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Giro d’Italia : Kelderman ist der Alte unter den Jungen

  • -Aktualisiert am

Mit dem Alter kommt auch das notwendige Wissen: Wilco Kelderman profitiert von seiner Erfahrung. Bild: EPA

Beim Giro d’Italia findet Wilco Kelderman seine Angriffslust wieder. Seine Erfahrung verhilft dem Niederländer zu einem großen Auftritt während der 15. Etappe.

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          Die 15. Etappe des Giro d’Italia begann mit einem Spektakel in der Luft. Die Kunstflugstaffel der italienischen Luftwaffe stieg über dem Feldflugplatz Rivolto in Venetien auf. Die neun Militärmaschinen vollführten einige Figuren am Himmel. Aus den Lautsprechern ertönte die Stimme Luciano Pavarottis. Am Boden warteten die Radprofis im Kalten auf ihr Spektakel am Berg. Aber zum Giro gehören auch solche Szenen. Wilco Kelderman dürfte das nicht überraschen. Der mittlerweile 29 Jahre alte Niederländer fuhr schon 2014 beim Giro mit. Damals kam er auf Platz sieben an. Er ließ den Australier Cadel Evans hinter sich. Nairo Quintana landete einen Platz vor ihm. Viele Experten prophezeiten Kelderman eine große Karriere auf dem Rad.

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          Evans, der frühere Toursieger, fährt längst keine Rennen mehr. Quintana gilt bestenfalls als Auslaufmodell. Im Straßenradsport können Karrierekurven aber komplex verlaufen. Jene von Kelderman steigt just in dem Moment an, in dem die nächste Generation den Wechsel an der Weltspitze eingeleitet hat, die Fahrer des Jahrgangs 1998 etwa: Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar oder Joao Almeida, der gerade die Gesamtwertung des Giro anführt. Kelderman gehört, gezählt in Jahresringen, zu den alten Hasen. Aufgrund zahlreicher Verletzungen hat er aber weniger Renntage als üblich absolviert und auch weniger Siege als sein Potential erwarten ließ.

          Er ist der „junge Alte“ in dieser Übergangsperiode. Im Gegensatz zu den meisten Jungen weiß er aber, was es für so eine große Rundfahrt braucht. Neben seinem siebten Platz beim Giro 2014 ragt sein vierter Rang bei der Vuelta 2017 heraus. Jetzt liegt er, der Fahrer des deutschen Radstalls Team Sunweb, auf Platz zwei. Seit seiner mutigen Fahrt am Sonntag den finalen Berg hinauf, die mit Platz zwei in der Tageswertung belohnt wurde, liegt er im Gesamtklassement nur noch 15 Sekunden hinter Almeida.

          Die Höhepunkte in der Karriere von Kelderman waren aber stets von Tälern der Enttäuschung verbunden. Er erlitt zwei Schlüsselbeinbrüche. „Einige Jahre hatte ich einfach keine durchgehende Vorbereitung. Immer kam irgendeine Verletzung dazwischen“, sagt er dieser Zeitung. Die Pandemiesaison war ausgerechnet seine unproblematischte. „Ich konnte ohne Unterbrechung trainieren und mir eine gute Basis erarbeiten.“ Zugleich ist er mental stärker und stabiler geworden. „Früher habe ich mich oft mit der Frage beschäftigt, was die Leute von mir erwarten. Jetzt denke ich weniger darüber nach, bleibe einfach realistisch“, sagte er. Er hat offenbar auch ein paar Gänge zurückgeschaltet. Früher setzte er zu sehr auf Gewichtsabnahme, verlor dabei an Substanz, der ganze Organismus wurde anfälliger. Mittlerweile wirkt er robuster.

          Den Körper richtig kennen

          Auch an seinem letzten Mangel hat er offenbar gearbeitet. „Ich bin nicht wirklich ein Killer. Ich liebe es einfach, anderen zu helfen“, sagte er vor einiger Zeit. Bei diesem Giro schaute er aber schon mehrfach seinen Rivalen in die Augen und ließ sie dann stehen. Bei der Auffahrt zum Ätna schnellte er aus dem Favoritenfeld hervor und fuhr ein paar Sekunden heraus. Auch im Apennin-Gebirge ließ er die Konkurrenten stehen. Es waren jeweils nur wenige Sekunden. Aber er hat Zutrauen in seine Angriffsfähigkeiten gewonnen.

          Und im Australier Jai Hindley, der am Sonntag mit Kelderman im Duo den Schlussanstieg hochraste und nun Gesamtdritter ist (2:56 Minuten Rückstand), hat er einen Helfer auf Augenhöhe. „Es macht Spaß, für Wilco zu fahren. Er ist als Kapitän ziemlich gelassen, kehrt den Chef nicht heraus, ist umgänglich“, sagt Hindley. Der 24-Jährige gehört zur neuen Jugendwelle, wird im nächsten Jahr vielleicht Keldermans Rolle bei Sunweb übernehmen. Der Niederländer wechselt im nächsten Jahr zum Team Bora-hansgrohe. Welche Ansprüche er dort anmelden kann, wird sich auch bei diesem Giro entscheiden. Kommt er aufs Podium, gewinnt ihn gar, dürfte er sich mit einer Helferrolle für Emanuel Buchmann nicht zufriedengeben. Die Neigung, als Helfer Befriedigung zu finden, ist längst dem Streben nach einer Protagonistenrolle gewichen.

          Im Unterschied zum Giro-Debütanten Almeida weiß Kelderman auch, welche Signale ein erschöpfter Körper in der dritten Rennwoche aussendet – und wie man diese Signale lesen muss. Der Jüngste der Alten und zugleich Älteste unter den Jungen hat bei diesem Giro seinen bislang größten Auftritt.

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