https://www.faz.net/-gtl-9anmq

NBA-Finalserie : Plötzlich laufen die Warriors wie ein Uhrwerk

  • -Aktualisiert am

Manchmal läuft es „wie bei einem Uhrwerk“: Stephen Curry Bild: AFP

Zum vierten Mal in Serie machen die Golden State Warriors und Cleveland den Titel in der NBA unter sich aus. Die Cavaliers sind dabei aus vielen Gründen der absolute Außenseiter.

          Niemand kann genau erklären, was in der knappen Viertelstunde in der Umkleidekabine passiert. Denn was der Trainer über die Verschnaufpause verrät, klingt eher nach Selbstironie: dass er und sein Stab in der Halbzeit jedes Mal „erstaunliche“ Arbeit leisten und das System umwerfen und „unglaubliche Umstellungen“ vornehmen, wie Steve Kerr mal mit einem Augenzwinkern verriet. Auch Stephen Curry hat keine griffige Deutung für das Phänomen. Ein Basketballspiel in der NBA dauert 48 Minuten und wird in vier Vierteln getaktet. Aber weshalb er oft genug ausgerechnet in der dritten Phase so richtig aufdreht, bleibt im Vagen: Er sei „irgendwie konzentriert“ und quasi „eingerastet“, wenn er aufs Spielfeld zurückkehrt, sagte er neulich. Und dann läuft es manchmal „wie bei einem Uhrwerk“.

          Also zum Beispiel so wie am Samstag in der eigenen Halle im sechsten Spiel der Best-of-Seven-Serie, als die Golden State Warriors in dieser Phase den Houston Rockets die Zehn-Punkte-Führung zunichtemachten, in Führung gingen und ihnen sukzessive den Abend verdarben. Oder auch so wie am Montag bei der entscheidenden siebten Auseinandersetzung. Der Warriors-Rückstand zur Halbzeit? Elf Punkte. Doch danach klappte wieder, was in einer schlampigen ersten Hälfte nur selten funktioniert hatte: das kombinationssichere, schnelle Spiel, in dem es neben Curry (27 Punkte) zwei weitere Vollstrecker gibt: Kevin Durant (34) und Klay Thompson (19).

          „Unser Talent hat sich durchgesetzt“, sagte Warriors-Trainer Kerr hinterher. „So einfach ist das.“ So einfach? Ja und nein. Entscheidend war nämlich nicht nur, dass Curry, der in seinen besten Momenten jede Verteidigung mit einer umgebremsten, spielerischen Kreativität und Kaltschnäuzigkeit düpiert, in Fahrt kam. Mindestens ebenso wichtig war, dass die Rockets, die – nach der Tabelle – als das beste Team in die Playoffs gegangen waren, trotz guter Möglichkeiten zu selten den Korb trafen. Die Aufmunterung, die Coach Mike D’Antoni während der Auszeiten seinen Spielern gab – „Wir sind ganz nah dran“ –, stimmte zwar rein rechnerisch. Aber was Energie und Spielwitz betraf, sah die Sache ganz anders aus.

          Vor allem ein Posten in der Bilanz wirkte sich katastrophal aus. Die Rockets warfen an diesem Abend wie versessen immer wieder aus der Distanz und kamen so auf sage und schreibe 44 versuchte Dreier. Allerdings landeten nur sieben im Ziel. Fazit: Tatsächlich hätte bereits die durchschnittliche Trefferquote des Teams von rund einem Drittel gereicht, und die Rockets hätten die 92:101-Niederlage verhindert und zum ersten Mal seit 1995 wieder die Endspielserie erreicht. Stattdessen kamen die Warriors weiter und stehen von Donnerstag an den Cleveland Cavaliers gegenüber. Die hatten sich bereits am Sonntag mit einem Sieg in der Halbfinalserie der Western Conference über die Boston Celtics qualifiziert. Die Konstellation kennt man. Die beiden Klubs machen zum vierten Mal in Folge den Titel untereinander aus. Zweimal gewann der amtierende Meister Golden State, einmal Cleveland.

          Dass die Cavaliers überhaupt so weit kommen konnten, ist ausschließlich das Verdienst von LeBron James, der seit Wochen ein Kunststück fertigbringt, das noch keinem NBA-Profi gelungen ist: ein Team beinahe im Alleingang von einem Sieg zum anderen zu schleppen und so gut wie nie auf der Bank zu sitzen und Luft zu holen. James saß denn auch am Sonntag nach dem Spiel völlig ausgepumpt auf dem Boden, als er und seine Teamkollegen zur Siegerehrung antraten. Wie viel an Energiereserven der 33-Jährige noch hat, ist schwer abzuschätzen. James hat mehr Playoff-Minuten als jeder andere in den Beinen, nachdem er bereits in allen 82 Begegnungen der regulären Saison auf dem Parkett stand.

          Ein Pensum, das er zum letzten Mal abgeliefert hatte, als er 26 Jahre alt war. Um die Belastung ein wenig abzufedern, hat der derzeit beste (und am besten bezahlte) Basketballer der Welt inzwischen eine Technik verfeinert, die seinen Sinn für Ökonomie verrät. Nach Möglichkeit sprintet er nicht zu einem Angriff nach vorne, sondern bewegt sich im Schritttempo in Richtung des gegnerischen Korbs. Seine Ausbeute ist dennoch bemerkenswert. Mit einem Punkteschnitt von 34,0 überragt er in diesen Playoffs jeden anderen Akteur. Seine Leistung brachte deshalb auch eine rein akademische Diskussion in Gang, die sich mit der Frage beschäftigt: Wer war/ist besser: Michael Jordan, die bislang alle überstrahlende Legende, die eine ganze Basketball-Ära prägte, oder James, der seinem Vorbild zu Ehren dieselbe Rückennummer 23 trägt?

          Die Debatte dürfte in diesem Jahr schnell wieder zu Ende sein. Gegen die Golden State Warriors sind die Cavaliers aus vielen Gründen der absolute Außenseiter. Nicht nur weil ihr Kapitän müde ist, sondern weil ihnen ein wichtiger Spieler fehlt: Kevin Love, ihr Center und einer der wichtigsten Korbschützen, erlitt unlängst eine Gehirnerschütterung. Wann er wieder fit genug sein wird, um spielen zu können, steht nicht fest.

          LeBron James ist die große Hoffnung der Cleveland Cavaliers.

          Weitere Themen

          Werner bleibt und trifft

          2:1 gegen Frankfurt : Werner bleibt und trifft

          Endlich Klarheit im Vertragspoker um Timo Werner: Der Nationalspieler verlängert und trifft umgehend gegen die Eintracht. Am Ende war die Eintracht freilich dem Punktgewinn sehr nah.

          Topmeldungen

          Reformen der Koalition : Immer auf die Besserverdiener

          Egal ob Baukindergeld, Pflegereform oder Soli – die große Koalition schließt Einkommensstarke konsequent von finanziellen Entlastungen aus. Die Grenzen setzt sie dabei willkürlich und der Papierkrieg ist immens.

          Brandenburg : Ist das schlimmer als Diktatur?

          Angegriffen und abgehängt: Vor den Landtagswahlen kocht im Osten die Stimmung. Davon profitiert vor allem die AfD. Eine Reise durch die Dörfer Brandenburgs.

          AfD in Sachsen : Die DDR ist ein Wahlkampfschlager

          In Sachsen will die AfD die Landtagswahl gewinnen – dafür bedient sie gezielt ein Zerrbild der Wirklichkeit. Ihre Wähler stört das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.