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Gisdol und Gislason : Fußball trifft Handball

  • -Aktualisiert am

Fachleute: Markus Gisdol und Alfred Gislason (r.) beim Gedankenaustausch Bild: Sascha Klahn

Markus Gisdol ist Bundesligatrainer ohne aktuellen Job. Die Zeit nutzt er zu einem Schnupperkurs bei Alfred Gislason – und entdeckt beim THW Kiel einiges, was er sich abschauen möchte.

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          Das Gespräch endet etwas abrupt, die Zeit drängt, die Videoanalyse des nächsten Gegners wartet. „Russee, oder?“, fragt Markus Gisdol, der nach kurzer Zeit in Kiel die Hallenpläne des THW schon auswendig zu kennen scheint. Alfred Gislason nickt. Die beiden plaudern im Aufstehen weiter. Mittagessen beendet. Nur ein Salat.

          Mal Russee im Osten der Stadt, mal Wellsee im Süden, dann die Lauf-Einheiten im Uni-Viertel – beim THW Kiel kennt man den Trainingstourismus. Seit Jahrzehnten wird über ein würdiges Zuhause diskutiert. Passiert ist nichts. „Wir wünschen uns deutlich mehr Unterstützung von der Stadt“, sagt Trainer Gislason. Gisdol kennt das anders. Zweieinhalb Jahre hat er die Fußballprofis der TSG 1899 Hoffenheim angeleitet, von 2009 bis 2011 die zweite Mannschaft; er schaute beim Bau des Trainingszentrums in Zuzenhausen zu. Von idealen Verhältnissen ist man im hohen Norden weit entfernt. Zugiger Turnhallen-Charme, leicht abgeblättert. Muss kein Nachteil sein, findet Gisdol: „Man braucht nicht unbedingt Laborbedingungen, um gut zu sein. Zu viel Luxus kann auch ablenken.“ Sein dreitägiger Besuch in Kiel bestätigte den 46 Jahre alten Schwaben in dieser Haltung.

          Handball trifft Fußball, dieser reizvollen Kombination können beide etwas abgewinnen. „Ich wollte einfach mal sehen, wie der weltbeste Trainer arbeitet“, sagt Gisdol schmunzelnd mit Blick auf Gislason, der ein solches Lob natürlich furchtbar findet, es sich aber nicht anmerken lässt, „es ist schon beeindruckend, wie professionell beim THW gearbeitet wird“. Dass Gislason ganz allein macht, wofür jeder Fußball-Bundesligatrainer Assistenten hat, dürfte Gisdol überrascht haben – zeigen tut er es nicht. Wo Handball-Rekordmeister draufsteht, ist ziemlich wenig Glamour drin. Das scheint Gisdol zu gefallen.

          „Hier wird Handball gelebt“

          Handball hat der Fußball-Lehrer aus Geislingen schon immer gern geschaut, Göppingen wegen der Nähe, die ebenfalls zum Hopp-Sport-Imperium gehörenden Rhein-Neckar Löwen wegen der Verbindungen zur TSG Hoffenheim. Doch Kiel, die Förde, die Ostseehalle, das ist eine andere Nummer: „Hier wird Handball gelebt“, sagt Gisdol.

          Er hat nach seiner Entlassung in Hoffenheim am 26. Oktober 2015 versucht, Abstand vom Geschäft zu bekommen. Raus aus dem Hamsterrad. Früher halfen lange Waldspaziergänge und ein ausgeschaltetes Handy, um wieder zu Kräften zu kommen. Das möchte Gisdol beibehalten. Die Lücke, die sich vor ihm auftat, war aber groß Ende des Jahres, und sie wollte gefüllt sein. Also hospitierte er bei Atlético Madrids Coach Diego Simeone. Er schaute sich englische Spiele an. Traf deutsche Nationalspieler. Und er fragte den Kieler Geschäftsführer Thorsten Storm, ob er mal Gislason besuchen könne. Storm war früher Manager der Löwen. Gislason stimmte zu, und so stand Gisdol kürzlich plötzlich in der Halle. „Als die Jungs ihn sahen, wollten sie sofort Fußball spielen“, sagt Gislason gespielt mürrisch.

