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Gottfried von Cramm : Tennis-Baron und nobler Verlierer

Sechsmal Internationaler Deutscher Meister: das Foto zeigt von Cramm am 14. August 1949 am Hamburger Rothenbaum Bild: picture-alliance/ dpa

Gottfried von Cramm, der Tennis-Baron, der an diesem Dienstag hundert Jahre alt geworden wäre, gilt als einer der besten Tennisspieler, die in Wimbledon nie einen Einzeltitel gewonnen haben. Verehrt und gefeiert wurde der Gentleman vor allem wegen seiner Haltung auf und neben dem Platz.

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          Der 7. Juli ist das magische Datum im deutschen Herrentennis, und es ist untrennbar verbunden mit Triumph und Tragik in Wimbledon. An jenem Tag im Jahre 1985 gewann der siebzehnjährige Boris Becker als erster Deutscher den Einzeltitel bei den All England Championships. Am gleichen Tag triumphierte sechs Jahre später ein zweiter Landsmann auf dem Rasen von London: Der Elmshorner Michael Stich besiegte den Leimener Becker in einem rein deutschen Finale.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und am gleichen Tag, anno 1909, ist in der Nähe von Hildesheim ein anderer Star geboren worden, dem der Titelgewinn in Wimbledon ebenso zugetraut wurde, der aber dreimal nacheinander im Finale grandios scheiterte: Gottfried Freiherr von Cramm gewann weder gegen den Engländer Fred Perry (1935 und 1936) noch gegen den Amerikaner Donald Budge (1937) überhaupt nur einen Satz. Seither gilt der Tennis-Baron, der an diesem Dienstag hundert Jahre alt geworden wäre, als einer der besten Tennisspieler, die bei dem englischen Grand-Slam-Turnier nie einen Einzeltitel gewonnen haben.

          Größtes Sportidol neben Schmeling

          Verehrt und gefeiert wurde der deutsche Gentleman dennoch Zeit seines Lebens; nicht nur, weil von Cramm den damals noch weißen Sport leichtfüßig und elegant betrieb und durch herausragendes Grundlinien- und Volleyspiel bestach, sondern weil er sich stets ausgesprochen fair verhielt gegenüber den Konkurrenten auf dem Platz und den Zuschauern auf den Tribünen. Falsche Schiedsrichterentscheidungen korrigierte er zu Gunsten seines Gegners, selbst in spielentscheidenden Situationen. Und nachdem der Deutsche das Wimbledon-Finale 1936 gegen Perry nach nur knapp einer halben Stunde verloren hatte, ließ er den Stuhlschiedsrichter bekanntgeben, dass „Mister von Cramm sich für seine schlechte Leistung beim Publikum entschuldigt“. Tatsächlich hatte sich der Deutsche kurz nach Beginn des Matches am rechten Oberschenkel verletzt, aber nicht aufgeben wollen.

          Moderne Zeiten: von Cramm im Davis-Cup-Spiel gegen Brasilien 1952 in Düsseldorf
          Moderne Zeiten: von Cramm im Davis-Cup-Spiel gegen Brasilien 1952 in Düsseldorf : Bild: picture-alliance/ dpa

          Im Alter von zehn Jahren hatte Gottfried von Cramm mit dem Tennis begonnen, schon drei Jahre später verriet er seiner Erzieherin: „Ich will Tennisweltmeister werden!“ Zu den starken Worten kam ein starker Ehrgeiz: Der Adlige, der in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als größtes deutsches Sportidol neben Max Schmeling galt, erzählte einst, wie er seinen Aufschlag unermüdlich an einer Steinwand geübt habe. Weil der Ball oft auf dieselbe Stelle auftraf, so behauptete der Freiherr, habe er im Laufe der Zeit eine Höhlung in der Wand hinterlassen. Tatsächlich gab es Turniere, die der Tennis-Baron ohne einen einzigen Doppelfehler abschloss.

          „Beneidenswert schönes Tennis“

          Von Cramm, der in Berlin Jura studierte mit dem Ziel, die diplomatische Laufbahn einzuschlagen, wurde bald zu einem Sport-Botschafter für ein besseres Deutschland, als er es in den dreißiger Jahren selbst erlebte. Den von 1933 an herrschenden Nationalsozialisten stand der als Freidenker geltende Freiherr zunächst distanziert, später ablehnend gegenüber. Im Schatten des NS-Regimes sorgte von Cramm für sportliche Glanzlichter in der Tenniswelt und bewies, dass er mehr war als ein „gracious loser“, ein nobler Verlierer, als den ihn die Engländer lobten.

          1933 holte er sich mit Hilde Krahwinkel den Mixed-Titel von Wimbledon, 1934 und 1936 gewann er die Internationalen Meisterschaften von Paris; am Hamburger Rothenbaum triumphierte er sechsmal als Internationaler Deutscher Meister (davon zweimal nach dem Zweiten Weltkrieg), bei den amerikanischen Meisterschaften in Forest Hills unterlag er 1934 Budge im Finale. Der siegreiche Amerikaner lobte das Auftreten von Cramms: „Er spielte schönes, einfach beneidenswert schönes Tennis. Das war ihm wichtiger als der Sieg.“

          Festgenommen von den Nazis

          Die ärgsten Widersacher des Tennis-Barons lauerten im eigenen Land. Nachdem Gottfried von Cramm im März 1938 von einer mehrmonatigen Turnier-Weltreise zurückgekehrt war, wurde der liberale Sportsmann, der drei Jahre zuvor gegen die Verbannung des jüdischen Spitzenspielers Daniel Prenn aus dem deutschen Davis-Cup-Team protestiert hatte, von den Nazis festgenommen und inhaftiert wegen einer angeblichen homosexuellen Beziehung zu einem Juden sowie Devisenschmuggels. Auf Betreiben des schwedischen Königs Gustav V., der mit von Cramm immer mal wieder im Doppel angetreten war, wurde der Deutsche nach fünf Monaten auf freien Fuß gesetzt, durfte aber bis Kriegsende nicht mehr für sein Heimatland antreten.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg feierte er bis Mitte der fünfziger Jahre noch einige Erfolge, vor allem im Davis Cup, wo er 82 seiner 102 Matches gewann. Neben seinem Engagement für den Tennissport, sowohl beim Berliner Klub LTTC Rot-Weiß als auch in seiner niedersächsischen Heimat, sorgte von Cramm auch privat für Schlagzeilen: Nach langjähriger Liaison heiratete der Unternehmer, der ins Baumwollgeschäft eingestiegen war, 1955 die Woolworth-Erbin Barbara Hutton. Diese zweite Ehe von Cramms, der 1977 als erster Deutscher in die „Hall of Fame“ des Tennis aufgenommen worden war, hielt nur zwei Jahre. Gestorben ist Gottfried von Cramm 1976, nach einem Autounfall in Ägypten. Auch sein Todestag markiert eine bedeutsames Datum deutscher Geschichte: Er starb am 9. November.

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