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Golf in Pulheim : Siems Déja-vu-Erlebnis

  • -Aktualisiert am

„Es ist unfassbar, was ich ab und zu für einen Mist baue, wie viele Turniersiege ich jetzt schon weggeschmissen habe - unfassbar“: Marcel Siem Bild: dpa

Der Tag beginnt so gut für Marcel Siem. Der Heimsieg beim Golfturnier in Pulheim scheint in Reichweite. Doch die Hoffnung währt nur kurz. Es ist nicht das erste Mal, dass Siem einen Erfolg durch eine eigene Schwäche vergibt.

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          Auf dem 18. Grün hat sich Marcel Siem noch einmal die Chance geboten, seine Aussetzer auszumerzen. Mit einem Putt aus acht Metern zum Birdie hätte er sich noch ins Stechen retten können. Doch er schob den Ball knapp am Loch vorbei und verfehlte auch im zweiten Anlauf aus gut einem Meter das Loch.

          Im Play-off um den Sieg bei der BMW International Open in Pulheim setzte sich schließlich der 24-jährige Engländer Danny Willett am vierten Extra-Loch gegen den sieben Jahre älteren Australier Marcus Fraser durch und kassierte den Siegespreis von 333.330 Euro. Siem musste sich durch das Bogey auf dem 18. Grün mit Platz sechs begnügen, einem Rang, mit dem er den Schlusstag begonnen hatte.

          „Ich bin total enttäuscht. Ich hatte ein Déja-vu im Kopf. Es ist unfassbar, was ich ab und zu für einen Mist baue, wie viele Turniersiege ich jetzt schon weggeschmissen habe - unfassbar“, klagte Siem.

          Dabei hatte am Sonntag alles so gut angefangen. Drei Birdies auf den ersten drei Löchern und der Sprung auf Platz eins sorgten bei den vielen Golffans, die den Lokalmatadoren bei Wind und Regen am Schlusstag im Golf Club Gut Lärchenhof begleiteten, für Hochstimmung. Der Heimsieg für den im vierzig Kilometer entfernten Ratingen wohnenden Marcel Siem schien in Reichweite.

          „Stolz, wie ich mich zurückgekämpft habe“

          Doch die Hoffnung währte nur kurz. Am 7. Loch, einem 166 Meter langen Par 3, schlug der 31-jährige Profi den Ball erst ins Wasser, bekam dann den Chip, den kurzen Annäherungsschlag, nicht über die Böschung, der Ball rollte zurück und blieb an den Steinen am Rande des Teichs unspielbar liegen. Siem musste einen weiteren Strafschlag in Kauf nehmen. Nach sechs Schlägen und einem Triple-Bogey fiel er zunächst aus der Spitzengruppe heraus, ein weiterer Schlag ins Wasser aus perfekter Lage mitten auf dem Fairway am nächsten Loch, noch ein Bogey auf dem neunten Loch.

          Alles schien wie vor drei Wochen in Wales verloren, als er den Schlusstag ebenfalls mit drei Schlägen Rückstand begonnen hatte und einfach alles bei ähnlich schwierigen Bedingungen schief gegangen war: Platz 33 nach 78 Schlägen. Diesmal rappelte er sich noch einmal auf, aber die Par-Runde von 72 Schlägen reichte nicht. Immerhin blieb ihm ein kleiner Trost: „Ich bin stolz, wie ich mich noch einmal zurückgekämpft habe.“

          Unter Beobachtung: Siem ist Lokalmatador in Pulheim, wohnt nur vierzig Kilometer entfernt
          Unter Beobachtung: Siem ist Lokalmatador in Pulheim, wohnt nur vierzig Kilometer entfernt : Bild: REUTERS

          Siem sollte am Wochenende die Lücke füllen, die das überraschende Ausscheiden von Martin Kaymer, mit Weltranglistenplatz 13 der am höchsten eingestufte Spieler im Feld, hinterlassen hatte. Der Mettmanner hatte, noch sichtlich müde von den Strapazen der US Open und den vielfältigen Verpflichtungen als Markenbotschafter des Titelsponsors, dazu vom Jetlag mit schlaflosen Nächten geplagt, am Freitagabend die Qualifikation für die beiden Schlussrunden um einen Schlag verpasst.

          „Wenn das Turnier nicht in Deutschland wäre, hätte ich nach den US Open nicht gespielt. Majors sind mental unheimlich anstrengend“, hatte Kaymer gesagt. Er gönnt sich jetzt eine Woche Pause, spielt dann die French Open in der Nähe von Paris, nimmt dann eine weitere Auszeit, ehe er vom 19. bis 22. Juli bei der British Open an der englischen Westküste auf dem Platz des Royal Golf Club of Lytham & St. Annes antritt.

          Was mache ich nur falsch?

          Beim zweiten Saisonhöhepunkt des Jahres möchte auch Siem mit von der Partie sein, auch wenn er nach der Regenschlacht seine Meldung für die Qualifikation für europäische Tourspieler in Sunningdale an diesem Montag über 36 Löcher zurückzog. Er will sich in der nächsten Woche bei den Irish Open in Portrush oder den French Open mit einer Top-Plazierung noch für die British Open qualifizieren.

          Aber zunächst einmal wird er sich fragen: Was mache ich nur falsch, was passiert, wenn ein Sieg in Reichweite scheint? Zum dritten Mal in diesem Jahr lag der junge Familienvater, der am 15. Juli 32 Jahre alt wird, vor der Schlussrunde aussichtsreich im Rennen, aber wie im Vorjahr in Wales, als er an einem Par-3-Loch sieben Schläge benötigte, warf ihn auch diesmal ein Loch total aus der Bahn.

          Nah ans Wasser gespielt: Siem befreit sich aus einer prekären Lage
          Nah ans Wasser gespielt: Siem befreit sich aus einer prekären Lage : Bild: dpa

          Die Schwächeperioden kann sich Siem nicht erklären: „Ich bin nicht nervös, fühle mich nicht unter Druck. Das ist einfach eine Konzentrationsschwäche.“ Da half auch die Arbeit mit Mentaltrainer Bruno Hambüchen, dem Onkel von Turnstar Fabian Hambüchen, nicht.

          Coach Kessler bezeichnete seinen langjährigen Schüler Siem einmal als „Künstler am Schläger“. Doch im Golf gibt es keinen Schönheitspreis für kunstvolle Schläge, es gilt vor allem katastrophale Fehlschläge zu vermeiden - und ausgerechnet das misslingt Siem zuletzt immer dann, wenn ein Turniersieg winkt.

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