          In Aktion: Markus Gisdol an der Seitenauslinie
          In Aktion: Markus Gisdol an der Seitenauslinie : Bild: dpa

          Gisdol gefällt Gislasons Umgang mit den Profis, dabei hat der Coach den Ruf des strengen Schleifers, der immer noch ein Gewicht drauflegt? „Ein Trainer ist nicht vorrangig zum Lachen da“, antwortet Gisdol, „aber Alfred hat eine sehr leistungsbereite Gruppe, und er lockert Situationen immer wieder mit einem Scherz auf.“ Was Gisdol in den folgenden Einheiten sieht, imponiert ihm – auch, weil er dem Praxistest am Samstagabend beiwohnt, als ausgerechnet „seine“ Göppinger mit 38:29 Toren aus der Halle gefegt werden.

          Regeländerungen, Überbelastung, Regelauslegung

          Gisdol will Input. Er war schon immer ein Forscher in Sachen Spielsystematik, jetzt sucht er andere Sportarten ab. „Handball ist uns weit voraus, was vorgeschriebene Spielzüge angeht“, sagt er, „es würde das Coaching erleichtern, wenn wie ihm Handball Spielzüge angesagt oder angezeigt werden könnten.“ Ein Pfiff oder ein Handzeichen von außen, und eine Gruppe innerhalb seiner Elf formiert sich geplant neu – das reizt Gisdol. Mehr noch: „Ich hätte gern Auszeiten, eine pro Halbzeit, um auf veränderte Spielsituationen zu reagieren.“ Auszeiten sind das eine, „interchanging“ das andere. „Mehr auswechseln zu können wäre toll. Wenn wir im Fußball aus- und einwechseln könnten wie im Handball, gäbe es im Spiel mehr Möglichkeiten und im Kader eine größere Zufriedenheit“, sagt Gisdol. Und dann ist da noch etwas Grundsätzliches: „Ich beneide den Handball um seine Stetigkeit auf dem Trainerposten. Von der Gelassenheit und der Weitsicht, die der Handball bei den Trainern hat, können wir uns im Fußball etwas abschauen.“

          Der Trainer geht mit: Alfred Gislason bei einem Spiel des THW Kiel
          Der Trainer geht mit: Alfred Gislason bei einem Spiel des THW Kiel : Bild: dpa

          Gislason fallen aber genug Dinge ein, die im Argen liegen. Regeländerungen, Überbelastung, Regelauslegung. Gisdol lauscht, ein Experte ist er nicht, auch kein Kenner der Kieler Szene: „Ich weiß, dass der THW im Umbruch steckt“, sagt er. Ihn interessiert eher die große Linie, die Bodenständigkeit im Erfolg. Er ist ein Fußballmann und verteidigt seinen Sport. Gisdol sagt: „Ich muss eine Lanze brechen für die Fußballer. Ich versuche immer, die Menschen zu sehen, nicht das viele Geld, das dahinter steht. Ob es ein Raúl ist oder ein Niklas Süle – letztlich wollen sie alle nur Fußball spielen.“ Gislason sieht es anders: „Fußballprofis werden als Kinder entdeckt und umlagert von Beratern. Sie verpassen die Schule und das normale Leben.“

          Bei seinen Plänen hält sich Gisdol bedeckt. Er hat Hoffenheim 2013 gerettet, dann zwei Jahre mit teils begeisterndem Fußball dort verbracht. Der nächste Job soll bald kommen, aber es muss passen. Wenn es nach Gislason geht, wäre eine Tandemlösung ideal: „Ich werde beim nächsten Verein sein taktischer Berater und arbeite zehn Stunden die Woche“, sagt Gislason. Darüber können beide herzhaft lachen.

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