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Glücksspielmonopol : Der große Kampf um die Wett-Millionen

  • -Aktualisiert am

Staatliche Oddset-Wette gegen illegale Internet-Wette - die Fronten sind verhärtet Bild: dpa

An diesem Donnerstag kommt es im Ringen um das Glücksspielmonopol zu einem Gipfeltreffen in Frankfurt. Sportverbände und Profiligen hoffen, dass das staatliche Monopol fällt. Doch die Lotto-Fürsten wollen nicht weichen.

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          An diesem Donnerstag findet in Frankfurt ein brisantes Gipfeltreffen statt. Frei von offiziellen Zwängen wollen sich zwei Gegner in vertraulicher Runde zusammensetzen - im Ringen um eine Öffnung oder den Fortbestand des Glücksspielmonopols. Dass Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und Erwin Horak, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung in Bayern sowie Federführender der Lottogesellschaften der Bundesländer, dabei noch einen gemeinsamen Nenner finden, ist fast auszuschließen. Zu unterschiedlich sind die Positionen in der wichtigsten Frage.

          Die Sportverbände und Profiligen setzen darauf, dass das staatliche Wettmonopol fällt und private Sportwettenanbieter sich mit einer Lizenz auf dem Markt betätigen können. Das staatliche Lottomonopol als tragende Säule soll erhalten bleiben. Die derzeitige Regelung, die Wetten auf Sportereignisse - mit Ausnahme von Pferderennen - in Deutschland nur den staatlichen Lottogesellschaften (Oddset) erlaubt, wird mit den Suchtgefahren begründet, die von Sportwetten ausgingen.

          Viele sehen das schon lange als Scheinargument, zumal Experten das Suchtpotential bei Sportwetten für relativ gering halten. Wesentlich problematischer werden die Glücksspielautomaten beurteilt, die dagegen ganz legal in privaten Spielsalons und Kneipen stehen. „Wir müssen mit der Lebenslüge aufhören, das Lottomonopol diene der Suchtbekämpfung beim Glücksspiel“, sagt Vesper.

          Die Profiligen hoffen auf „eine Art Goldrausch“

          Die Öffnung bei den Sportwetten hätte enorme Auswirkungen: Die Schranken gingen hoch für einen neuen Markt, von heute auf morgen entstünde ein neuer, legaler Wettbewerb zwischen potenten Anbietern. Es gibt Schätzungen, wonach die Profiligen im Fußball, Handball, Basketball und Eishockey davon mit Sponsoringgeldern von insgesamt 200 bis 400 Millionen Euro im Jahr profitieren könnten. „Eine Art Goldrausch“, wie ein Manager in der Fußball-Bundesliga bemerkt. Wenn da nicht die äußerst hartnäckigen Verfechter des bestehenden Glücksspielstaatsvertrages wären.

          Ihr wichtigstes Argument gegen eine Liberalisierung: Sie warnen, dass eine Aufweichung den gesamten staatlichen Lottoblock mit seinen derzeit sieben Milliarden Euro Umsatz gefährde, weil auch hier in absehbarer Zeit die Barrieren für private Anbieter wohl fielen. Von den Lotto-Milliarden der Bundesländer, die auch dem Amateursport anteilig zugutekämen (derzeit 500 Millionen Euro im Jahr), bliebe nicht mehr viel übrig. Ein Schreckensszenario: Im Haushalt des DOSB machen diese Gelder rund ein Drittel aus, bei den Landessportbünden sind es zum Teil 80 Prozent.

          Wer den Kampf um das Monopol gewinnt, ist offen. Wie in einem Wirtschaftskrimi geht es hin und her. Das Spiel ist schwer durchschaubar im Spannungsfeld zwischen Lotterieverwaltungen, Ministerien, Glücksspielreferenten, Staatskanzleien und jeweiligen Regierungen. Aus den Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern zeichnet sich Unterstützung für eine Liberalisierung ab 2012 ab.

          „Fußball ist die perfekte Werbeplattform“

          Durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der im September entschied, dass die deutschen Regelungen gegen EU-Recht verstoßen, sehen sich die Befürworter etwas im Vorteil. Vereinzelt wagt man sich bei dem „sensiblen Thema“ aus der Deckung. Der Handball-Bundesligaklub SG Flensburg-Handewitt hängte im September als erster Profiverein im deutschen Sport Werbebanderolen eines privaten Sportwettenanbieters in die Halle. Abmahnungen der Behörden sind dort bisher ohne Konsequenzen geblieben. Der Fußball-Bundesligaklub 1899 Hoffenheim wirbt auf der Bande ganz offiziell mit einem Wettunternehmen aus Baden-Württemberg, das sein Geschäft derzeit allerdings über Malta abwickelt. Bayer Leverkusen zog gerade in der Europa League nach.

