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Gewalt im Basketball : Mit einem Schlag aus dem Spiel

„Innerlich explodiert“: Filmore Beck und ein folgenschwerer Moment Bild: Imago

Es ist das härteste Urteil, das im deutschen Basketball je gesprochen wurde. Nach einer brutalen Attacke auf seinen Gegner wird der junge Filmore Beck dreieinhalb Jahre gesperrt. Wie konnte das nur passieren?

          3 Min.

          Erst war Filmore Beck das Opfer, aber das spielt heute keine Rolle mehr. Der Langener Zweitliga-Basketballspieler landete Mitte November durch ein hartes Foul seines Karlsruher Gegenspielers Paul Brotherson unsanft auf dem Boden. Doch dann wurde Beck, der in der Langener Halle sofort wieder aufsprang, zum Täter: Er stürmte auf Brotherson zu und streckte den Australier mit einem Faustschlag nieder. Doppelter Kieferbruch, Jochbeinbruch, gebrochene Nase und verlorene Zähne - Brotherson blieb mehrere Minuten liegen.

          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          Viele Menschen in der Halle standen unter Schock. Ein Notarzt brachte den Flügelspieler ins Krankenhaus, mittlerweile ist Brotherson in Würzburg erfolgreich operiert worden. Er wird noch lange unter den Folgen der brutalen Attacke leiden. Beck, der vom Spiel ausgeschlossen wurde, ist kürzlich von der Spielleitung der Liga bis Juni 2018 gesperrt worden - es ist das härteste Urteil, das im deutschen Basketball jemals gesprochen wurde. Was blieb, ist die Frage: Wer macht so etwas? Was hat Filmore Beck geritten? Der Versuch einer Annäherung:

          „Selbst von mir erschrocken“

          Der TV Langen hat sich inzwischen von dem 23 Jahre alten Spieler getrennt. Sein Verhalten sei nicht zu entschuldigen, hieß es. Beck, der mit finanzieller Unterstützung seines Beraters Goran Kuzmanovic Berufung gegen die lange Sperre eingelegt hat, weiß nicht, was in den Sekunden seiner Tat in ihm vorging. Erst als er wieder in seiner rund 20 Kilometer entfernten Heimatstadt Frankfurt angekommen war, habe er angefangen zu realisieren, was er angerichtet hatte.

          „Ich frage mich jeden Tag. Aber den Schlag kann ich mir nicht erklären. Ich bin ein ganz ruhiger Mensch und selbst von mir erschrocken“, sagt er bei einem Treffen in einem Frankfurter Café. Und weiter: „Es war der Bruchteil einer Sekunde. Ich bin innerlich explodiert.“

          Davor hatte Beck in dem Spiel der zweiten Division der zweiten Liga offenbar einiges einstecken müssen. Anfangs bekam er den Ellenbogen eines anderen Gegenspielers gegen den Hals. Danach spürte der Aufbau- und Flügelspieler auf schmerzvolle Art das Knie von Brotherson an seinem Oberschenkel. Beck beschwerte sich bei ihm. Und schließlich - unmittelbar vor seiner Attacke - soll der Australier mit seinem Ellenbogen Becks Gesicht getroffen haben.

          Der fühlte sich provoziert. In dieser Häufigkeit sei er in einem Spiel noch nie attackiert worden, sagt er. Sein Berater, der ihn an diesem Tag begleitet, spricht von einem „Blackout“ seines Partners und einer Handlung im Affekt. Er beschönigt nichts. „Filmore muss bestraft werden. Er muss Konsequenzen tragen.“ Kuzmanovic sagt aber auch: „Ich hoffe auf eine faire zweite Chance für Filmore - und dass man aufhört, ihn zu kriminalisieren.“

          Normalerweise ruhig und pflegeleicht

          Beck sagt, dass bis zu diesem Spiel das härteste Foul in seiner Karriere das Festhalten eines Gegenspielers gewesen sei. „Ein Trainer wollte sogar, dass Filmore mehr verteidigt, dass er mehr Kontakt hat“, berichtet Kuzmanovic. „Filmore ist ein eher ruhiger und pflegeleichter Spieler.“ Diese Einschätzung bestätigt Dejan Kostic. Über den Zeitraum von knapp vier Monaten hatte der Langener Trainer Beck als „sehr angenehmen, willigen und zurückhaltenden Spieler“ schätzen gelernt. Beck habe bis heute „kein leichtes Leben“ gehabt, sagt Kostic.

          In Langen war Beck oft schon eine Stunde vor dem Training in der Halle, das dokumentiere seinen Arbeitseifer. „Filmore hatte ein sehr geregeltes Leben und keine Zeit für Blödsinn.“ Auch deshalb war Kostic überrascht vom Aussetzer Becks, der bis zu diesem Zeitpunkt der beste deutsche Spieler der Liga auf seiner Position war. „Er hat dann total die Nerven verloren. Aber das entschuldigt nicht sein Verhalten.“ Nach dem Vorfall war Beck für seinen Trainer in der Halle nicht mehr ansprechbar. „Filmore war fertig.“

          Becks Vater ist Amerikaner, seine Mutter Deutsche. Bei ihr in Frankfurt lebt er. Es heißt, dass sie das Verhalten ihres Sohnes sehr mitgenommen habe. Sie war in der Halle, als es passierte. Das Gehalt Becks in Langen umfasste einen Fahrtkostenzuschuss. Der Verein hatte ihn auch geholt, damit er mit etwas Unterstützung seinen Realschulabschluss machen konnte. Beck soll heute „vom „Kindergeld und vom Unterhalt seines Vaters“ leben. Wie er, der seit 16 Jahren Basketball spielt, jetzt ohne den Sport auskommen soll, das wisse er nicht. „Alles würde mir fehlen“, sagt Beck.

          Hilfe statt Kritik

          Dass er mehr aus seinem Talent hätte machen können, meinen viele seiner Wegbegleiter. Beim Bundesligaklub Skyliners Frankfurt schaffte er einst nicht dauerhaft den Sprung in die Erstligamannschaft. Beck hatte auch mit einem Mittelfußbruch und gerissenen Bändern zu kämpfen; die schwere Verletzung ließ ihn insgesamt eineinhalb Spielzeiten verpassen. Außerdem soll er anfällig für Ablenkungen gewesen sein. Es habe ihm an mentaler Härte gemangelt, ist der Eindruck von Leuten, die mit ihm zu tun hatten. Beck weiß, dass ihm einiges nachgesagt wird - zu Unrecht, wie er findet.

          „Filmore braucht jetzt Hilfe und nicht nur Kritik und den Zeigefinger“, sagt Kuzmanovic. Er fordert eine Reduzierung der Sperre, weil sie einem Berufsverbot gleichkäme. Nur: Wer würde Beck, der auch eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro auferlegt bekam, nach den Vorkommnissen eine neue Chance geben? Wenn ihm keine andere Wahl bliebe, würde Beck womöglich ins Ausland wechseln, sagt der Berater, der derzeit einen Trainer für ihn sucht. Kuzmanovic will Beck nicht fallenlassen. Auf den Spieler werden so oder so zivilrechtliche Ansprüche von Brotherson und vermutlich auch von dessen Verein zukommen. Wie diese geregelt werden - Beck soll kaum Geld haben -, ist unklar. Beck hat Brotherson eine Mail geschrieben und ihn um Entschuldigung gebeten. Eine Antwort des Australiers ist bis heute ausgeblieben. Beck sagt: „Das wird mir nie wieder passieren.“ Er bleibt ein Rätsel - offenbar auch für sich selbst.

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