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Giro d’Italia : Die Ausreißergruppe als Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

Max Walscheid beim Giro D’Italia Bild: Imago

Beim Giro d’Italia kommt es auf den richtigen Plan an. Aber manchmal wollen alle das Gleiche. Für Max Walscheid und seine Teamkollegen ging er sogar zwei Mal auf – trotz Massensturz.

          3 Min.

          Es gibt Pläne im Radsport, die funktionieren im Prinzip nie. Aber manchmal eben doch. Am Giro d’Italia zum Beispiel nehmen 23 Mannschaften teil, 184 Fahrer insgesamt, und morgens, bevor die Etappe beginnt, geben viele Sportliche Leiter dieselbe Taktik aus. Vor der 15. Etappe von Grado nach Gorizia etwa war in der südafrikanischen Equipe Qhubeka Assos abgesprochen worden, dass Max Walscheid, der Deutsche im Team, und Victor Campenaerts, der Belgier, eine Attacke fahren sollten, sobald der Startschuss fällt.

          Wer kommt durch?

          Vollgas voraus in eine Fluchtgruppe. „Das klappte eins zu eins“, erzählt Walscheid ein paar Tage später. „Und das war nicht einfach, weil es eine Etappe war, in der viele Fahrer aus vielen Teams das Gleiche wollten.“ Es war einer jener Tage, an denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass eine Ausreißergruppe durchkommt.

          Für Walscheid und Campenaerts lief alles genau nach Plan, so wie es eben nur selten passiert, aber dann knallte es weiter hinten. Es war ein Massensturz wenige Kilometer nach dem Start, der die Organisatoren dazu bewog, das Rennen zu neutralisieren und eine halbe Stunde später neu zu starten. Der Plan von Walscheid und seinem Teamkollegen war zwar aufgegangen, aber gleich wieder hinfällig. „Ein Riesenpech“, sagt er.

          Jubel über den Sieg bei der 15. Etappe: Victor Campenaerts
          Jubel über den Sieg bei der 15. Etappe: Victor Campenaerts : Bild: dpa

          Was tun beim Neustart? „Wir haben das Gleiche noch mal probiert.“ Startschuss, und wieder im Vollsprint auf und davon, sich wieder in einer Gruppe von 15 wild entschlossenen Gleichgesinnten sortiert, und dann nur noch nach vorn geschaut und nicht mehr zurück. 145 Kilometer noch, 1675 Höhenmeter, und die Hoffnung im Gepäck, dass es reichen würde. Es reichte.

          „Das ist einmalig“

          Knapp dreieinhalb Stunden später gewann Campenaerts in Gorizia den Sprint gegen Oscar Riesebeek vom Team Alpecin-Fenix. Campenaerts und Walscheid hatten anschließend genug Zeit, um ihr Husarenstück zu feiern, das Hauptfeld kam mit mehr als 17 Minuten Verspätung ins Ziel. „Dass wir es geschafft haben, mit ein und derselben Aktion gleich zweimal die Spitzengruppe zu bilden und das dann so durchzuziehen, ist einmalig“, sagt Walscheid. Gemeinsam hatten sie die Gruppe kontrolliert, ehe Walscheid 22 Kilometer vor dem Ziel die finale Attacke des Kollegen vorbereitete.

          Der Coup von Gorizia war schon der dritte Etappensieg für das kleine Team Qhubeka Assos, nur der britische Branchenprimus Ineos Grenadiers hat ebenso viele. Vor Campenaerts hatten Mauro Schmid und Europameister Giacomo Nizzolo Siege eingefahren, immer aufs Beste unterstützt vom deutschen Teamplayer. „Drei verschiedene Fahrer, drei verschiedene Arten, zu gewinnen, das erlebt man nicht oft in seinem Rennfahrerleben“, sagt Walscheid.

          Sprinter Nizzolo ist sein Kapitän, ihn zieht er als sogenannter Lead-out-Fahrer in die Sprints, als Assistent des Chefs. Während Nizzolo nach seinem Etappensieg angesichts der noch kommenden schweren Bergetappen aus dem Giro ausstieg, fährt Walscheid weiter.

