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Giro d’Italia : Dumoulin schlägt am letzten Tag zurück

  • -Aktualisiert am

Darf sich nun Giro-Sieger nennen: Der Niederländer Tom Dumoulin Bild: AFP

Revanche in der Paradedisziplin: Tom Dumoulin hat sich die Gesamtwertung des Giro d’Italia geholt. Zuvor konnte er auf die Hilfe einer ganz besonderen Allianz bauen.

          3 Min.

          Tom Dumoulin hat als erster Niederländer in 108 Jahren Giro d‘Italia die Italien-Rundfahrt im Rosa Trikot des Siegers beendet. Beim entscheidenden Zeitfahren über 29,3 Kilometer von der Rennstrecke im Königlichen Park von Monza nach Mailand wurde Dumoulin Zweiter hinter seinem Landsmann Jos van Emden. Dumoulin verwies den Kolumbianer Nairo Quintana in der Endabrechnung mit 31 Sekunden Rückstand auf den zweiten Platz.

          Der zweimalige Giro-Gewinner und Vorjahressieger Vincenzo Nibali aus Italien wurde mit 40 Sekunden Rückstand Dritter. „Das ist verrückt“, sagte Dumoulin anschließend. „Ich kann das nicht mit Worten beschreiben. Das war ein sehr nervenaufreibender Tag – ich war sehr nervös. Ich wusste nicht immer die Zwischenzeiten, erst zum Schluss.“ Im Fernsehen konnten die Zuschauer das miterleben. Der 26-Jährige rieb sich voller Anspannung mit einem kleinen Handtuch immer wieder über Kopf und Augen, verfolgte genau, mit welcher Zeit sein Konkurrent Quintana ins Ziel fuhr.

          Es war das Ende eines bemerkenswerten Schlusswochenendes beim 100. Giro, das am Samstag begonnen hatte – und wie: Wer hatte jemals fünf der besten sechs Fahrern des Gesamtklassements am vorletzten Tag einen Flachsprint im Stile eines Keirin-Finales austragen sehen? Auf der flachen Kuppe des Doppelberges Foza und Gallio in 1080 Metern Höhe bildeten der Kolumbianer Nairo Quintana Vincenzo Nibali, Thibaut Pinot, Ilnur Zakarin und Domenico Pozzovivo eine Fünfergruppe, die einen Sprint hinlegte, wie man ihn sonst von Bahnwettbewerben kennt. Erst legte der kleine Pozzovivo vor, dann kam Pinot auf, in seinem Windschatten Zakarin und Nibali. Quintana versuchte verzweifelt, die Lücke zu schließen. Schließlich trat Pinot an, zog die sich heftig duellierenden Zakarin und Nibali noch mit und holte Tagessieg und Bonussekunden.

          Bergziegen in falschem Terrain

          Wäre das Ganze ein Bergsprint gewesen, dann hätte man auch mit der Zunge geschnalzt und den Antritt des früheren Tour-Dritten aus Frankreich gewürdigt. Die Auseinandersetzung fand aber auf für diese Kletterkünstler ungewohntem Terrain statt. Die Strecke war flach und gerade, lediglich eine Kurve kurz vor dem weißen Strich stellte ein kleines Problem dar.

          Dass die Bergspezialisten hier aber Kittel und Co. nachahmten, nur eben ohne Sprintzug, ganz auf die eigenen Instinkte und die Kraft der Muskulatur angewiesen, ist ein Zeichen für die Ungewöhnlichkeit dieses Giro. Bei keiner der bisherigen 99 Austragungen dieses Rennens waren am letzten Tag die besten sechs lediglich um eineinhalb Minuten getrennt. Die besten vier lagen gar innerhalb einer Minute. Die extrem hohe Leistungsdichte erklärt auch, warum Bergfahrer sich im Spurt versuchten. Am Samstag musste das Quintett an der Spitze Zeit auf Dumoulin, den Top-Zeitfahrer, gutmachen.

          Die drei Sieger zusammen: Quintana (l.), Dumoulin (Mitte) und Nibali (r.)

          Das gemeinsame Ziel ließ sie kooperieren. Sie hatten aber auch jeweils individuelle Absichten, die sie dann im heißen Kampf gegeneinander verfolgten. Selten trat diese Komplexität des Straßenradsports so eindrucksvoll zutage wie auf den letzten vier Kilometern an diesem Samstag im Mai im oberitalienischen Städtchen Asiago.

          Dumoulins freundschaftliche Allianz

          Hinter den furiosen fünf focht Dumoulin den wohl wichtigsten Fight seiner bisherigen Karriere. Er versuchte den Rückstand zu begrenzen. Selbst hatte er nicht mehr die Kraft dazu, er wäre wohl weit zurückgefallen. Aber er fand Unterstützung bei Orica, bei Trek und bei Quickstep. Bob Jungels (Quickstep), Adam Yates (Orica) und Bauke Mollema (Trek) führten den Sunweb-Kapitän Dumoulin wieder näher an die Führenden heran, von mehr als einer halben Minute auf 15 Sekunden. So blieb der Niederländer in Schlagdistanz für den großen Schlussakkord beim Zeitfahren.

          Im Gegensatz zur aus parallelen Interessen geschmiedeten temporären Allianz der Männer ganz vorn handelte es sich bei der Truppe um Dumoulin um eine Freundschaftskoalition. „Ich kenne die drei seit langem. Wir verstehen uns gut. Und ich bin ihnen wegen der enormen Hilfe heute zu ewigem Dank verpflichtet“, sagte Dumoulin, und das Pathos seiner Wortwahl strich die Bedeutung noch einmal heraus.

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          Sogar eine sportpolitische Note lag in dieser Gemeinschaftsaktion. Alle vier Rennställe gehören zur Velon-Gruppe, die nach gemeinsamen Wegen in Sachen Vermarktung, Finanzierung und technologischer Entwicklung des Radsports sucht. Modernisierer gegen Traditionalisten, wobei die Modernisierer den Traditionalisten hinterher fuhren – auch dieses Merkmal prägte den 100. Giro d’Italia.

          Vertragsverhandlungen und Tour-Teilnahme

          Die diesjährige Tour de France wird wohl ohne Tom Dumoulin stattfinden. Der Giro-Sieger kündigte an, bei der am 1. Juli in Düsseldorf startenden Frankreich-Rundfahrt zugunsten eines Kurzurlaubs fernzubleiben – wenn seine Teamleitung nicht ein Veto einlegt. Zur Zeit laufen die Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung bis 2021. (dpa)

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