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Giro d’Italia : Traurige Clowns

  • -Aktualisiert am

Echter Hoffnungsträger? Michele Scarponi, der offizielle Tour-Sieger 2011 Bild: dapd

Italien und der Giro - die Geschichte einer oft enttäuschten Liebe. Märchen über die angeblichen Helden der Straße will niemand mehr hören.

          3 Min.

          Nicola Monaldi muss arbeiten, er kann deshalb nicht dabei sein, wenn der 95. Giro d’Italia an diesem Mittwoch in seine Heimatstadt Verona zum Mannschaftszeitfahren kommt. Aber besonders traurig ist der Vizepräsident des lokalen Sportkomitees CSI auch wieder nicht. „Mir fällt es schwer, mich neu in diesen Sport voller Betrüger zu verlieben“, sagt Monaldi. Eine Delegation seines Vereins wird trotzdem an der Strecke stehen und jubeln. Der Sportsfreund Monaldi hingegen gehört zu einer immer größer werdenden Gemeinde enttäuschter Radsportfans in Italien, die wegen unzähliger Doping-Affären ihrem Lieblingssport den Rücken gekehrt haben.

          Trotzdem werden auch dieses Jahr wieder die Straßen gesäumt sein, auf denen sich die Karawane des nach der Tour de France berühmtesten Etappenrennens der Welt fortbewegt. Die drei aus Marketinggründen nach Dänemark verlegten Etappen zu Beginn haben viele Interessierte nur nebenbei verfolgt, für sie beginnt der Giro erst jetzt. Aber obwohl Monaldi enttäuscht ist, wird er am Mittwoch Radio hören. Spricht man ihn auf die drei meistbeachteten italienischen Fahrer im Klassement an, Michele Scarponi, Ivan Basso und Damiano Cunego, dann bricht plötzlich doch der Radsportfan in ihm durch. „Ich bin für Cunego, mit ganzem Herzen. Er ist schließlich aus Verona.“

          Vielleicht kann Nicola Monaldis gespaltene Fan-Natur erklären, wie sich das Verhältnis zwischen Giro d’Italia und den Italienern verändert hat. Grundsätzlich herrscht im gemäßigten Publikum einige Skepsis gegenüber diesem Sport und seinen Protagonisten. Gibt es aber einen lokalen Bezug, etwa einen Fahrer aus der Heimatstadt oder eine Etappe, die am eigenen Wohnzimmerfenster vorbei führt, springt der alte und nie ganz erloschene Funke der Begeisterung schnell wieder über. Der 30 Jahre alte Damiano Cunego vom Team Lampre ist vor allem bei der jüngeren Generation beliebt, obwohl er nie an den frühen Erfolg seiner Karriere anknüpfen konnte. Mit 22 Jahren gewann er 2004 den Giro d’Italia, nur fünf Monate nach dem Drogentod Marco Pantanis.

          Bei den jüngeren Fans beliebt: Damiano Cunego Bilderstrecke
          Bei den jüngeren Fans beliebt: Damiano Cunego :

          Pantanis Tod war die Zeitenwende im ciclismo, so wird der Radsport in Italien genannt. Das ist auch an den Einschaltzahlen beim Giro abzulesen. Bis zu sechs Millionen Fernsehzuschauer wurden zu Lebzeiten des Fahrers aus Cesenatico an der Adria gezählt, heute verfolgen fast zwei Millionen Menschen weniger die Live-Berichterstattung. Die Motorrad-WM und zuweilen sogar Rugby haben dem ciclismo in Italien den Rang als beliebteste Sportart hinter Fußball und Formel 1 abgelaufen.

          Affären von Scarponi und Basso

          Dennoch ist der Giro d’Italia immer noch ein Weltereignis, dessen Bilder in 167 Länder und alle fünf Kontinente verbreitet werden. Die Veranstalter rechnen in diesem Jahr mit einem Umsatz von knapp einer halben Milliarde Euro. Und das, obwohl nicht nur Pantani, der 1999 des Blut-Dopings überführt wurde und 2004 an einer Überdosis Kokain starb, sondern auch die anderen Protagonisten ihre Tifosi enttäuscht haben. Gegen Cunego, der neben Scarponi, Basso und dem Luxemburger Fränk Schleck zum Kreis der Favoriten auf den Sieg im Giro zählt, wird in Mantua wegen Dopings ermittelt, das Verfahren ruht aber gerade. Auch die weiße Weste der ewigen Hoffnung des italienischen Radsports ist nicht mehr ganz unbefleckt.

          Die beiden anderen italienischen Spitzenfahrer, Lampre-Kapitän Michele Scarponi, 32 Jahre alt, und Liquigas-Kapitän Ivan Basso, 34, waren früher tief in die Affäre um den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt. Scarponi, der wegen der Doping-Sperre des Vorjahressiegers Alberto Contador nachträglich zum Sieger des Giro 2011 erklärt wurde, ist auch wegen seines ambivalenten Verhaltens wenig beliebt. Trotz einer Sperre von 18 Monaten vermittelte Scarponi nie den Eindruck, seine früheren Taten zu bereuen.

          Der „Corriere della Sera“ bezeichnete ihn auch deshalb als „traurigen Clown“. Mehr Kredit hat inzwischen wieder der zweifache Giro-Sieger Basso, der 2008 nach zweijähriger Sperre zurückkehrte. „Er hat einen Teil des Publikums wieder zurückerobert „, sagt der Journalist Paolo Tomaselli. Er berichtet seit acht Jahren für den „Corriere della Sera“ über Italiens bekanntestes Radrennen und muss zugeben, dass auch seine Passion nachgelassen hat. „Enthusiasmus ist etwas anderes, aber ich versuche weiterhin professionell zu berichten, ohne Märchen über die angeblichen Helden der Straße zu erfinden.“

          Menschlich, nicht übermenschlich

          Um den Italienern wieder den Eindruck eines sauberen Wettbewerbs zu vermitteln, präsentierte der neue Renndirektor Michele Acquarone die diesjährige Ausgabe der 3500 Kilometer langen und drei Wochen dauernden Rundfahrt als menschliche und nicht mehr übermenschliche Herausforderung. Auf sechs vermutlich spektakuläre Bergankünfte in der letzten Rennwoche wollte jedoch auch Acquarone nicht verzichten.

          Sein Vorgänger Angelo Zomegnan wurde im vergangenen Sommer auch deshalb abgelöst, weil er im Konkurrenzkampf mit der übermächtigen Tour de France teilweise übertrieben schwere Streckenabschnitte für den Giro d’Italia entworfen hatte. „Wir haben zwar weniger Zuschauer als die Tour de France, aber diejenigen, die den Giro verfolgen, lieben ihn mit Haut und Haar“, behauptete Acquarone bei der Präsentation. Zumindest auf Nicola Monaldi trifft diese Einschätzung wohl nicht ganz zu.

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