          Im Prinzip könnte er, selbst ein erstklassiger Sprinter, jetzt um Tagessiege fahren, allerdings steht nur noch eine Etappe an diesem Donnerstag auf dem Programm, die eine Massenankunft denkbar macht. Sie ist relativ flach, was dem 90 Kilogramm schweren und knapp zwei Meter großen Walscheid entgegenkommt. Aber das Finale ist profiliert, das spricht gegen einen Massensprint.

          Drei Tagessiege für die Mannschaft, dazu ein starker achter Platz beim Zeitfahren zum Giro-Auftakt – seine Pflicht hat Walscheid getan. Für sein Team sind die Ergebnisse, so hoffen die Fahrer, auch ein Wechsel auf die Zukunft. Qhubeka Assos nämlich ist noch auf Sponsorensuche für das nächste Jahr. Aktuell ist die Zukunft des Teams ungewiss.

          Wichtig für die Zukunft

          Walscheid, 27 Jahre alt, hat eine Option für 2022, sie greift aber nur, wenn die Finanzierung gesichert ist. „Vor diesem schwierigen Hintergrund“, sagt er, „ist es gigantisch, dass wir uns beim Giro so gut verkaufen.“ Mit Ergebnissen, aber auch mit einer speziellen Art, zu fahren. „Es gibt Teams wie Ineos, die auf einer anderen Erfolgsstufe sind, aber ich glaube, wir haben, was die Emotionen betrifft, ein anderes Level. Wir haben nicht den absoluten Weltklassefahrer, der einen Sieg einfach so vollendet. Wir nehmen alle zusammen unser Herz in die Hand.“

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          Den besonderen Qhubeka-Spirit haben sie sich mit einem Begriff aus der Zulu-Sprache auf die Fahne geschrieben: Ubuntu. Zu Deutsch: Ich bin, weil wir sind. Als einer der vorbildlichsten Teamarbeiter gilt Walscheid. Manche wundern sich, wie er schon im vergangenen Jahr Nizzolo immer wieder nach vorn gefahren hat, ohne eigene Ansprüche. Im Windschatten des Europameisters ist er freilich selbst immer stärker geworden. Nicht nur im Sprint, sondern auch im Zeitfahren und bei den Frühjahrsklassikern.

          Nächste Ziele

          Beim Giro fuhr er nun noch einmal in der Rolle des Edelhelfers. „Ich hatte noch kaum eine Chance, auf eigene Rechnung zu fahren“, sagt er, „aber das wird sich in diesem Jahr definitiv noch ändern.“ Walscheid wird Gelegenheit bekommen, sich selbst zu zeigen, so ist die Absprache. An Vertrauen in die eigene Leistung fehlt es dem studierten Mediziner aus Heidelberg nicht. „Ich bin sicher, dass ich als Sprinter Weltklasseergebnisse einfahren kann.“

          Sein nächstes Ziel ist die Tour de France, bei der er nicht nur mitrollen und anderen helfen will. „Ich rechne mir dort definitiv etwas aus, was Resultate angeht.“ Große Ziele also. Aber jetzt stehen in Italien erst noch einige erschreckend hohe Berge im Weg. „Es kann sein, dass ich noch aussteige“, sagt Walscheid. „Bisher habe ich alle Bergetappen gut überstanden, aber falls ich doch extrem müde werden sollte in den nächsten Tagen, dann werde ich die Notbremse ziehen. Ende Juni will ich fit sein für die Tour.“

          Belgisches Rad-Talent Evenepoel muss aufgeben

          Nach der deutschen Rad-Hoffnung Emanuel Buchmann ist auch das belgische Top-Talent Remco Evenepoel beim Giro d'Italia vorzeitig ausgestiegen. Der 21-Jährige wird einer Mitteilung seines Teams Deceuninck-Quickstep zufolge an diesem Donnerstag nicht zur 18. Etappe antreten. Evenepoel war am Mittwoch in einen Sturz verwickelt, fuhr aber noch ins Ziel. Wegen starker Prellungen und Abschürfungen steige er nun aber auf Anraten seiner Teamärzte aus dem Rennen aus und wird sich nun in Belgien weiteren Untersuchungen unterziehen. Buchmann hatte beim 104. Giro d'Italia nach der Verwicklung in einen Massensturz zu Beginn der 15. Etappe von Grado nach Gorizia aufgeben müssen. (dpa)

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