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Görges siegt in Stuttgart : Eine neue deutsche Welle

  • -Aktualisiert am

Wie ein Osterei: Julia Görges färbt sich selbst auf dem Spielfeld Bild: REUTERS

Julia Görges gewinnt das Finale des Turniers von Stuttgart gegen die Weltranglistenerste Caroline Wozniacki und nährt die Hoffnung auf bessere Tenniszeiten. Frontfrau Andrea Petkovic wird der Sprung unter die Top Ten zugetraut.

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          Es klang fast wie ein Appell, den Julia Görges noch unbedingt loswerden wollte, bevor sie sich in ihren Wohnort Bad Oldesloe und zur Taufe ihres Neffen Philipp chauffieren ließ. Man solle nun bitte nicht übertreiben, sagte sie und bat darum, dass man ihr und ihren deutschen Kolleginnen Zeit gebe. Ihre Grundsatzrede zur Lage der deutschen Tennisnation schien wichtiger als zu schildern, wie sie sich nach dem 7:6 (7:3)- und 6:3-Sieg über die dänische Weltranglistenerste Caroline Wozniacki im Finale des Porsche Tennis Grand Prix fühlte.

          Die Beine in grellfarbige Leggins verpackt, sprach sie über die vier jungen Frauen, die in den Tagen von Stuttgart die Hoffnung auf bessere Zeiten genährt hatten. Ihre Ausführungen mündeten in der Frage, wie der Aufschwung am besten zu nutzen sei. „Auch wir müssen uns Zeit lassen“, sagte Julia Görges. Sie ahnte, dass es in den nächsten Monaten schwer werden könnte. Vier Deutsche im Viertelfinale des Stuttgarter WTA-Turniers hatte es zuletzt 1984 gegeben, die letzte Deutsche im Finale war Anke Huber 1999, und die bisher einzige deutsche Siegerin hieß auch Anke Huber - 1994.

          „Eine Sensation“, nannte Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner die „Woche der Deutschen“ und regte an, weitere Frauenturniere in Deutschland auszutragen. Laura Ceccarelli, die sportliche Leiterin der Women's Tennis Association (WTA), sprach salopp und scherzhaft von einer „deutschen Meisterschaft mit internationaler Beteiligung“. In Julia Görges, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Kristina Barrois kam die Häfte der Viertelfinalistinnen aus deutschen Landen. In Julia Görges und Andrea Petkovic stehen jetzt erstmals seit August 1999 wieder zwei Deutsche unter den Top 30 der Welt, Andrea Petkovic auf Rang 15 und Julia Görges auf 27. Und Stuttgart zeigte, welche Begeisterung es auslösen kann, wenn eine lange Flaute überwunden scheint.

          Sieg in Stuttgart: Julia Görges sichert sich beim Heimspiel den Turniererfolg
          Sieg in Stuttgart: Julia Görges sichert sich beim Heimspiel den Turniererfolg : Bild: dpa

          „Zwei guten Wochen folgen zwei schlechte“

          „Es war schon enttäuschend für uns, dass alle über Steffi und Anke gesprochen haben“, sagte Julia Görges. Jetzt hingegen wird darüber spekuliert, was in der neuen Tennisgeneration schlummern könnte. Andrea Petkovic, die als Frontfrau bisher die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, traue sie den Sprung unter die Top Ten zu, sagte die sportliche Turnierleiterin Anke Huber. Julia Görges sprach davon, sich unter den Top 30 etablieren zu wollen. „Das wird die nächste Aufgabe, sich dort zu halten“, sagte die junge Frau aus Schleswig-Holstein, die zuletzt über zu große Schwankungen geklagt hatte: „Zwei guten Wochen folgen zwei schlechte.“

          Trainer Sascha Nensel scheint dabei, ihr das auszutreiben. Nensel berichtete von einem Reifeprozess: „Julia hat verinnerlicht, dass Tennis ihr Beruf ist und sie alles dafür tun muss.“ Das Wichtigste sei, sich auf das eigene Spiel zu konzentrieren und sich nicht mit Platz oder Gegner zu beschäftigen. In diesem Bereich sah der ehemalige Tennisprofi Fortschritte bei seiner Schülerin. Früher habe sie vor Spielen gegen die Weltbesten gesagt: „Huch, gegen wen muss ich denn da jetzt spielen.“ Heute berichtet sie vom Herantasten an die Weltspitze und von der Erkenntnis, dass „wir nicht mehr weit von denen entfernt sind“. In vielen Köpfen habe es „klick“ gemacht, beschrieb die Hessin Andrea Petkovic den Wandel.

          Barbara Rittner war zwar auch etwas überrascht vom schnellen Erfolg auf dem Sandboden in der Porsche Arena, aber sie habe insgeheim irgendwann damit gerechnet. Harte Arbeit zahle sich eben aus. Hinter dieser Aussage steckt eine Erklärung für den Aufschwung. Eine andere scheint der neu entwickelte Teamgedanke zu sein. „Wenn wir bei Turnieren sind, hängen wir deutschen Spielerinnen immer zusammen“, sagte Andrea Petkovic. Eine Woche zuvor beim 5:0-Triumph im Fed Cup über die Auswahl der Vereinigten Staaten hatte dieses neue Gemeinschaftsgefühl das deutsche Nationalteam zurück in die Weltgruppe I gebracht. „Wir müssen das jetzt stabilisieren und konstant spielen“, sagte Julia Görges.

          Beim Matchball am Sonntag in Stuttgart lief der Überraschungssiegerin trotzdem eine Gänsehaut über den Rücken. „Sonst hast du das Turnier immer nur im Fernsehen gesehen, jetzt steht man plötzlich selbst da“, sagte Julia Görges und machte sich dann auf den Heimweg, um ein paar Tage auszuspannen. Nicht im gewonnenen Sportwagen des Titelsponsors mit 440 Pferdestärken, den es zusätzlich zum Siegespreisgeld von 110 000 Dollar gab: „Ich bin seit drei Monaten nicht mehr Auto gefahren.“ Man merkte es: Sie hatte Mühe, den Flitzer für die übliche Ehrenrunde über den Platz anzulassen. Aber das war der einzige Moment, in dem an diesem Tag für die Siegerin nicht alles nach Plan lief.

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