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Großbritannien : Die Legende vom heiligen Fußballer

  • -Aktualisiert am

Kirchenfenster zeigen Duncan Edwards im Trikot von „ManU” ... Bild: Conny Böttger

18 Nationalspiele für England und 151 Ligaspiele für Manchester United hatte Duncan Edwards absolviert, als er 1958 bei einem Flugzeugsturz ums Leben kam. Seine Heimatstadt Dudley ist heute ein Pilgerziel für Fußball-Fans. Sogar Kirchenfenster sind ihm gewidmet.

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          Reverend Geoff Johnston wartet bereits auf dem Bahnhof, als ich mit dem Zug aus London eintreffe. Pfarrer Johnston ist der Hüter eines europaweit einzigartigen Schatzes. Als ich mich deswegen telefonisch an ihn gewandt und auch von den anderen Kultstätten der Stadt erzählt hatte, die ich besuchen wollte, hatte er sich sogleich als Chauffeur angeboten. So geschah es, daß ich meine Reise in die Fußballwunderwelt der Stadt Dudley unter geistlichem Beistand absolvierte.

          Ein Glückslos, wie schon während der Autofahrt zur St. Francis Church deutlich wird - Reverend Johnston erweist sich als ein äußerst liebenswürdiger, weltoffener Gentleman. Als Pfarrer ein Mann der anglikanischen Kirche, hält er es fußballerisch eher mit dem Gillingham FC, dem Club seiner Heimatstadt im Süden Englands. Ein Fan im eigentlichen Sinn sei er aber nicht, erzählt er in bestem Deutsch, das er pflegt, seit er vor Jahren einen Jugendaustausch mit Berlin organisierte. Jetzt betreut er hier, in Mittelengland, eine Kirchengemeinde.

          Denkmäler huldigen den Fußball

          Dudley, eine zerklüftete Kommune mit 350.000 Einwohnern und immerhin einem Stadtkern, gehört zum Black Country, dem Ballungsgebiet nördlich und westlich Birminghams, das einst für seine Kohlevorkommen und Schwerindustrie berühmt war. Von der Geschichte der Region kündet heute das Black Country Living Museum, ein Freilichtmuseum, das auswärtige Besucher nach dem Dudley Castle gerne ansteuern. Fußballerisch steht Dudley im Schatten zweier benachbarter Traditionsclubs, deren Stadien nur ein paar Kilometer entfernt liegen: West Bromwich Albion und Wolverhampton Wanderers.

          ... und im Dress der Nationalelf

          Erstaunlich ist es trotzdem, daß die Stadt in der Topographie des Fußballs nicht längst als Wallfahrtsstätte ausgewiesen ist. In Dudley findet sich wirklich alles: Grabmäler, die König Fußball huldigen; auf dem Marktplatz im Zentrum der Stadt kein Kriegerdenkmal und kein Herrschermonument, sondern die Statue eines Fußballers; und in der Kirche ein Fenster, das einen Fußballer gleich einem Heiligenbildnis zeigt.

          Ein Versprechen beerdigt

          Dudley ist die heimliche europäische Hauptstadt des Fußballer-Totengedenkens. Daß es dazu werden konnte, geht auf ein Ereignis zurück, das zu den traurigsten der Fußballgeschichte gehört: Am 6. Februar 1958 war auf dem Flughafen München-Riem eine britische Maschine beim Startversuch über das Rollfeld hinausgeschossen und gegen eine Häuserwand gerast. Unter den 23 Toten waren acht Spieler und drei Betreuer des Teams von Manchester United, das sich auf dem Rückflug von einem Europacup-Spiel gegen Roter Stern Belgrad befand.

          Die Urangst des Fans, daß seine Helden auf einen Schlag aus der Welt verschwinden könnten - sie war 1958 in München Wirklichkeit geworden. Der Verlust wurde um so schmerzlicher empfunden, als es mit Manchester United, dem amtierenden englischen Meister, eine blutjunge Truppe getroffen hatte. „Busby Babes“ waren die Schützlinge von Trainer Matt Busby genannt worden, der selbst das Unglück nur schwer verletzt überlebte. Mit den jungen Menschen, die in München starben, wurde auch ein großes fußballerisches Versprechen zu Grabe getragen - so empfand es europaweit die Fußballgemeinde.

          Die Legende vom Himmelsstürmer

          Die allergrößten Hoffnungen hatten einem 21jährigen Jungen gegolten, der zur Zeit des Unglücks bereits 18 Nationalspiele für England und 151 Ligaspiele für Manchester United absolviert hatte. Am 21. Februar 1958, fünfzehn Tage nach dem Unglück, erlag dieser Junge, der das Zeug zu einem Weltstar hatte, im Münchner Krankenhaus Rechts der Isar seinen Verletzungen. Fünf Tage später wurde Duncan Edwards in seiner Heimatstadt Dudley unter dem Geleit von 50.000 Menschen zu Grabe getragen. Die Trauerfeier fand in eben jener Kirche statt, die heute von Reverend Johnston betreut wird.

          Die St. Francis Church, ungefähr fünfzehn Autominuten vom Bahnhof in der Laurel Road gelegen, gehört zu einem Typus Kirche, der Mitteleuropäer leicht irritiert. Ein Backstein-Bau, ohne hochherrschaftlichen Turm - mancher wird es für eine Scheune mit Vorbau halten. Sympathisch wie der Verzicht auf einschüchternde Architektur ist auch, daß die Kirche dem Besucher tagsüber offensteht - eine Seltenheit in Deutschland. In einer Seitenkapelle findet sich das Gesuchte: die Legende vom Himmelsstürmer, dargestellt auf einem bunten Fenster, durch das Licht von außen einfällt.

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