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Gerolsteiner : Noch kein Sponsor in Sicht - Holczers Team am Ende?

Auf den letzten Metern? Das Team Gerolsteiner steht vor dem Aus Bild: dpa

Das Team Gerolsteiner hat monatelang versucht, einen Sponsor zu finden - es gelang nicht. Nun droht das Aus. Doch Teamchef Holczer mag noch nicht aufgeben. Seine Hoffnungen ruhen auf der Tour de France, die an diesem Samstag beginnt.

          Sein Werk ist in Gefahr, und doch, sagt Hans-Michael Holczer, sei er nun in gewisser Weise auch erleichtert. Zumindest darüber, dass erst einmal Klarheit herrscht nach monatelangen Verhandlungen – auch wenn sich die Situation anders darstellt, als Holczer sich das gedacht hatte. Er kann unmittelbar vor der Tour de France, die am Samstag in Brest beginnt, noch keinen neuen Hauptsponsor für das Team Gerolsteiner vorweisen, alle Bemühungen haben sich zerschlagen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Dem Rennstall, der einen guten Ruf besitzt, droht damit das Ende: Nach Lage der Dinge muss er seinen Betrieb zum Saisonende einstellen. Dann zieht sich Gerolsteiner als Finanzier zurück. Doch Teamchef Holczer mag noch nicht aufgeben. Er will – das haben ihm auch Marketingfachleute geraten – die Tour abwarten und auch noch den August. Vielleicht ergibt sich ja in den kommenden Wochen noch die Möglichkeit, die Zukunft des Teams zu sichern. Würde Holczer sich tatsächlich vom Radsport zurückziehen müssen, wäre das Team Milram um Erik Zabel fortan die einzige erstklassige deutsche Equipe.

          Holczer will die Bühne Tour de France nutzen

          Am Dienstagabend informierte Holczer seine Profis und die Mitarbeiter seiner Radsport-Marketing GmbH über die Entwicklung. Am Mittwochmorgen trat er an die Öffentlichkeit. Leider sei es nicht gelungen, „einen Partner zu finden, bei dem abzusehen wäre, dass er die Rolle von Gerolsteiner als Hauptsponsor des gleichnamigen Radteams ab dem Jahr 2009 übernehmen wird“. Auch die Übernahme von Holczers GmbH durch einen amerikanischen Investor konnte nicht realisiert werden. Holczer klammert sich jetzt an die vage Hoffnung, dass eventuell „ein unter zwei unterschiedlichen Firmen geteiltes Hauptsponsorat“ eine Lösung sein könnte.

          Die Ungewissheit ist also erst einmal vorbei, und gleichzeitig setzt sie sich auch fort. Die Tour als letzte Rettung? Holczer will diese Bühne auf alle Fälle nutzen – in dem Bewusstsein, dass neue Doping-Skandale bei der Tour potentielle Interessenten selbstredend abschrecken würden. Vorläufig aber behauptet Holczer, nach der Tour womöglich „größere Chancen“ zu haben, einen neuen Geldgeber auftreiben zu können. Der Radsport rücke schließlich nach der Fußball-Europameisterschaft durch die Tour wieder in den Blickpunkt, sagt er. Und nun werde beobachtet, „wie die Tour läuft“.

          Teamchef Holczer: „Wir haben ein Standortproblem“

          Holczer muss allerdings damit rechnen, dass sich Profis seines Teams – beispielsweise Markus Fothen, der deutsche Meister Fabian Wegmann oder Stefan Schumacher – auch während der Tour de France nach neuen Arbeitgebern umschauen. Der Schwabe betont zwar: „Eigentlich will keiner weg.“ Er muss jedoch auch Verständnis dafür aufbringen, dass die Rennfahrer ihr Auskommen zu sichern versuchen. „Wir werden also noch weiter um den Fortbestand des Teams kämpfen, möchten dies aber nicht als eine Form der Aufforderung an unsere Fahrer verstanden wissen, Vertragsunterschriften unvertretbar lange hinauszuzögern, so dass sich daraus ein berufliches und wirtschaftliches Risiko ergeben könnte.“

          Holczer bescheinigt seinem Team eine große Reputation, er trat in den Gesprächen mit potentiellen Sponsoren offenbar auch überzeugend auf. Das Team Gerolsteiner war zwar – durch den WM-Dritten Schumacher etwa – in Turbulenzen geraten, jedoch wurde es von der Doping-Problematik im Radsport nicht so heftig erfasst wie mancher Konkurrent. Allerdings könnte die intensiv geführte Doping-Diskussion in Deutschland die Suche nach frischem Geld doch beeinflusst haben: „Wir haben ein Standortproblem“, sagt Holczer. Dass kein Unternehmen eine Zusage erteilte, lag wohl auch an der Höhe des Etats für das Team. Zwar, so Holczer, gehe es um weniger als acht Millionen Euro – trotzdem sei noch ein „Riesenbrocken“ zu stemmen.

          „Es kann beflügeln, es kann depressiv machen“

          Die Lage ist heikel, doch auch im Radsport – darauf baut Holczer in der Not – kann sich das Geschehen bisweilen schnell wenden. Er erwähnt das Beispiel CSC: Innerhalb von vier Wochen, sagt Holczer, habe das dänische Team die Modalitäten der neuen Partnerschaft mit der Saxo-Bank geregelt.

          Die Sorge um das Morgen fährt beim Team Gerolsteiner auf alle Fälle mit in Frankreich. Vielleicht erwächst daraus aber auch eine Trotzreaktion. Holczer stellt sich nach der schlechten Nachricht, die seine Profis am Dienstag erreichte, vorsichtshalber auf verschiedene Szenarien ein: „Es kann beflügeln, es kann depressiv machen.“ Am Samstagabend wird er schon ein Stück schlauer sein.

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