https://www.faz.net/-gtl-u6j6

Gewichtheber-Trainer : „Alle loben, aber niemand will bezahlen"

  • -Aktualisiert am

Pokale sind da, aber kein Geld für Trainer Johann Martin Bild:

Auf dem Tisch liegt ein roter Leitz-Ordner, prall gefüllt und abgegriffen. Ein halbes Leben steckt dort drin: 33 Jahre als Trainer im Gewichtheben. Es sind Zeitungsartikel und Briefe von 1973 bis heute - es geht auf kyrillisch los.

          Auf dem Tisch liegt ein roter Leitz-Ordner, prall gefüllt und abgegriffen. Ein halbes Leben steckt dort drin: 33 Jahre als Trainer im Gewichtheben. Es sind Zeitungsartikel und Briefe von 1973 bis heute - es geht auf kyrillisch los, Johann Martin ist als junger Mann abgebildet, er korrigiert gerade die Haltung eines jungen Hebers in seiner kasachischen Heimat.

          Der letzte Zettel ist eine Pressemitteilung von Anfang Dezember 2006: Zwei seiner Athleten des Bramfelder Kraftsportvereins haben bei den deutschen Meisterschaften den dritten Rang belegt. Martin ist stolz, denn es sind die ersten Spitzenplätze für seinen Klub bei den Erwachsenen; und doch hätte er ein bisschen mehr erwartet für die tägliche Plackerei in der miefigen Halle in Hamburg-Barmbek.

          Integrative Arbeit mit Spätaussiedlern

          Die Hamburger Medien nehmen davon kaum Notiz. Hier gibt es so viel erstklassigen Sport, dass Martins Gewichtheber untergehen. Und das ist wörtlich zu nehmen. Dringend benötigt der für seine integrative Arbeit mit Spätaussiedlern bekannte Vorzeigeklub Geld für neue Hanteln und Scheiben. Die alten sind 20 Jahre alt, Frauenhanteln fehlen ganz. Doch der Hamburger Sportbund (HSB) als einziger Förderer hat kein Geld, er muss selbst sparen, weil die Lotto-Mittel nicht mehr sprudeln. Der HSB hat sich oft bemüht um Martin. Seine letzte mit öffentlichen Mitteln geförderte Stelle lief 2002 aus. Seitdem ist der 59 Jahre alte Mann arbeitslos. Er muss betteln.

          Kurz nach den Meisterschaften hat der Hebertrainer wieder einmal angerufen beim HSB. Die Antwort war deutlich und frustrierend: „Gehen Sie in eine andere Stadt, wir haben kein Geld für Gewichtheben.“ Es spielt natürlich eine Rolle, dass Gewichtheben eine Sportart mit schlechtem Ruf wegen vieler Dopingvergehen ist. Martin legt für seine Jungen aber die Hand ins Feuer. Sein 21 Jahre alter Athlet Boris Lukasczuk sagt: „Ich würde nie dopen, weil ich dann Herrn Martin beschummeln würde.“

          „Das Gewichtheben hat mein ganzes Ich verändert“

          Wie auch immer: Johann Martin ist ein stolzer Mann, er mag nicht betteln gehen, er arbeitet jetzt schon lange ohne Lohn mit den Sportlern, das ärgert ihn, denn er ist ausgebildeter und anerkannter Trainer der Sportuniversität Almaty, er will nicht für nichts in der Halle stehen. Und macht es doch. „Trainer ist ein Job“, sagt er, „da muss man doch Geld verdienen. Alle loben mich, aber niemand will mich bezahlen.“ Bis zum Jahresende sicherten Fördergelder der rührigen Bürgerstiftung Hamburg seinen Job. Und jetzt? Johann Martin zuckt mit den Achseln. Er weiß es nicht.

          Die Athleten sind seine größten Fans. Es sind aufgeweckte junge Männer mit dicken Muskeln, viele von ihnen hat er selbst aus den Containerdörfern in Lurup und Bergedorf oder von der Straße nach Barmbek geschleppt. Sie haben Respekt vor dem Patriarchen. Martin passt auf, dass sie ihre Lehrberufe ernst nehmen und danach auch das harte Training an der Hantel. Einer von ihnen, der 22 Jahre alte Wilhelm Schwabauer, sagt: „Das Gewichtheben hat mein ganzes Ich verändert. Ich bin mit 14 aus Usbekistan hergekommen, ich wurde gefördert, Herr Martin hat mir Disziplin beigebracht.“

          Aus Prinzip zeigen, dass es auch hier geht

          Nach acht Monaten war Schwabauer deutscher Meister der C-Jugend. Er hat alles gewonnen in der Jugend. Bei den deutschen Männer-Meisterschaften Anfang Dezember wurde er Dritter in der Klasse über 105 Kilogramm. Schwabauer sorgt sich um die Zukunft seines Vereins. „Es wäre für mich eine Katastrophe, wenn es hier nicht weiterginge.“ Er zieht Kraft, Motivation und Zuversicht aus seinem Sport bei diesem kleinen Klub mitten in Barmbek.

          Bei Meisterschaften gelten die Athleten des Vereins als arme Schlucker. Der Trainingsumfang ist in Hamburg fern der Leistungszentren viel geringer: drei- bis viermal ackert Schwabauer in der Woche, andere elfmal. „Ich möchte den anderen aus Prinzip zeigen, dass es auch hier geht“, sagt er. Mit abgegriffenen Hanteln, die er viel schlechter greifen kann, mit Gewichten, die mit den Jahren an Gewicht verloren haben. Aber mit den starken Kumpels aus den Hamburger Vorstädten. Und mit Trainer Martin.

          Insignien: ein altes Telefon, sein roter Ordner

          Schwabauer sagt: „Er kann immer noch so viel, was wir nicht können. Ohne ihn geht es nicht.“ Johann Martin hat Notfallpläne geschmiedet. Er berät die Hamburger Footballmannschaft beim Krafttraining. Er würde gern den Fußballprofis des HSV zu mehr Stabilität verhelfen. Er hat inzwischen eine Ich-AG gegründet. Doch es ist alles mühsam. Er wäre viel lieber bezahlter Trainer der jungen Gewichtheber.

          Johann Martin thront inzwischen wieder auf seinem abgewetzten braunen Ledersessel. Er hat seine Insignien hier liegen, ein altes Telefon, seinen roten Ordner. Gegenüber steht die Glasvitrine mit Pokalen und der Urkunde von 1999, als die Dresdner Bank den BKSV für seine Jugendarbeit mit dem Grünen Band auszeichnete. Immer wieder rumpeln die Gewichte auf den gummierten Hallenboden. Martin gibt Anweisungen. Es ist sein Leben hier.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

          Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

          Luxusbauten in New York : Ästhetische Abschottung

          Ein Penthouse für 239 Millionen Dollar: Die Wohlhabendsten schauen von immer größeren Höhen auf das Stadtvolk hinab. New York baut jetzt superdünn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.