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Ryder Cup mit Tony Finau : Vollendung des amerikanischen Traums

  • -Aktualisiert am

Erster Abschlag für Amerika: Tony Finau erfüllt den „american dream“ Bild: AP

Tony Finau spielt Golf aus dem Lehrbuch – das er als Kind in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Der Sohn eines Einwanderers aus Tonga hat es gegen jede Wahrscheinlichkeit in die Golf-Elite geschafft.

          Egal wie dieser 42. Ryder Cup ausgeht, für Tony Finau bedeutet er die Vollendung einer amerikanischen Erfolgsgeschichte. Der Sohn eines Einwanderers aus Tonga führte am Freitagmorgen im Le Golf National in Saint-Quentin-en-Yvelines den ersten Abschlag bei diesem Prestigeduell zwischen den zwölf besten Golfprofis aus Europa und den Vereinigten Staaten aus. Sein Debüt krönte der 29 Jahre alte Profi und holte gemeinsam mit seinem Partner Brooks Koepka den ersten Punkt gegen das englisch-spanische Duo Justin Rose/Jon Rahm zur 3:1-Führung nach der Bestball-Morgensession – nicht nur für seinen Vater Kelepi ein Wunder: „Ich bin noch immer schockiert! Ehrlich, welche Chancen hatte er?“

          Tony Finau wuchs mit seinen sechs Geschwistern in Rose Park, einem ärmlichen Vorort von Salt Lake City, auf, in einer rauen Gegend, die schon einige Football- und Basketballprofis produzierte, aber noch nie einen Weltklassegolfer. Wie auch? In Rose Park gibt es nur einen Par-3-Platz und einen ziemlich heruntergekommenen öffentlichen Platz. Dazu war für Kelepi, genannt Gary, Finau, der im Alter von 12 Jahren mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten emigrierte, Golf kein Sport für echte Kerle: „Bei uns in der Südsee spielt niemand Golf.“

          Golf aus dem Lehrbuch

          Dass dennoch zwei seiner Söhne sich diesem Sport widmeten, ist Tiger Woods geschuldet. Tony und sein jüngerer Bruder Gipper schauten sich 1997 das Masters an, sahen voller Begeisterung, dass ein Afroamerikaner in diesem „weißen Sport“ gewann. „Als ich gesehen habe, was Tiger geschafft hat, dachte ich mir, wenn es ein Farbiger schafft, kann ich das auch“, erinnert sich Tony Finau. Doch leichter gesagt als getan. Wie kommt man zu einer Golfausrüstung, wenn die 35.000 Dollar, die der Vater im Jahr als Gepäckarbeiter bei einer Fluggesellschaft im Jahr verdiente, gerade so reichten, um die Familie zu ernähren? Kelepi improvisierte. Bei der Heilsarmee erwarb er für 2,25 Dollar ein Eisen 6, einen Putter und eine rote Tasche.

          Was man mit diesen Schlägern anfangen kann, lernte er aus einem Buch, das er sich in der örtlichen Bibliothek lieh: „Golf my Way“, von der Golflegende Jack Nicklaus. „Mein Vater hat uns sozusagen blind unterrichtet“, erinnert sich Tony. Da die Familie sich nicht einmal die 7,50 Dollar für einen Eimer voller Bälle auf der Übungswiese leisten konnte, suchte der Vater auf dem Platz Bälle, die andere Golfer verloren hatten und baute mit Matratzen und Netzen in der Garage ein Trainingsareal. Er erwarb bei einem Garagenverkauf eine billige Video-Kamera und verglich die aufgenommenen Schwünge seiner Jungs mit Bewegungen, die er im Fernsehen und in Golfmagazinen sah.

          Und dann gewinnt er auch noch gemeinsam mit Brooks Koepka den ersten Punkt.

          Tony lernte schnell. Bald war er so gut, dass er die ersten lokalen Turniere gewann und kostenlos auf dem Par-3-Platz spielen durfte. Mutter Ravena, die aus Samoa stammt, fuhr mit ihm von Turnier zu Turnier, beide übernachteten im Auto. Während die Mutter drei Tage fastete, ernährte sich Tony von billigen Hamburgern. Mit zwölf Jahren war er so gut, dass er zu Jugend-WM nach San Diego reiste. Er gewann, sah die Namen von Tiger Woods, Phil Mickelson und Ernie Els auf der Siegestrophäe – für ihn das Zeichen, dass auch ihm im Golf eine große Karriere bevorstand. Zweimal spielte er im Junior-Ryder-Cup, mit 17 wagte er den Sprung ins Profilager, weil er das Geld brauchte. Er versuchte sich wie Bruder Gipper auf den Mini-Touren, mit bescheidenem Erfolg.

          Zubrot mit dem Messer-Feuer-Tanz

          Er zog nach Las Vegas, spielte gegen Zocker um hohe Summen Golf und verdiente nebenher ein Zubrot mit einer polynesischen Tradition, dem Messer-Feuer-Tanz, bei dem auf langen Stöcken steckende Messer, die mit einem brennenden Stoff umgeben sind, durch die Luft gewirbelt werden. Etliche Narben an den Armen Tony Finaus zeugen davon, dass Missgeschicke dabei schmerzhafte Folgen haben. Aber die Tänze wurden mit fünfzig Dollar gut entlohnt.

          Der Durchbruch gelang ihm erst, als die Golf-Legende Lee Trevino den 1,93 Meter großen jungen Mann, der den Ball 400 Yards (366 Meter) weit schlagen konnte, entdeckte und ihm einen Vertrag bei einem Schlägerhersteller vermittelte. Als Schwungcoach Boyd Summerhays Finau beigebracht hatte, nicht immer mit voller Kraft auf den Ball zu hauen und dadurch an Präzision zu gewinnen, schaffte er 2015 den Sprung auf die PGA Tour.

          Er hat bisher zwar nur im Vorjahr mit der Puerto Rico Open ein einziges, dazu noch kleines Turnier, aber schon mehr als zwölf Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Dank zehn Top-Ten-Plazierungen in den letzten elf Turnieren rückte er in der Weltrangliste auf Platz 17 vor. Für den amerikanischen Kapitän Jim Furyk war es keine Frage, dass er den letzten seiner Freiplätze (Captain’s Pick) an Finau vergab. Vater Kelepi bedeutet das viel: „Tony versinnbildlicht den amerikanischen Traum.“

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