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Grand-Slam-Turnier : Wendepunkt Wimbledon

Schlechte Erinnerungen an Wimbledon, gut in Form: Angelique Kerber Bild: AFP

Nach dem Rasenturnier in London begann im vergangenen Jahr der Aufstieg der Tennisspielerin Angelique Kerber - während es für ihre Fed-Cup-Teamkollegin Sabine Lisicki anschließend bergab ging.

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          Angelique Kerber war eigentlich nur zum Turnier nach Eastbourne gereist, um sich an den englischen Rasen zu gewöhnen, die eine oder andere Runde zu überstehen und dadurch möglichst viel Matchpraxis für Wimbledon zu sammeln. Dass dann alles überraschend glatt ging und die Kielerin ihr erstes Finale bei einem Rasenturnier erreichte, bezeichnete die derzeit beste deutsche Tennis-Dame als „großartige Woche für mich“.

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          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar vergab Angelique Kerber im Endspiel fünf Matchbälle und unterlag letztlich der Österreicherin Tamira Paszek nach 2:46 Stunden Spielzeit 7:5, 3:6 und 5:7. Doch gehört die Weltranglistenachte, die sich in den vergangenen Tagen mit einer Erkältung herumplagte, zum Kreis derer, mit denen beim dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres zu rechnen ist. „Für Angie ist es das Wichtigste, dass sie gesund ist. Dann trau ich ihr auch hier viel zu“, sagte Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner nach der Auslosung in London: „Wenn ein Belag ihrem Spiel besonders gelegen kommt, dann ist es Rasen.“

          An der Church Road muss sich die Vierundzwanzigjährige, die in dieser Saison schon 40 Matches gewonnen hat und damit so viele wie keine andere Dame im Profizirkus, an diesem Montag zunächst mit der Tschechin Lucie Hradecka auseinandersetzen. Sollte sie die 68. der Welt bezwingen, könnte Angelique Kerber im Achtelfinale auf die Belgierin Kim Clijsters und im Viertelfinale auf die Branchenführerin und Vorjahresfinalistin Maria Scharapowa treffen. „Ich bin jetzt bereit für Wimbledon“, sagte die Deutsche in Eastbourne.

          Kerber ist gewappnet: „Ich bin jetzt bereit für Wimbledon“
          Kerber ist gewappnet: „Ich bin jetzt bereit für Wimbledon“ : Bild: AFP

          Doch wie auch immer es von diesem Montag an für sie weitergeht auf dem Londoner Rasen - schon jetzt hat Wimbledon Angelique Kerbers Leben verändert. Nicht Knall auf Fall wie für die jungen Sieger vergangener Tage, die wie Boris Becker, Roger Federer, Maria Scharapowa oder die aktuelle Titelverteidigerin Petra Kvitova dort ihren Durchbruch schafften und fortan von der Tenniswelt mit anderen Augen gesehen wurden. Im Gegenteil: Bei der Deutschen vollzog sich der Wandel im vergangenen Jahr im Stillen - und nach einer kläglichen Erstrundenniederlage gegen die englische Nachwuchsspielerin Laura Robson. „Das war mein schlimmstes Spiel des Jahres“, sagte Angelique Kerber in einem Interview mit dieser Zeitung - und das wollte etwas heißen.

          Fit gemacht bis zur Schmerzgrenze

          Schon zuvor war sie 2011 neunmal in der ersten Runde gescheitert, weil es ihr an körperlicher Fitness und Selbstvertrauen gemangelt hatte. Vor Jahresfrist in London heulte sich die Schleswig-Holsteinerin mit polnischen Wurzeln nicht nur bei Andrea Petkovic aus, sondern bekam von der damaligen deutschen Spitzenkraft auch den guten Rat, es wie sie selbst doch mal in der Tennisakademie von Rainer Schüttler und Alexander Waske zu versuchen.

          Angelique Kerber dachte ein paar Tage nach, entschied sich schweren Herzens, ihre norddeutsche Heimat zu verlassen, alle Turnierteilnahmen abzusagen und nach Offenbach zu gehen. Dort wurde sie wochenlang fit gemacht bis zur Schmerzgrenze, aber als sie kurz darauf auf die Profitour zurückkehrte, gewann sie ein Spiel nach dem anderen. Halbfinale in Dallas, Halbfinale bei den US Open, in diesem Jahr folgten dann in Paris und Kopenhagen die ersten beiden WTA-Turniersiege, das Endspiel von Eastbourne sowie vier weitere Vorstöße unter die letzten vier.

          Aufstieg unter die Top Ten

          Von Platz 92 der Weltrangliste gestartet, hatte mit dem Wendepunkt von Wimbledon Angelique Kerbers Aufstieg unter die besten zehn Damen begonnen. Der soll sich nun weiter fortsetzen. „Auf Rasen so weit gekommen zu sein gibt mir sehr viel Selbstvertrauen“, sagte die Kielerin nach ihren jüngsten Auftritten in dem englischen Seebad: „Diese Erfolge sind sicherlich die beste Vorbereitung auf Wimbledon.“

          Gute Erinnerungen an Wimbledon, schlecht in Form: Sabine Lisicki
          Gute Erinnerungen an Wimbledon, schlecht in Form: Sabine Lisicki : Bild: dapd

          Auch für Angelique Kerbers Fed-Cup-Teamkollegin Sabine Lisicki markierte das letztjährige Wimbledon-Turnier eine Art Wende - allerdings zum Schlechteren. Nur mit einer Wildcard ins Hauptfeld gekommen, erreichte sie mit ihrem begeisternden Powertennis das Halbfinale. Doch anschließend folgten reihenweise Rückschläge: Verletzungen und Niederlagen wechselten sich häufig ab. Bei den vergangenen vier Turnieren scheiterte Sabine Lisicki in der ersten Runde, jeweils gegen Spielerinnen, die in der Weltrangliste weit hinter ihr stehen. So auch vor zwei Wochen in Birmingham, wo sie sich im vergangenen Jahr den Titel und Selbstsicherheit für Wimbledon geholt hatte, diesmal aber noch an der fehlenden Matchpraxis nach ihrer im April erlittenen Sprunggelenksverletzung litt.

          Optimistisch: Nach diversen Verletzungen fühlt sich Lisicki wieder fit
          Optimistisch: Nach diversen Verletzungen fühlt sich Lisicki wieder fit : Bild: dpa

          “Meinem Knöchel geht es jetzt gut, das ist die Hauptsache“, sagte die 22 Jahre alte Sabine Lisicki, die in Wimbledon an Position 15 gesetzt ist und es zum Auftakt mit der aufstrebenden jungen Kroatin Petra Martic zu tun bekommt: „Ich habe das Gefühl, mich von Spiel zu Spiel zu verbessern. Ich bin mir sicher, dass sich meine harte Arbeit auszahlen wird, aber ich weiß nicht, wann.“ Vielleicht schon in Wimbledon? Das Traditionsturnier, das in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, hat schon viele überraschende Wendungen erlebt.

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