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Gipfeltreffen der Bergsteigerszene : Die Wahrheit der Oh Eun-sun

„Wie kann so eine kleine Frau so etwas leisten?” Bild: dpa

Die Südkoreanerin stand als erste Bergsteigerin auf allen 14 Achttausendern. Die Pionierttat war begleitet von Kritik: über die Wahl der Mittel, künstlichen Sauerstoff und ein zweifelhaftes Gipfelfoto. Die Zweifel ärgern Oh Eun-sun: „Wrong information.“

          3 Min.

          Oh Eun-sun zeigte Charme und Humor, und allein das war wohl schon mehr, als viele insgeheim erwartet hatten. Die Südkoreanerin, die erste Bergsteigerin, die auf allen 14 Achttausendern stand, beschrieb am Samstag auf einer Podiumsdiskussion beim International Mountain Summit in Brixen, einer Art Gipfeltreffen der Bergsteigerszene, wie überrascht über ihre Leistung viele Menschen in Korea damals gewesen seien – vor allem angesichts ihrer körperlichen Voraussetzungen. Oh Eun-sun ist eine zierliche Frau, und deshalb, sagt sie, hätten sich viele gewundert: „Wie kann eine so kleine Frau so etwas leisten? Sie konnten das gar nicht glauben.“ Dann lächelte sie kurz ins Publikum und fügte hinzu: „Vielleicht haben das ja auch viele von ihnen nicht getan.“

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Damit lag die Südkoreanerin goldrichtig – wobei das weniger mit ihrer Statur zu tun hatte. Ihre alpinistische Pioniertat war in Europa begleitet gewesen von viel Kritik, über die freizügige Wahl ihrer Mittel, über den fragwürdigen Einsatz von Trägern, Logistik, künstlichem Sauerstoff und vor allem über den zweifelhaften Erfolg am Kangchendzönga (8586 Meter), der nur mit einem alles andere als eindeutigen Gipfelfoto belegt war. Bemerkenswert war in diesem Sturm der Medien freilich auch, dass zwar viel über Oh Eun-sun geredet wurde – aber kaum mit ihr.

          „Wrong information“, sagt Oh Eun-sun

          Fragen, Zweifel und Gerüchte aller Art blühten nicht zuletzt deshalb, weil die Südkoreanerin lange eine Unbekannte in der Welt der Spitzenbergsteiger war – zumindest aus europäischer Perspektive, in der das aktuelle Geschehen im asiatischen Alpinismus gewöhnlich keine allzu große Rolle spielt. Erst als Oh Eun-sun von Mai 2008 bis August 2009 acht Achttausender-Gipfel innerhalb von 15 Monaten schaffte, änderte sich das schlagartig.

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          Fernsehstar: Viele Südkoreaner haben sich gewundert : Bild: AP

          In den vergangenen Tagen nun stellte sich die 44 Jahre alte Südkoreanerin in Brixen allen Vorwürfen und Vorbehalten – geduldig, höflich, entschieden. Vor allem die vielen Zweifel an der Besteigung des Kangchendzönga ärgerten sie gewaltig. „Die Position auf dem Foto ist tatsächlich nicht der richtige Gipfelpunkt, aber es war nur fünf oder zehn Meter unterhalb des Gipfels“, erläutert sie. Wegen Sturms seien sie und die drei Sherpas, die sie begleiteten, dort stehengeblieben – alles andere sei zu gefährlich gewesen. „Das ist meine Wahrheit“, sagt sie, und sie sagt es so nachdrücklich, als spreche sie in Großbuchstaben.

          Und die ganze Logistik? Die Hochträger, die Hubschrauber, die großzügige Unterstützung? „Wrong information“, sagt Oh Eun-sun, Fehlinformationen. Sie habe ihre Pläne stets allein gemacht, sei manchmal mit Sherpas, aber manchmal auch ohne aufgestiegen. Und die Sache mit den Hubschraubern sei ein Missverständnis. „2009 hat sich das koreanische Fernsehen für mich interessiert“, sagt sie, und dessen Begleitung habe zwangsläufig eine gewaltige Transport-Maschinerie mit sich gebracht. „Viele Leute dachten dann, die Hubschrauber seien für die Kletterer“, sagt Oh Eun-sun – dabei seien sie für die TV-Crew gewesen. Deren Arbeit sei unabhängig von der eigentlichen Besteigung abgelaufen. „Sie konzentrierten sich auf ihren Job, ich konzentrierte mich aufs Klettern.“ Zweimal nur habe sie beim Weg ins Basislager tatsächlich die Unterstützung eines Hubschraubers in Anspruch genommen – „am Dhaulagiri und an der Annapurna“.

          Beeilung beim persönlichen Gipfelplan

          Unbestritten ist, dass sie sowohl am Mount Everest (8850 Meter) als auch am K2 (8611 Meter), den beiden höchsten Bergen der Welt, künstlichen Sauerstoff einsetzte. Daraus macht sie kein Hehl. Sie sagt aber auch, dass sie damals noch nicht gewusst habe, dass sie mal alle 14 Achttausender besteigen würde. „Nach der Entscheidung, das zu versuchen, habe ich keinen Sauerstoff mehr verwendet“, sagt sie.

          Ganz unverblümt beschreibt Oh Eun-sun das Wettrennen, in das die Frage nach der ersten Frau auf allen Achttausendern zuletzt ausartete. Acht Achttausender in 15 Monaten, dieses Programm hätte sie ohne die Aussicht auf den lukrativen Titel nie in Angriff genommen. „Als ich mir 2007, nach dem Erfolg am K2, die Besteigung aller 14 Achttausender vornahm, hatte ich gerade mal fünf Gipfel geschafft. Die anderen Frauen hatten da schon neun oder zehn“, sagt sie. Zudem war sie damals schon über 40 Jahre alt, ihre körperliche Verfassung, so befürchtete sie, würde in den nächsten Jahren kaum besser werden. Also beschloss sie, sich mit ihrem persönlichen Gipfelplan zu beeilen. „Ohne meine Konkurrentinnen hätte ich das nie geschafft“, sagt Oh Eun-sun. „Sie haben mir die Motivation gegeben, das zu erreichen, was ich erreicht habe.“

          Rückkehr an den Mount Everest

          Eine Koryphäe hat die umstrittene Alpinistin mit ihren Ausführungen längst überzeugt – den ersten Mann auf allen Achttausendern, Reinhold Messner. „Die meisten Unterstellungen gegen sie sind erlogen“, sagt er, sie sei oft mit „erfundenen Geschichten niedergemacht“ worden. Für ihren Fürsprecher Messner zählt vor allem, dass Oh Eun-sun ihr hohes Ziel auf ihre Weise, mit ihren Mitteln erreicht hat. Sie hat dafür Opfer gebracht, am Berg und darüber hinaus. Sie gab ihren festen Beamtenposten in Südkorea auf, sie verzichtete, bisher zumindest, auf eine Ehe, auf Kinder. Und sie bereut das nicht. „Wenn ich auswählen müsste, entweder Bergsteigen oder Kinder, würde ich mich sicher für das Bergsteigen entscheiden“, sagt sie.

          Im kommenden Frühjahr nun will Oh Eun-sun zurückkehren an den Mount Everest, für ein Projekt, mit dem sie öffentliche Aufmerksamkeit für eine Umweltschutzorganisation gewinnen will. Aufsteigen will sie über die chinesische Nordseite, absteigen über die nepalesische Südseite. Ohne künstlichen Sauerstoff. „Ob ich den Gipfel erreiche oder nicht“, sagt Oh Eun-sun, „ist für mich dann sekundär.“

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