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Gold für Boy - Silber für Seitz : Gipfel der Turn-Begeisterung schon an Tag eins

Stiller Triumph, dem bald ein emotionaler Ausbruch folgt: Philipp Boy Bild:

Philipp Boy gewinnt dank einer famosen Aufholjagd bei der Turn-Europameisterschaft den Mehrkampf und wird damit Nachfolger von Fabian Hambüchen. Doch zum Star des Abends wird Elisabeth Seitz, die zu Silber turnt - unter dem Kreischen Dutzender Mändchen.

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          So sieht es aus, wenn Träume in Erfüllung gehen: Philipp Boy ballte die Fäuste, ein Lächeln brach die Spannung auf, die sein Gesicht verhärtet hatte, dann hob er erleichtert die muskulösen Arme. In Berlin, 130 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Cottbus, ist der 23 Jahre alte Bundeswehrsoldat am Freitagabend Turn-Europameister im Mehrkampf geworden. Damit folgt er dem Reck-Weltmeister von Stuttgart 2007 nach, Fabian Hambüchen, der wegen einer Archillessehnenverletzung in Berlin lediglich als Fernsehkommentator dabei ist.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auf die Spitze trieb allerdings die Mannheimerin Elisabeth Seitz die Begeisterung des Publikums. Unter dem Kreischen Dutzender Mädchen und dem Jubel von fünftausend Besuchern gewann die Siebzehnjährige mit 56,700 Punkten hinter der ebenso alten Russin Anna Dementjewa (57,475) sie Silbermedaille. Dritte wurde die Rumänin Elena Racea. Vier Mal ist Elisabeth Seitz deutsche Meisterin geworden, nun übernimmt sie auch in der Nationalmannschaft die Führungsrolle, die bislang die 35 Jahre alte Oksana Tschusowitina innehatte. Gemeinsam mit ihr hat sie auch das Finale am Stufenbarren an diesem Samstag und gemeinsam mit Kim Bui das am Boden am Sonntag erreicht.

          „Das war die Königsdisziplin“, sagte Boy nach seinem Wettkampf und dachte sofort an die nächste Medaille. „Am Sonntag kommt das Königsgerät.“ Auch am Reck gehört Boy, Vierter der WM, zum Kreis der Favoriten. „Die Medaille nimmt einem schon eine Last von den Schultern“, sagte er. Der Münchener Marcel Nguyen, in der Qualifikation am Donnerstag Zweiter hinter Boy, verpasste eine Medaille, weil er in seiner spektakulären Reckübung beim zweiten Kovacs, einem Salto über dem Holm, die Hände nicht mehr an die Stange bekam und bäuchlings auf die Matte stürzte. Das war um so ärgerlicher, als er nach Ringe, Sprung und Barren die Konkurrenz angeführt hatte. Nur 13,650 Punkte gab es für die unterbrochene Show am Reck, 1,6 Punkte weniger als am Vorabend in der Qualifikation. Mit den fehlenden Punkten wäre er - theoretisch - nun Europameister. So wurde er mit 87,65 Punkten Sechster.

          Gipfel der Begeisterung: Elisabeth Seitz turnt zur Silbermedaille
          Gipfel der Begeisterung: Elisabeth Seitz turnt zur Silbermedaille : Bild: dapd

          Doch offenbar hatten alle Spitzenturner Europas am Freitag einen schlechten Tag. Boy kam auf 88,875 Punkte, 1,5 weniger als am Vortag. Silber ging an den Rumänen Flavius Koczi, der 0,05 Punkte weniger erreichte als Boy, vor den punktgleichen Dritten Daniel Purvis (Großbritannien) und Mykola Kuksenkow (Ukraine). Boy kam erst mit der Bodenübung (15,150 Punkte) auf Platz eins. „Ich hätte es lieber deutlicher gemacht“, sagte er. „Aber für diesen Kampf so belohnt zu werden, ist unglaublich schön.“ Von Platz zwanzig, seiner Position nach dem Auftakt am Pauschenpferd, arbeitete er sich in der Gesamtwertung nach vorn. „Eine Achterbahn der Gefühle und der Leistungen“, urteilte er. „Am Pferd zu starten ist der Horror.“ Noch dazu, wenn man wie er, an dem Gerät einen Fehler macht. „Ringe sehr gut, Sprung sehr gut und am Barren ein blöder Fehler“, fasste Boy die folgenden Übungen zusammen.

          „Jetzt weiß ich wie Fabi sich gefühlt hat“

          Statt sich durch Rückschläge entmutigen zu lassen, kämpfte sich Boy in den Wettkampf hinein. „Am Reck bin ich Gottseidank durchgekommen“, schnaufte er. „Wenn ich da runtergefallen wäre, hätte ich mich vergraben.“ Obwohl es eines seiner starken Geräte ist, verdiente sich Boy lediglich 15,125 Punkte, nicht wenig, aber auch nicht so viel, wie er für eine sauber durchgeturnten Übung bekommen hätte. Schließlich ließ er ein Übergangsteil aus, griff im Handstand zwei Mal um und rettete die Übung. Dann war er schon am Boden - und auf dem Sprung an die Spitze. „Auf der letzten Bahn habe ich mir gesagt: Das sind jetzt die letzten Meter der Europameisterschaft in Berlin, deinem großen Ziel. Hau einfach die Ruten hin.“ So nennen die Turner ihre Beine.

          „Jetzt weiß ich, wie Fabi sich all die Jahre gefühlt hat“, sagte der Europameister über seinen Vorgänger Fabian Hambüchen, den Mann, der mit seinen Erfolgen und seiner Beliebtheit alle anderen in Deutschland in den Schatten stellt. „Ich kann ihm nur Respekt dafür zollen, wie er das genommen hat.“ Noch am Vortag hatte er sich darüber beklagt, dass seine und seiner Mannschaftskameraden Erfolge oft mit der Fußnote „in Abwesenheit von“ versehen wurden. Nun endlich, mit der eigenen Goldmedaille, kann er den Erfolg mit Hambüchen teilen. „Wir werden uns heute abend bestimmt noch sehen“, sagte er und versprach in Anspielung auf die Favoritenbürde: „Jetzt haben wir ja ein Thema mehr, über das wir sprechen können.“

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