          In den Profiklubs wird derzeit munter verhandelt, Tag für Tag flattern neue Angebote auf den Tisch der Manager. Das Institut „Sport und Markt“ in Köln hat registriert, wie in Frankreich durch die Liberalisierung des Wettmarktes die Einkünfte im Fußball beim Trikotsponsoring sprunghaft gestiegen sind - um 55 Prozent. Dies gilt ebenso für England, Spanien und Italien. In den sechs europäischen Topligen wurden in dieser Saison 27 neue Verträge zwischen Vereinen und Wettunternehmen abgeschlossen. Real Madrid soll angeblich vom Branchen-Schwergewicht Bwin mehr als zwanzig Millionen Euro im Jahr erhalten. „Für die privaten Sportwettenanbieter ist der Fußball die perfekte Werbeplattform. Erstens gibt es bei der Zielgruppe wenig Streuverluste. Zudem würden sich die lange Zeit in Deutschland illegalen Wettunternehmen ein seriöses Gesicht geben und greifbar werden, wenn sie mit den starken Bundesligamarken Partnerschaften eingingen“, sagt Andreas Ullmann von „Sport und Markt“.

          „Für eine Marktöffnung sind wir sehr gut vorbereitet“

          Aber noch fehlt die Rechtssicherheit. Bwin nutzt die bestehende Verbindung zum FC Bayern derzeit vorsichtshalber nur auf internationalem Terrain. Statt Fakten zu schaffen, setze man lieber auf einen konstruktiven Dialog mit den Ländern, sagt Deutschlandchef Jörg Wacker politisch korrekt. „Wir stellen fest, dass die Politik unsere Argumente nach den negativen Erfahrungen mit dem Monopolstaatsvertrag immer besser nachvollziehen kann. Für eine Marktöffnung sind wir sehr gut vorbereitet. Derzeit führen wir intensive Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern - natürlich auch mit verschiedenen Fußballklubs.“

          Gespannt wird die Verhandlung des Bundesverwaltungsgerichts am 24. November erwartet, in der Kläger ihre Berufsfreiheit bei der Vermittlung von privaten Sportwetten geltend machen. „Es wäre ein positives Signal, wenn die Richter erwartungsgemäß der Linie des Europäischen Gerichtshofes folgten. Das Monopol ist im Grunde schon gefallen“, sagt Peter Reinhardt, bei der größten privaten Wettbörse Betfair zuständig für Mitteleuropa. De facto sorgen die privaten Wettanbieter schon jetzt für mindestens 95 Prozent des Umsatzes in Deutschland - mit rund sieben Milliarden Euro jährlich.

          „Wir stellen uns einen Anteil am Umsatz vor“

          Weil sie aber ohne Zulassung über das Ausland und die Internetleitung arbeiten, zahlen sie in Deutschland bislang keinen Cent Steuern oder Abgaben. Das würde sich ändern. „Wir sind im Fall einer Öffnung für eine Sportwettenabgabe der privaten Wettanbieter, die auch dem gemeinnützigen Sport zugutekäme, nicht jedoch den Profis. Wir stellen uns einen Anteil am Umsatz vor. Er muss spürbar, aber auch marktgerecht sein und liegt unseres Erachtens zwischen drei und zehn Prozent“, sagt Vesper. In seiner Rechnung verdienen am Ende alle mehr - auch der staatliche Lottoblock, der dann ohne das Menetekel der Suchtgefahr auch selbst wieder offensiver werben könnte.

          Doch erst einmal kämpft das staatliche Monopol gegen die schwierigen Marktbedingungen. „Der Glücksspielstaatsvertrag ist von den Traditionalisten an die Wand gefahren worden. Die Umsätze beim Lotto fallen Jahr für Jahr, die Sportwette Oddset ist bedeutungslos, wenn nicht sogar schon defizitär. Dieser Abwärtstrend wird sich verschärfen, wenn der Markt sich nicht öffnet“, behauptet Reinhardt. Die Lotto-Beamten widersprechen da und sehen sich weiterhin als Platzhirsche. Gerade verlängerte Lotto Rheinland-Pfalz bei Mainz 05 seinen umfangreichen Werbevertrag, dazu wurde noch eine der 85 Personen fassenden Logen in der neuen Arena angemietet.

          Arbeitsgruppe soll zwei Entwürfe zusammenstellen

          Die Befürworter des Monopols haben zuletzt in der Öffentlichkeit immer wieder unglücklich agiert. Zur eigenen Interessenwahrung wurde beispielsweise eine teure Studie eines Schweizer Instituts zur Anhörung im Frühjahr von den Bundesländern einfach umfrisiert. In den vergangenen Jahren gab es zudem Kritik an den viel zu hohen Kosten des Apparats. In Bayern bemängelte der Rechnungshof die durchschnittliche Gesamtvergütung von jährlich einer halben Million Euro der Bezirksstellenleitungen und deren zu große Anzahl von bald 30.

          Manch einer glaubt, bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 15. Dezember könnte eine Vorentscheidung fallen. Die Arbeitsgruppe „Zukunft des Lotteriemonopols“ soll bis dahin zwei Entwürfe für einen neuen Glücksspielstaatsvertrag ausarbeiten. Auf den Sieg einer Interessengruppe in diesem Milliardenspiel zu wetten wäre aber derzeit reine Glückssache.

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