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Golfspieler Bryson DeChambeau : „Es ist verrückt, bescheuert, einfach unglaublich“

  • -Aktualisiert am

Bryson DeChambeau kann Eisen biegen: der Golfer mit dem härtesten Abschlag beim Schwung Bild: AFP

Bryson DeChambeau wird im Golf auch als verrückter Wissenschaftler bezeichnet. Der Amerikaner probiert gerne etwas aus. Sein neuestes Experiment könnte die Sportart revolutionieren. Andere Spieler sind völlig verblüfft.

          3 Min.

          Bryson DeChambeau macht dieser Tage seinem Spitznamen „mad scientist“ (verrückter Wissenschaftler) alle Ehre. Mit dem Neustart der PGA Tour nach der Corona-Zwangspause mit Golfturnieren ohne Zuschauer können die Sportfreunde in aller Welt am Fernsehschirm verfolgen, ob das neueste Experiment des 26 Jahre alten Amerikaners den gewünschten Erfolg bringt: Kann man mit Krafttraining die Muskeln so stärken und wachsen lassen, dass man den Ball weiter schlägt als alle Konkurrenten?

          Gelingt ihm das, könnte er Profigolf revolutionieren wie einst Tiger Woods durch seinen ersten Masters-Sieg 1997. Woods dominierte damals in Augusta das Turnier, als er den Ball oft mehr als 300 Meter weit und rund 30 bis 50 Meter weiter schlug als alle Konkurrenten. Er inspirierte eine neue Generation von Power-Spielern.

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          Mittlerweile erreichen viele Topspieler mühelos diese Längen vom Abschlag. Doch DeChambeau schlägt mit solcher Urgewalt auf den Ball, dass er oft jenseits der 350-Meter-Marke ausrollt. Für ihn geht es nur noch darum, den Ball fast immer aus kurzer Entfernung mit Wedges möglichst nahe ans Loch zu schlagen und ihn dann zu versenken.

          110 Kilo, 1,85 Meter

          Bei den ersten drei Turniere verspielte DeChambeau den Sieg entweder bei den Annäherungsschlägen aufs Grün oder beim Putten. Er belegte die Plätze drei, acht und sechs. Mit insgesamt 46 Schlägen unter Par für die zwölf Runden war er in der Gesamtwertung besser als die komplett versammelte Weltrangliste. Deshalb gilt der Weltranglistenzehnte bei dem am Donnerstag beginnenden Turnier in Detroit (Michigan) als der Topfavorit, zumal sich die meisten Weltklassespieler eine Pause gönnen.

          Auch wenn die Siege in den ersten drei Turnieren an seine amerikanischen Landsleute Daniel Berger, Webb Simpson und Dustin Johnson gingen, stand immer DeChambeau mit seinem gigantischen Längengewinn und seiner neuen Figur im Mittelpunkt. Er legte in den letzten neun Monaten, vor allem in den jeweils dreimonatigen Pausen um den Jahreswechsel und während des Corona-Lockdowns 18 Kilogramm an Muskelmasse zu. Bei einer Körpergröße von 1,85 Metern bringt er nun knapp 110 Kilo auf die Waage und musste von Hemdengröße medium auf extra large wechseln.

          Urgewalt am Ball: Bryson DeChambeau schlägt dank neuer Muskelmasse den Ball so weit wie kein anderer.

          Zum Vergleich: Der nordirische Weltranglistenerste Rory McIlory wiegt bei 1,75 Metern gerade mal 70 Kilogramm. DeChambeau, der sich im Internet auch gerne mit freiem Oberkörper zeigt und seinen Waschbrettbauch präsentiert, wirkt im Vergleich zu fast allen Kollegen so muskulös, dass man ihm noch einen weiteren Beinamen verpasste: „Hulk“ (Koloss, Schrank, Hüne), weil er an die Zeichentrickfigur dieses Namens erinnert. Er veränderte seinen Körper mit Hilfe von Greg Roskopf, der die sogenannten Muscle Activating Techniques (MAT) entwickelte, Techniken, die die für Golf besonders wichtigen Muskeln stärken, die eine kraftvolle Oberkörperdrehung und Stabilität im Schwung ermöglichen. Während der Zwangspause absolvierte DeChambeau täglich drei Trainingseinheiten – und stellte ein Werbevideo für die Trainingsgeräte ins Netz.

