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Gewichtheben : Die Hantel als Halt

  • -Aktualisiert am

Starker Mann, schweres Schicksal: Matthias Steiner Bild: F.A.Z. - Foto Cornelia Sick

Durch den tragischen Unfalltod seiner Frau gerät die Welt des Gewichthebers Matthias Steiner ins Wanken. An der Hantel will der Superschwergewichtler mit Medaillenchancen bei Olympia sich festhalten.

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          Matthias Steiner hilft mit. Der starke Mann im Trainingsanzug feuert seine Kollegen an, die sich auf der Heberbühne abquälen, um sich für die Weltmeisterschaften in sieben Wochen in Thailand zu empfehlen. Wenn die anderen lachen, lächelt er auch ein bisschen. Aber dann wird sein Gesicht ganz plötzlich wieder ernst. Er ist nicht wirklich dabei hier im Stützpunkt in Heidelberg, er kann auch nicht zum Wettkampf antreten. "Ich wäre lieber gar nicht da", sagt er. "Ich kann die gute Stimmung nicht mitmachen." Zu Beginn der Veranstaltung sind alle aufgestanden und haben eine Schweigeminute abgehalten für seine Frau Susann, die am 16. Juli auf der Fahrt nach Hause tödlich mit dem Auto verunglückt ist. Sie wäre in diesem Monat 23 Jahre alt geworden. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es weitergeht", sagt er.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          An der Hantel will Steiner, Superschwergewichtler mit Medaillenchancen bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Peking, sich festhalten. Zwar hat er seit dem Unfall kaum einen Bissen heruntergebracht und acht Kilo abgenommen, aber Peking bleibt sein Ziel. Er hat es seiner Frau im Krankenhaus versprochen, obwohl sie nach einer Operation nicht mehr zu sich kam. "Ich werde das durchziehen." Das tägliche Training fange ihn auf, sagt der demnächst 25-jährige Athlet, "das Gewichtheben ist das, was mir jetzt noch einen Sinn gibt".

          „Die Gefühle schlugen ein wie der Blitz“

          Allerdings kann der Olympia-Siebte von 2004 schon seit mehr als zwei Jahren nicht auf der internationalen Bühne starten: Damals verließ er seine niederösterreichische Heimat und zog nach Chemnitz, um Susann zu heiraten. Auch in Leimen bei Heidelberg hatten die beiden bald eine Wohnung, nahe beim Bundesleistungszentrum der Gewichtheber und nahe beim Cheftrainer Frank Mantek. Seine Frau unterstützte seinen Sport nach Kräften und verlegte die Fortsetzung ihrer Ausbildung sogar nach Heidelberg. "Sie war voll Enthusiasmus", sagt er. Sie habe sogar schon Geld gespart, um sich die Reise an seiner Seite nach Peking leisten zu können.

          Susann hatte Steiner vor drei Jahren durch Zufall für sich entdeckt, als sie im Fernsehsender Eurosport ein bisschen Tennis schauen wollte und in die Übertragung eines Gewichtheberturniers geriet. Sie verliebte sich televisionär in den muskelbepackten Teddybären. Irgendwie schaffte sie es, seine E-Mail-Adresse ausfindig zu machen, verabredete sich mit ihm, nahm den Zug und fuhr elf Stunden lang von Chemnitz nach Obersulz in Niederösterreich. Sie stieg aus und stand vor ihm, und "die Gefühle schlugen ein wie der Blitz". Im Dezember 2005 wurde geheiratet.

          „Er bringt Deutschland nur Vorteile“

          Der Sport ist jetzt Steiners Halt. Doch auch seine - sowieso unwahrscheinliche - Teilnahme an den Weltmeisterschaften im September in Chiang Mai, sagt er, könnte die Leere in ihm nicht ausfüllen. Der Bundesverband Deutscher Gewichtheber allerdings braucht seine Leistung dringend. Steiner, der sich in Leimen stetig gesteigert hat, ist nicht nur der wichtigste Mann der "Operation Medaille", die Mantek ausgerufen hat. Eigentlich wäre eine gute WM-Plazierung des schweren Mannes wichtig für die Zuteilung der staatlichen Fördergelder. "Dass er dort nicht starten kann, kostet uns richtig Geld", sagt Mantek. Zudem geht es in Thailand um die Vergabe der olympischen Startplätze. Dazu braucht der Heber den Vergleich mit internationalen Spitzenleuten. "Er muss auf eine Bühne", sagt Mantek. "Er braucht Erfahrung." Schließlich seien die deutschen Glanzzeiten der neunziger Jahre mit Huster und Weller längst vorbei. Und im Vergleich zu den jungen Leuten, die er nun schrittweise an den Spitzensport heranführe, hebe Steiner "in einer anderen Liga".

          Doch das Land Sachsen, das über Steiners Einbürgerung entscheidet, hat sich durch die Appelle des Verbandes bisher nicht erweichen lassen: Erst wenn er auf den Tag genau drei Jahre lang in Sachsen polizeilich gemeldet war - das ist erst im Juni 2008 der Fall -, will das Land ihm den deutschen Pass geben. "Die Behörden denken nicht sportfreundlich", kritisiert Verbandspräsident Claus Umbach vorsichtig - schließlich will er es sich auf keinen Fall mit den Entscheidungsträgern verderben. Irgendwie, vermutet er, könne die zögerliche Haltung vielleicht mit dem Fall des Chemnitzer Eislaufpaars Ingo Steuer/Aljona Sawtschenko zu tun haben - Genaueres wisse man aber nicht. "Ich hoffe trotz allem, dass die Politik ihm den Pass auf den Weihnachtsteller legen wird", sagt Mantek. Dann könnte er im Januar in Peking am vorolympischen Turnier teilnehmen. "Er bringt Deutschland schließlich nur Vorteile", sagt Mantek.

          Trotz all der bürokratischen Probleme will Steiner nicht nach Österreich zurückkehren. "Ich bin ja kurz vor dem Ziel." Gemeinsam hat das Paar den Stress und Druck ausgehalten - die Hoffnung zwischendurch auf ein schnelleres Verfahren und die Enttäuschung, wenn wieder ein abschlägiger Bescheid kam. "Das Gewichtheben ist mein Leben", sagt Steiner. "Und ich hatte eine Frau gefunden, die in dieses Leben reinpasst." Die Namen der beiden Wunschkinder waren bereits ausgesucht, als das Schicksal an einem Montagabend im Sommer ganz unvermittelt zuschlug. "Da hat man so ein Glück", sagt Matthias Steiner verzweifelt. "Und dann ist es gleich wieder weg."

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