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Richard Carapaz : Der Mann der Überraschungen beim Giro d’Italia

  • -Aktualisiert am

Eine Überraschung: Carapaz im rosanen Trikot des Führenden Bild: AP

Er kommt aus einer Bauernfamilie in den Anden, fuhr zunächst ein Rad mit Vollgummireifen. Nun belebt Richard Carapaz und sein Team Movistar den Giro. Kann der Ecuadorianer sogar die Favoriten bezwingen?

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          Es ist leichter, das Rosa Trikot zu verteidigen, als es zu erobern. Jetzt will ich es bis Verona bringen“, sagte Richard Carapaz nach seinem überzeugenden Etappensieg in Courmayeur, inmitten der mit Schnee bestäubten Riesengipfel rings um den Mont Blanc. Altmeister Vincenzo Nibali würde über eine solche Aussage nur den Kopf schütteln. Er kennt die Plagen nur zu gut, die Tag für Tag bei einer Verteidigung der Leaderposition zu ertragen sind. Auch Primoz Roglic ist damit vertraut, deshalb hatte der Radsport-Spätentwickler sogar darauf verzichtet, Carapaz am Samstag ernsthaft den Weg zu Rosa beim Giro d’Italia zu verbauen. Er begnügte sich damit, ein paar Sekunden hinter dem Ecuadorianer zu bleiben.

          Die Ambitionen von Carapaz, der seine Position am Sonntag beim Etappensieg des Italieners Dario Cataldo behauptete, sollten dessen Konkurrenten aber ernst nehmen. Denn der zweite Mann des Teams Movistar sagte diesen Satz mit dem so klaren wie unerschütterlichen Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht viele Worte macht – aber es vollkommen ernst meint. Da mag man noch das Aufwachsen in einer Bauernfamilie in den Anden, nahe der kolumbianischen Grenze, erkennen. Es war offenbar keine einfache Kindheit, die Familie war nicht auf Rosen gebettet. Der junge Richard Carapaz hatte, so wird es überliefert, ein Rad mit Vollgummireifen. „Er hatte ein Mountainbike, aber das war ihm zu schwer“, zitierten Medien seine Mutter, die mit dem frischen Ruhm des Sohnes nun auch selbst Beachtung findet, zumindest im Radsport.

          „Ich dachte mir, das ist der Moment“

          Carapaz, der Aufsteiger aus den ecuadorianischen Anden, ist ein Mann der Überraschungen. 2015 verblüffte er die Radsportnation Kolumbien, als er dort das landesweit bedeutendste U-23-Rennen, die Vuelta de la Juventud, gewann. „Als einziger Ausländer bislang“, sagte er stolz. Auch beim Giro sorgte er schon in der ersten Woche für Furore. Er gewann die vierte Etappe, die durch eine Massenkarambolage zur Chaos-Veranstaltung wurde. „Ich wollte mich revanchieren für den Zeitverlust, den ich am Tag zuvor durch einen Defekt und einen Sturz erlitten hatte. Deshalb hielt ich mich ganz vorn auf und konnte dann auch beschleunigen“, blickte er auf seinen ersten Coup bei diesem Giro zurück. Den zweiten landete er am Samstag. „Ich sah, dass Nibali nicht sonderlich gut aussah. Ich bemerkte auch, dass Nibali und Roglic sich vor allem gegenseitig belauerten. Ich dachte mir, das ist der Moment, in dem der Giro auf dem Spiel steht“, erzählte Carapaz.

          L’attaque! Richard Carapaz (r.) weiß um die Chance und fährt offensiv im Wiegetritt, neben ihm versucht der Pole Rafal Majka (Bora-Hansgrohe) das Tempo mitzugehen.

          Sein Antritt etwa drei Kilometer vor dem Gipfel des Colle San Carlo war so fulminant, dass niemand folgen konnte. Nach dem schon bekannten Zaudern entschieden sich dann Nibali und Roglic für ein eher gemäßigtes Tempo. Nibali ließ noch seinen Helfer Damiano Caruso aus der Fluchtgruppe zurückholen. Der gab sein Letztes, um die Kapitäne aus dem Wind zu halten. Das Verhalten von Nibali und Roglic brachten Carapaz jene knapp zwei Minuten Vorsprung ein, die ihm zur Eroberung von Rosa reichten.

          Carapaz’ entschlossene Tat fügt sich ein in eine taktische Meisterleistung des gesamten Teams Movistar in den vergangenen Tagen. Bereits am Donnerstag, auf dem Weg nach Pinerolo, hatte sich Mikel Landa aus dem Feld der Favoriten nach vorn gestohlen. Der Baske lag nach zwei desaströsen Zeitfahren mehr als vier Minuten hinter Roglic. Am Freitag wiederholte er diese Aktion, schoss mit enormem Speed davon und machte weiter Boden gut. Er konnte sich auch darauf verlassen, dass weiter vorn noch Teamkollegen in einer Fluchtgemeinschaft waren, die ihm dann wertvolle Unterstützung gaben. Auf derselben Etappe ließ Carapaz wenig später die Zögerer Roglic und Nibali stehen. Am Samstag krönte er seine Aufholjagd.

          Die spannende Frage ist nun, ob Roglic und Nibali zu hoch gepokert haben und sich Rivalen einhandelten, die eigentlich schon abgeschrieben waren. Oder haben Carapaz und Landa, derzeit Gesamtfünfter, zu viel Energie investiert? Dann hätte vor allem der bislang sozusagen im Sparmodus fahrende frühere Skispringer Roglic alles richtig gemacht. Ihm dürfte auch die Entschärfung der Königsetappe gelegen kommen. Am Samstagabend gab Giro-Direktor Mauro Vegni den Verzicht auf den Gavia-Pass am kommenden Dienstag bekannt – Schneefälle, Eis auf der Abfahrt sowie Lawinengefahr.

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