          Die Konkurrenz kurz gelassen

          DeChambeau bewies, dass Muskelmasse entgegen der herkömmlichen Meinung im Golf nützlich ist. In der aktuellen Saison der PGA Tour, die vorigen Herbst begann, liegt der mittlerweile in Dallas lebende Kalifornier in der Saisonstatistik mit 320,1 Yards (293 Meter) im Schnitt nur 64 Zentimeter hinter dem Spitzenreiter, seinem amerikanischen Landsmann Cameron Champ, ein Gewinn von rund 20 Metern gegenüber dem Vorjahr. Doch diese Zahlen sagen wenig darüber aus, wie weit der Muskelprotz den Ball wirklich schlagen kann.

          Mit seinem Driver, den er „die Krake“ nennt, hat er im direkten Vergleich alle Longhitter der Tour, wie es im Golfjargon heißt, „kurz gelassen“. Er nutzt mittlerweile einen Driver, der nur noch 5,5 Grad Loft (Neigungswinkel der Schlagfläche) aufweist. Das können sonst nur Profis, die an Long-Driving-Wettbewerben teilnehmen. Zum Vergleich: Die beiden Führenden der Weltrangliste, McIlroy und der Spanier Jon Rahm, spielen wie die meisten Amateure mit Drivern mit 10,5 Grad Loft. „Es ist verrückt, bescheuert, einfach unglaublich“, sagte McIlroy, nachdem er die Schlussrunde bei der Schwab Challenge in Fort Worth mit DeChambeau absolviert hatte. „Ich habe den Ball bei Gegenwind 288 Meter weit geschlagen, und dann kommt Bryson und haut das Ding 343 Meter weit. Mein Caddie und ich haben uns nur verblüfft angeschaut und beide nur zwei Worte gesagt: Heilige Sch...“ Die Konkurrenten mussten sogar erleben, wie der Abschlag vom Golf-Hulk an einem 356 Meter langen Loch neben dem Grün landete.

          Im Training schaffte er es sogar, seinen Ball über Wasser im Flug direkt auf das Grün eines 388 Meter langen Par-4-Lochs zu befördern. Sein längster Drive auf der PGA Tour wurde im Januar in Hawaii gemessen: ebenfalls 388 Meter.

          Wie schafft DeChambeau diese für normale Golfer schier unglaublichen Längen? Er erreichte in einem Wohltätigkeits-Stream im April auf der Einfahrt seiner Villa bei einem Schlag ins Netz sage und schreibe einen „Ball Speed“ (Ballgeschwindigkeit) von 203 Meilen in der Stunde. In Kilometer umgerechnet, klingt es noch beeindruckender: 327. Zum Vergleich: Der Schnitt auf der PGA Tour liegt bei 170 Meilen (274 Kilometer). Cameron Champ führte bisher diese Statistik mit 190 Meilen (306 Kilometer) an. Ein guter männlicher Amateur mit einem Handicap -10 beschleunigt den Golfball gerade einmal auf 138 Meilen (222 Kilometer).

          Der Großteil der Amateure hat deshalb Mühe, den Ball über 200 Meter weit zu schlagen. DeChambeau strebt noch ganz andere Ziele an: Wie er der „New York Times“ in einem Telefoninterview mitteilte, will er weitere Muskelmasse aufbauen, sein Gewicht auf 118 Kilogramm steigern und eine Ballgeschwindigkeit von 210 Meilen (338 Kilometer) pro Stunde erreichen, damit seine Drives regelmäßig über 400 Yards (366 Meter) im Flug erreichen – und damit wäre DeChambeau wirklich eine Klasse für sich.

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