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Goldener Stern des Sports : Im Zeichen des Drachen

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Bild: Sterne des Sports

Das Karate-Team Reutlingen wurde für ein ungewöhnliches Projekt - die Symbiose zwischen Sport, Sprache und Lesen - mit dem „Goldenen Stern des Sports“ ausgezeichnet. Doch der Auftrag der Initiatoren ist noch nicht beendet.

          Auf eine zierende Jahreszahl im Vereinsnamen legt Ekkehard Bader keinen großen Wert. „Tradition“, sagt der Vorsitzende des Karate-Team Reutlingen, „können wir hier nicht bieten.“ Was den erst elf Jahre alten Verein aus dem Südwesten in die Schlagzeilen brachte, hat mehr mit der Gegenwart, mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die Defizite aufweisen, wenn es ums Lesen, Bewegung und gewaltfreie Konfliktlösungen geht. Nun gehören Schulen in Reutlingen nicht unbedingt zu so genannten „Brennpunktschulen“, die in mancher deutschen Großstadt für Aufsehen sorgen, aber die Stadt am Fuße der schwäbischen Alb kämpft mit den üblichen Problemen.

          Grund genug, dort ein ungewöhnliches Projekt zu initiieren, das bundesweit Vorbildcharakter hat und die ungewohnte Kombination aus Sport, Lesen und Gewaltprävention bietet. Wobei die wenigsten auf die Idee gekommen wären, Bücher mit Drachengeschichten mit ins Karate-Training zu schleppen. Genau das ist beim Karate-Team Reutlingen e.V. passiert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Volks- und Raiffeisenbanken haben den besonderen Weg des „Drachenstark“-Projektes ausgezeichnet und den Schwaben, den mit 10.000 Euro dotierten „Goldenen Stern des Sports“ verliehen.

          Der Drachen als Symbolfigur

          Das Karate-Team gehört nicht zu den großen Vereinen, die eine eigene Mitgliederverwaltung bräuchten. 170 Mitglieder sind eingeschrieben und zeigen, dass es keine große Masse braucht, um Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Genau hier kommt Erika Seitz ins Spiel. Die Lehrerin und Sozialpädagogin stand vor drei Jahren vor der Herausforderung, einer reinen Jungenklasse Deutsch vermitteln zu müssen. Als sie ihrem Rektor mitteilte, sie verlege den Unterricht in die Sporthalle, war der zunächst überrascht. Dort aber gelang, in sportlich-spielerischer Form, die Symbiose zwischen Sport, Sprache und Lesen. Lesen war plötzlich nicht mehr nur „doof“. Der dritte Baustein des Reutlinger Projektes kam dazu, weil Erika Seitz auch viele ihrer Abende in einer Sporthalle verbringt, eben beim Karate-Team in Reutlingen. Sie ist Trägerin des zweiten Dan.

          Ein großer Stern in Gold: Bundespräsident Wulff ehrt Mitglieder des Reutlinger Projekts „Drachenstark”

          Den Drachen als Symbolfigur wählten die Mutter von vier Kindern und Familienvater Bader, weil dem von Kindern „Attribute wie Mut, Stärke, Gelassenheit und Kameradschaft zugerechnet werden“, wie Seitz und Bader betonen. Heute gibt es auch für Nichtmitglieder offene Drachen-Aktionstage, für jedes Kind ein Drachenbuch, in dem jede einzelne Drachenprüfung und die zehn Aufgaben dokumentiert werden.

          „Lesen und Deutsch waren plötzlich kein Problem mehr“

          Der Buchstabe „E“, zumal aus Karton gefertigt, kann fürchterlich schwer sein. Vor allem, wenn man ihn sich mit einem Sprint über einen Hindernisparcours quer durch die Halle holen muss und auf dem Rückweg überlegt, welcher Teil eines Wortes der Buchstabe werden könnte. In welchem Wort die Buchstabentrophäe Platz findet, entscheidet dann das Team. Heute ist der Wörterlauf weder aus dem Schulalltag, noch aus dem Vereinsleben wegzudenken. Und wenn sie mit ihrem mobilen Bücherbord beim abendlichen Training auftaucht, herrscht dort großer Andrang. „Lesen und Deutsch waren plötzlich kein Problem mehr“, berichtet Erika Seitz.

          Inzwischen interessieren sich Vereine, Schulen, Kindergärten, pädagogische Einrichtungen und Ausbildungsstätten, Hochschulen, die Präventionsexperten der Polizei und Sportverbände für die neuen Ideen aus dem Südwesten, deren drei Bausteine in jeder Sportart einsetzbar sind und Motorik, Lesekompetenz, Prävention, Selbstbehauptung und Kreativität fördern. Wie beim Ausflug auf die Dracheninsel, den die Gruppe auf Teppichstücken zurücklegt und dabei als Team arbeiten muss, sonst ist keiner reif für die Insel. Bei „Pina Katharina“ müssen Textstücke aus Drachengeschichten eingesetzt werden. Alle Ausschnitte passen in alle Lücken. Um aber richtig zu liegen, muss der Textinhalt zueinander passen. Die Reutlinger bekamen sogar Unterstützung einer großen Buchhandlung und der Stadtbibliothek. Man kombinierte Lesungen und Karatetraining.

          Projekt gegen das Desinteresse an jungen Menschen

          Den großen Vorteil sieht Bader in der Flexibilität des Projektes, „das aus keinem Lehrbuch stammt, sondern sich aus praktischen Erfahrungen unseres Trainings- und Schulalltages zusammensetzt“ und die täglichen Erfahrungen von Jugendlichen in Schule und Freizeit einschließt. „Wir wollten auch Hilfe für eine gewaltfreie Streitkultur vermitteln“, erklärt Bader, Träger des vierten Dan. Was verlangt, Situationen durch genaues Hinschauen einzuschätzen, sich darüber bewusst zu sein, immer Alternativen zu haben und Argumente zu finden. So lernen Kinder und Jugendliche bei Drachenstark, Grenzen zu überwinden, und mutig eine Entscheidung zu treffen, zur Not die, sich selbst zu schützen. Das Drachenstark-Projekt ist für die Macher auch ein Projekt gegen das Desinteresse an jungen Menschen.

          Wie schwierig besondere Prüfungen sein können, erfuhren in Berlin auch die Projekt-Macher selbst. Als Erika Seitz und Bader in Berlin vor Bundespräsident Christian Wulff standen, „hatten wir zwei weiche Knie“, erzählen sie. Für die beiden Reutlinger blieb dabei eines klar: „Diese Auszeichnung ist eine Auszeichnung für alle.“ Es wird eine große Drachenparty geben, weitere öffentliche Drachentage und - fast noch wichtiger - neue Bücher.

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