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Green Bay Packers : Eine Aktie, um die sich alle reißen

  • -Aktualisiert am

Nominalwert 250 Dollar, ideeller Wert ungleich höher: Die neuen Packers-Anteilsscheine Bild: dapd

Die Green Bay Packers, der erfolgreichste Klub im Profi-Football, sind in den Händen von 112.000 Anteilseignern.

          Der Präsident der Vereinigten Staaten hat im vergangenen Winter kein Hehl daraus gemacht, welchem Footballklub seine Sympathien gehören: den Chicago Bears in seiner Heimatstadt.

          Die Bears sind seit der Gründung der National Football League (NFL) in den zwanziger Jahren - ähnlich dem Spannungszustand im Ruhrgebiet zwischen Schalke und Dortmund - nur einem Erzrivalen in inniger Animosität verbunden: der Mannschaft in einer kleinen Stadt in Wisconsin, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich, wo man sich selbstbewusst den Spitznamen „Titletown, USA“ zugelegt hat.

          Das hat allerdings seinen Grund: Die Green Bay Packers sind der erfolgreichste Klub in der Geschichte des Profi-Footballs und in dieser Saison nach zwölf Spielen noch immer ungeschlagen.

          Nachdem die Mannschaft im Februar ihre Ausnahmestellung mit dem Gewinn des Super Bowl noch einmal unterstrichen hatte, machte sie Barack Obama ihre Aufwartung.

          Anteilsschein für den Präsidenten

          Das Staatsoberhaupt lobte Green Bay gönnerhaft als Ort, der „die alten, kleinstädtischen Werte widerspiegelt, Gemeinschaftsgeist und harte Arbeit, die schon immer definiert haben, was es heißt, Amerikaner zu sein“. Und die Spieler revanchierten sich. Sie hatten nicht nur ein Trikot mit der Rückennummer 1 mitgebracht, sondern auch einen Anteilschein des Klubs.

          „Als Mitbesitzer sollte ich jetzt eigentlich einen Spielertausch veranlassen, der Rodgers zu den Bears bringt”, witzelte Obama, der als Sportfan weiß, über welche Klasse Aaron Rodgers verfügt, der Quarterback der Packers.

          Besucher mit Gastgeschenken: Obama bekam nicht nur einen Packers-Anteilsschein, sondern auch ein Trikot der Super-Bowl-Gewinner

          Das Zertifikat ist durchaus wertvoll. Es ist nicht leicht zu bekommen. Der Klub gehört bislang ganzen 112.000 Aktionären, die zusammen über mehr als 4,75 Millionen Anteilscheine verfügen.

          Sorgenkind? Von wegen

          Noch viel rarer ist die Eigentümer-Konstruktion der Packers im amerikanischen Ligasport. Kein anderer Klub, ob im Baseball, Basketball, Eishockey oder Football, wird als Unternehmen nach Art eines Vereins geführt. Die Teams gehören gewöhnlich Einzelpersonen oder überschaubar großen Geschäftspartnerschaften, die das benötigte Kapital im neunstelligen Bereich aufzubringen in der Lage sind.

          Aber bei dem Traditionsklub in Green Bay ist vieles anders. Obwohl die Stadt mit ihren etwas mehr als 100.000 Einwohnern vergleichsweise klein ist, gehört ihr Footballklub keineswegs zu den Sorgenkindern der NFL. Im Gegenteil.

          2010 erzielten die Packers einen Umsatz von 259 Millionen Dollar und lagen damit auf dem elften Rang der Tabelle der 32 Teams. Was noch wichtiger ist: Der Klub ist schuldenfrei. Ein erheblicher Teil der jährlichen Einnahmen - 131 Millionen Dollar - kommt aus dem 4,2 Milliarden Dollar großen Topf der Fernsehlizenzen, den die Liga erwirtschaftet. Den Rest erzielt man im Alleingang.

          Spitzenreiter im Trikotverkauf

          Keine Mannschaft in der Liga hat eine derartig treue Fangemeinschaft. Das Team ist landesweit Spitzenreiter beim Trikotverkauf. Jedes Heimspiel seit 1960 war ausverkauft. Die Warteliste für Jahreskarten ist mittlerweile auf mehr als 80.000 Interessente angewachsen. Angesichts einer derartigen Wirtschaftskraft würde denn auch niemand auf die Idee kommen, den Namen des Stadions an einen Werbepartner zu verhökern, wie das woanders gang und gäbe ist.

          Die Arena heißt nicht von ungefähr Lambeau Field - Curly Lambeau war Spielertrainer und einer der Gründer der Packers, die zum Urgestein der NFL gehören. Genauso undenkbar wäre es, die Straße vor dem Stadioneingang umzutaufen.

          Die Lombardi Avenue erinnert an die zweite große Figur und an die zweite sportlich überragende Phase in der Geschichte des Klubs: an den Trainer Vince Lombardi, der zwischen 1959 und 1967 mit seinen Erfolgen den Mythos einer Sportart schuf, in der die Männer an der Seitenlinie ihre Gladiatoren auf dem Platz wie Feldherren auflaufen lassen.

          Wenn man in Green Bay Geld braucht, um es zum Beispiel in den Ausbau des Stadions zu stecken, verkauft man einfach weitere Anteilscheine. So gingen am Dienstag 250.000 Aktien zum Preis von 250 Dollar auf den Markt, mit dem die 130 Millionen Dollar teure Aufstockung des Lambeau Field auf 80.000 Sitzplätze finanziert werden soll. Eingebaut werden Lifte für die Besucher der Luxussuiten und größere Videomonitore, die dank ihrer Doppelfunktion als Werbeflächen wieder Geld einspielen werden.

          Hilfe aus Pittsburgh

          Handel treiben kann man mit den Anteilscheinen nicht. Man darf sie allenfalls an Familienmitglieder weiterreichen. Dividenden gibt es keine, alle Gewinne werden ins Unternehmen reinvestiert. Und der Einfluss auf die sportliche Leitung des Klubs mit Präsident Mark Murphy und Cheftrainer Mike McCarthy geht gegen null. Trotzdem fühlen selbst Anhänger anderer NFL-Klubs eine Beziehung zu dem Konzept „Football-Aktionär“. Das Zertifikat hat schließlich mindestens Sammlerwert.

          Dass die Packers noch immer auf diese Weise ihren Besitzstand mehren können, liegt auch daran, dass der Klub 1997 viele Sympathien bei einem anderen Traditionsklub fand, den Pittsburgh Steelers.

          Deren Eigentümer Dan Rooney führte einen Stimmungswechsel bei seinen Kollegen herbei, die dagegen waren, dass Green Bay weitere Anteilscheine zeichnet. Sie befürchteten, dass das Team mit dem eingenommenen Geld teure Trainerstäbe und hohe Spielergehälter bezahlt und so den sportlichen Wettbewerb verzerrt. Rooney erklärte: Die Packers seien ein essentieller Teil der NFL-Geschichte und hätten jede Unterstützung verdient.

          Ausländer können sich übrigens nicht in diesen Teil der Football-Geschichte einkaufen. Aktionäre müssen über eine Adresse in den Vereinigten Staaten, auf Guam, Puerto Rico oder den Amerikanischen Jungferninseln verfügen.

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