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Giro d'Italia : Contador demütigt die Konkurrenz

  • -Aktualisiert am

Alberto Contador: Der Patron des Giro Bild: dapd

Gewinnen und gewinnen lassen: Der des Dopings verdächtige Spanier dominiert den Giro d'Italia nach Belieben. Nur ein Sturz beim abschließenden Zeitfahren am Sonntag könnte den Patron der Rundfahrt noch bremsen.

          3 Min.

          Alberto Contador wird den Giro d’Italia als ein Herrscher verlassen. Traf der Spanier Anfang Mai als ein gerade so geduldeter Doping-Verdächtiger im ehemaligen Königspalast der Savoyer bei Turin ein, so verwandelte er sich in den folgenden drei Wochen in den absoluten Tribun der Veranstaltung. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach an diesem Sonntag das Rosa Trikot für den Gesamtsieg sowie weitere Leibchen für die beste kämpferische Leistung, die Punkte- und die Bergwertung überreicht bekommen. Er errang außerdem zwei Etappensiege und bestimmte bei vier weiteren Tagesabschnitten den Sieger. Er demütigte die Konkurrenz und ließ mit dem Eingriff in das Streckenprofil der 14. Etappe sogar den Rennorganisator Angelo Zomegnan vom Macher eines Großevents zum Steigbügelhalter eines Caballeros schrumpfen.

          Das Glanzstück seiner neugewonnenen Souveränität lieferte Contador am Freitagabend. Als seinem früheren Teamgefährten Paolo Tiralongo die Beine auf dem letzten Abschnitt nach Macugnaga im Gebirgsmassiv des Monte Rosa schwer zu werden drohten, peitschte der Mann in Rosa aus der geschrumpften Spitzengruppe heraus. Statt an dem Italiener vorbeizuziehen und den dritten Etappensieg zu holen, ließ er sich auf ein Gespräch ein. „Er hat mich ermuntert, weiterzufahren. Ich wusste, er ist kein Rivale, sondern ein Freund“, erzählte Tiralongo.

          Und als ein echter Freund ließ der bei Saxo Bank angestellte Contador den Astana-Mann gewinnen. Saxo-Bank-Boss Bjarne Riis, der es gewöhnlich gar nicht leiden kann, wenn seine Fahrer Siege verschenken, betrachtete die Extravaganzen seines Frontmannes mit väterlichem Schmunzeln, denn Contador erwies sich als begabter Regisseur einer Aschenputtel-Inszenierung. In diesem Rührstück verwandelte sich Tiralongo erstmals in seinem langen Profileben in einen strahlenden Prinzen. „Ich bin es gewohnt, mich für meine Kapitäne aufzuopfern. Das ist mein Beruf. Dass mir nun so etwas passiert, ist gar nicht zu fassen“, sagte er gerührt. Dienst du lange treu und gut – und schweigst du still über Fleisch- und sonstige Affären, dann wirst du auch belohnt. Jedenfalls von Alberto Contador.

          Paolo Tiralongo: Sieg von Contadors Gnaden
          Paolo Tiralongo: Sieg von Contadors Gnaden : Bild: dapd

          Gnadensieg wider den Sportsgeist

          Wie jedes halbwegs gute Märchen offeriert auch dieses eine zweite Lesart. Contador verletzte den Kern jedes sportlichen Wettbewerbs. Der Beste möge gewinnen, lautet dieser. Der offensichtlich Beste in diesem Wettbewerb gewährte einem guten Freund aber einen Gnadensieg. Er fügte damit diesem Sieg einen Makel zu und verurteilte die Konkurrenz zu Statisten. Ohne Contadors Einsatz wären vielleicht noch andere Fahrer zu Tiralongo aufgeschlossen und hätten selbst die Möglichkeit gehabt, um den Tagessieg zu kämpfen. Contador vereitelte dies. Es war bereits die vierte Etappe, die Contador bei diesem Giro d’Italia an seine Getreuen verschenkte. Das ist eine neue Dimension an Gefälligkeiten.

          Dass Contador in Italien überhaupt starten konnte, verdankt er auch dem internationalen Radverband UCI, der mehrere Wochen lang die Nachricht seiner positiven Probe geheim hielt. In Contadors Urin waren Spuren des Kälbermastmittels Clenbuterol nachgewiesen worden, er verteidigte sich mit dem Hinweis auf ein angeblich kontaminiertes Stück Fleisch, das er verzehrt habe. Obwohl das Anti-Doping-Reglement eine Sanktion auch bei geringsten Spuren eines derartigen körperfremden Stoffes vorsieht, bagatellisierte der Weltverband den Vorfall. Das bis ans Ende der Einspruchsfrist hinausgezögerte Veto der UCI gegen den Freispruch aus Madrid bereitete schließlich den Boden für die weitere Verschleppung des Verfahrens.

          Kein Vertrauensbeweis durch Veranstalter

          Und obwohl die in die Doping-Ermittlung der Staatsanwaltschaft Mantua verstrickten (und ebenfalls bislang nicht überführten) Profis von ihren Rennställen auf Druck von Giro-Direktor Zomegnan allesamt aus dem Aufgebot gestrichen wurden, erhielt Contador einen Freifahrtschein. Nach drei Wochen, in denen der Spanier Tag für Tag mehr Selbstbewusstsein tankte, kühlte auch die Beziehung zwischen der Giro-Leitung und dem Spanier ab. „Ich hoffe, dass Contador diesen Giro sauber gewinnen wird. Die bisherigen Analysen deuten darauf hin. Was bei anderen Rennen geschehen ist, interessiert mich nicht“, sagte Zomegnan. Das ist alles andere als ein Vertrauensbeweis gegenüber dem Mann, der den Giro 2011 dominierte.

          Paradoxerweise könnte der Sieger des 94. Giro mit einem einzigen Gerichtsbeschluss zum Phantom werden. Wird Contador nachträglich disqualifiziert, würde das Gesamtklassement neu sortiert und es gäbe auch zwei neue Etappensieger. Konsequenterweise müsste man in den Fernsehaufzeichnungen der 19. Etappe nicht mehr als einen Luftwirbel sehen, der den wackeren Paolo Tiralongo wundersam vor der anstürmenden Meute ins rettende Ziel bläst.

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