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Gewichtheben : Mit der Hantel per du

Eisen macht stark Bild: Frank Röth

Sie sind alle nicht mehr die Jüngsten. Zum Einmarsch der Gladiatoren spielen die Organisatoren sogar den Hit "The Final Countdown". Aber das soll keine Anspielung sein. Die Männer sind rüstig, hier gehört keiner zum alten Eisen.

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          "Sie sagen, ich sei hier der Älteste." Der Potsdamer Lothar Janzen schaut sich kontrollierend um. Sie sind alle nicht mehr die Jüngsten. Zum Einmarsch der Gladiatoren spielen die Organisatoren sogar den Hit "The Final Countdown". Aber das soll keine Anspielung sein. Die Männer sind rüstig, hier gehört keiner zum alten Eisen. Wer hätte gedacht, daß Janzen schon 79 ist? Der Gang ist drahtig, Scheitel und Haltung kerzengerade, die Augen lebhaft, die Stimme kräftig. Und wenn er an die Hantel tritt, dann kommen die richtigen Bewegungen von allein, aus der Routine eines Lebens als Gewichtheber. Das breitbeinige Aufstellen, das Konzentrieren und Durchatmen beim Anblick des Eisens. Das Bücken. Das Zurechtrücken der Füße, Millimeter für Millimeter. Das Öffnen und Schließen der Hände, in denen die Erinnerung an viele Tonnen Eisen sitzt. Erst probeweise, dann paßt der Griff. Das bedächtige Anlegen der Daumen. Das Anziehen mit dem Blick nach oben. Luft holen, anhalten. Aufstehen mit dem Gewicht, dann zack,zack das Hochwuchten mit Schwung, das Drunterspringen - der Ausfallschritt fällt mit den Jahren sparsamer aus -, das Hochstrecken, ein paar nicht eingeplante, wankende Schritte nach vorn. Das Fixieren und Stehenbleiben.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Applaus in der kleinen Halle des AV 03 Speyer. Wir sind bei den deutschen Gewichtheber-Meisterschaften der Senioren, einer Mammutveranstaltung mit 327 Teilnehmern. Da sind nicht nur Großväter gemeldet. Die Altersklasse eins erreicht man schon mit 35 Jahren. Der erste Tag aber gehörte den Ältesten, der AK 8. "Diese Klasse geht von siebzig bis scheintot", sagt Janzen. Der Humor ist noch genauso fit wie der Ehrgeiz. Bei internationalen Meisterschaften gibt es noch die AK 9 von fünfundsiebzig und AK 10 von achtzig Jahren an. Doch in Speyer sind nur drei Mann über 75 am Start, das reicht nicht für einen eigenen Wettbewerb. Janzen hat Pech. Drei Alterssportler sind in seiner Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm gerade siebzig geworden. Gegen solche Nachwuchshoffnungen hat er keine Chance mit seinen 90 Kilo im Zweikampf. Aber er geht an seine Grenze. Janzen beendet seinen Wettkampf mit einem ungültigen Versuch über 52,5 Kilo im Stoßen. "Das war heute zuviel" sagt er.

          Janzen wird Vierter, einen Platz vor dem Zweitältesten des Tages, Alexander Pietrowski aus Erding. "Der schlägt mich sonst immer", sagt Janzen und deutet vorsichtig auf den Europameister und Weltmeisterschafts-Zweiten aus Bayern. Es stellt sich aber heraus, daß der 78jährige Alterssportler Anfang des Jahres an der Lunge operiert worden und nicht mehr ganz der Alte ist. Er schafft zwar sechs gültige Versuche, aber am Ende kommen nur 82,5 Kilogramm heraus. Vorher war er für über 100 gut. Im Krankenhaus hätten sie seine Laborwerte kaum glauben können, erzählt Pietrowski und schiebt das auch auf sein zusätzliches Ausdauertraining. Drei Wochen nach der Operation habe er schon wieder mit leichten Lasten gearbeitet.

          Das Warten auf den Auftritt
          Das Warten auf den Auftritt : Bild: Frank Röth

          Pietrowski ist drahtig, ein asketischer Typ. Er stammt aus Schlesien und hat dort als Dreizehnjähriger von seinem Vater das Heben gelernt. Einst schaffte er 110 Kilo im Drücken, 100 im Reißen und 125 im Stoßen. Das war in den sechziger Jahren, als er bei den deutschen Meisterschaften ein paarmal ganz gut plaziert war. Bis heute ist er mit der Hantel per du, ist sich immer wieder beim Eisenstemmen selbst begegnet. "Am wichtigsten ist mir die Disziplin." Und zwar körperlich und geistig. Er liebt die Konzentration auf eine Aufgabe. "Vor einem Wettkampf muß man sich vorstellen, wieviel man heben will. Die 45 Kilo im Stoßen hatte ich schon vier oder fünf Wochen vorher im Kopf. Dann spiele ich im Geiste immer wieder den Ablauf durch." Wenn er an die Hantel tritt, hat er die Last im Geist schon längst bewältigt. "Man muß ganz bei der Sache sein, wenn man etwas Außergewöhnliches vollbringen will." Diese Schule des Willens habe er bei russischen Gewichthebern wiedergefunden. Sein Stärkungsmittel? Einen Liter Milch am Tag, Gemüse aus dem Garten und viel guten Honig.

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