignis mit einem gewissen Charme.. Die nervtötende Zeit, als sich der Sportfan auf der Insel ausschließlich von Konserven alter Wettbewerbe im Fernsehen ernähren musste, dürfte sich damit dem Ende zuneigen. Mr. Hearn und die WST haben in Abstimmung mit Experten sowie einem parlamentarischen Ausschuss ein umfassendes Hygienekonzept vorgelegt. Es übertrifft laut dem Promoter natürlich „alle anderen Vorgaben, die bisher in irgendeinem anderen Sport gemacht wurden“, und sendet eine unverdrossene „Botschaft an die Sportwelt“ aus: „Snooker ist an der Spitze der Innovation.“

          Bereits 72 Stunden vor dem ersten Stoß wurde die Mehrzweck-Arena in Milton Keynes lückenlos desinfiziert – und mit ihr das integrierte Hotel, in dem die Aktiven bis zum Ausscheiden aus dem Turnier verbleiben. So wie sie wurden auch sämtliche Offizielle, TV-Leute und Hilfskräfte auf Covid-19 getestet. Die Schiedsrichter sind überdies gehalten, nach Möglichkeit zwei Meter Abstand zu den Spielern zu halten. Jeder Einzelne von ihnen verfügt über seinen persönlichen Satz an Hilfsgeräten für schwierige Lagen auf dem Spieltisch, vom Verlängerungs-Griff bis zum „Spider“. Der an Etiketten reiche Sport wird durch zusätzliche Vorschriften im Grunde nur weiter choreographiert; das scheint zumindest die weitverbreitete Hoffnung zu sein.

          Turnier ohne Trainings- und Wettkampfpraxis

          Wie die Cracks bei aller Vorsicht dennoch in den gewissen Flow hineinkommen können, der ihr Spiel in entscheidenden Momenten auf eine höhere Ebene hebt: Das bleibt bis auf weiteres abzuwarten. Nur ein kleiner Teil von ihnen verfügt zu Hause über einen eigenen Tisch, an dem sie sich während der elfwöchigen Wettkampfpause leidlich in Form halten konnten. Außerdem ist die Wettkampf-Praxis gerade im Snooker auch durch das beste Training nicht zu ersetzen. „Die einzige Art, dein Selbstbewusstsein zurückzubekommen, ist, Matches zu gewinnen“, sagt David Gilbert, aktuell die Nummer elf der Weltrangliste aus Derby. Darum weiß auch er nicht, welche Qualität an Konkurrenz da auf ihn zukommt. „Sie werden alle sagen, dass sie nicht geübt haben“, sagt der 38-Jährige mit einer Prise Humor, „aber ich bin ziemlich sicher, dass sie es haben.“

          Doch ob nun Gilbert gewinnt oder Judd Trump, die aktuelle Nummer eins, oder die lebende Legende Ronnie O’Sullivan, der auch gemeldet hat – das ist Hearn gerade einerlei. Zeitgleich mit den ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen auf der Insel – und wenige Wochen nach einem kleineren Herzinfarkt – möchte der Impresario wieder in seiner Parade-Disziplin überzeugen: etwas anzuschieben, das möglichst viele elektrisiert. Dafür hat er sich das Geisterturnier, an dem er kaum verdienen wird, letztlich ausgedacht: Mehr Beitrag zum Wohl des Königreichs als echter Business Case.

          „Wir reden von mentaler Gesundheit“, sagt Hearn, „und die mentale Gesundheit einer Nation wird durch Sport gestärkt.“ Nur ideell denkt er jedoch nicht: Klappt dieser Testlauf, steht auch der in den August verschobenen WM in Sheffield wohl nichts mehr im Wege.

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