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Gerolsteiner Kapitulation : Was wird aus Holczer und seinen Radlern?

Raus aus dem Peloton: Team Gerolsteiner findet keine Geldgeber mehr Bild: AP

Jetzt ist es endgültig: Das Gerolsteiner-Radteam wird es im nächsten Jahr nicht mehr geben. Der Milram-Rennstall hat bereits Interesse an Gerolsteiner-Fahrern bekundet. Und was wird aus Teamchef Holczer, dem Wortführer im Anti-Doping-Kampf?

          Gerne spricht Hans-Michael Holczer von einem Filetstück, wenn es um seinen Radrennstall geht, das Team Gerolsteiner. Holczer, der Teameigner, glaubt, damit am besten den hohen Stellenwert der Equipe zum Ausdruck bringen zu können, die er mit seiner Frau aufgebaut hat. Die Mannschaft verfügt über eine erstklassige Infrastruktur, sie war auch sehr erfolgreich in all den Jahren, seit 1999 hat sie 242 Siege errungen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Im Juli hat sie gerade wieder ein Hoch erlebt: Der Nürtinger Stefan Schumacher gewann zwei Etappen bei der Tour de France, er trug das Gelbe Trikot, der Österreicher Bernhard Kohl wurde „Bergkönig“, und er belegte Platz drei bei der Tour. Dennoch muss Holczer jetzt ein Scheitern hinnehmen: Am Donnerstag, einen Tag vor Beginn der Deutschland-Tour, die von Kitzbühel nach Bremen führt, verkündete der Schwabe das Ende des Teams Gerolsteiner. Nach dieser Saison wird Schluss sein, weil kein neuer Hauptsponsor zu finden war - trotz großer Bemühungen.

          60 Arbeitsplätze verloren

          Nach der Tour keimte zwar noch einmal Hoffnung. „In den letzten beiden Wochen“, sagt Holczer, „waren wir einem Abschluss näher denn je.“ Eine Vereinbarung kam allerdings nicht zustande - und mit einer gewissen Enttäuschung konstatiert Holczer: „Wir sind in keinen der bekannten Skandale verwickelt. Trotz bester Referenzen und viel versprechender Perspektiven fehlt den Entscheidern in den Firmen neben dem Vertrauen vor allem der Mut, ein solches Projekt weiterzuführen, bei dem man nahtlos von einem Jahrzehnt an Investition und Aufbauarbeit profitieren könnte.“

          Abschied: Stefan Schumacher wird sich ein neues Team suchen müssen

          Durch die Kapitulation des Teams Gerolsteiner verliert der Radsport Ende 2008 fast 60 Arbeitsplätze. Die Profis und die Mitarbeiter von Holczer sollen nun die Möglichkeit erhalten, anderswo unterzukommen. Ende Oktober soll es auch zum materiellen Ausverkauf des Teams kommen, „bis zur letzten Schraube“, wie Holczer sagt. Es wird, das Personal betreffend, Härtefälle geben, dessen ist er sich bewusst. Holczer vermutet, dass „bestenfalls die Hälfte“ einen neuen Job im Radsport finden wird.

          Team Milram als Erbe

          Profis wie Schumacher, Kohl oder Markus Fothen haben jedoch längst Gespräche mit anderen Teams aufgenommen, sie müssen sich um ihre Zukunft vermutlich nicht sorgen. Für sie gibt es Angebote aus Russland oder Belgien oder vom Team Milram, das vom Jahr 2009 an das einzige erstklassige deutsche Profiteam sein wird. Vor dem Team Gerolsteiner war bereits T-Mobile aus dem Radsport ausgestiegen - in diesem Fall war die Doping-Problematik ausschlaggebend. „Es ist nicht gut für den deutschen Radsport“, sagt Holczer, „wenn zwei führende Teams verschwinden.“

          Schumacher, der an der Spanien-Rundfahrt teilnimmt, findet, dass das Team Milram jetzt eine „große Verantwortung“ übernehme. Die Norddeutschen, einst die dritte Kraft im deutschen Radsport, bilden schließlich nun das Flaggschiff. Sie wollen sich dabei nicht nur an Holczers Werk orientieren, der eine Formation gebildet hatte, die bei Klassikern, bei Rundfahrten und auch bei Sprintentscheidungen Akzente setzten konnte. Das Team Milram, auf ein „deutsches Gesicht“ erpicht, will auch möglichst viele Fahrer von Holczer verpflichten, vielleicht sogar Christian Henn, den Sportlichen Leiter. Der Niederländer Gerry van Gerwen, Teamchef von Milram, möchte sich deswegen mit seinem Kollegen Holczer „so schnell wie möglich an einen Tisch setzen“.
          Holczer war einer der Wortführer im Kampf gegen Doping

          Dass Holczer nun an Grenzen stieß, liegt jedoch nicht allein am schlechten Image des Radsports, es hat auch mit Geld zu tun. In ein Profiteam müssen pro Saison etwa neun Millionen Euro investiert werden. Manchen Interessenten war dies schlichtweg zu viel. „Davor haben viele Angst“, sagt Holczer, obwohl er doch - mit kleineren Partnern - selbst einen Teil der Summe beigesteuert hätte. „Wir hätten einen schönen Batzen mitgebracht.“ Und sogar Freunde von Gerolsteiner wollten helfen, den Fortbestand des Teams zu sichern. Holczer erwähnt das Angebot eines Fans, der jährlich 1000 Euro einzahlen wollte - „und er ist bei weitem nicht der Einzige“.

          Es ist eine kuriose Fügung, dass just Holczer, der als einer der Wortführer im Kampf gegen Doping im Radsport gilt, der diesen Sport trotz aller Affären inzwischen auch auf dem „richtigen Weg“ wähnt, mit seinem Team das Peloton verlassen muss. Auch Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, nennt dies einen „schweren Rückschlag.“ Holczer hatte zuletzt auch im Streit zwischen den Teams, dem Tour-Veranstalter und dem Internationalen Radsportverband UCI vermittelt.

          Was wird aus Holczer?

          Und er zählt zu den Gründern der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC), die ein striktes Reglement besitzt: Ihre Mitglieder dürfen keinen Profi einstellen, der wegen Dopings verurteilt wurde. Deswegen nahm das Team Volksbank aus Österreich nun auch Patrik Sinkewitz nicht unter Vertrag, was der Doping-Kronzeuge aus Hessen vor allem Holczer ankreidet. „Er arbeitet schwer dagegen, dass Leute wie ich wieder aufs Rad kommen“, klagt Sinkewitz. Und er betont: „Ich lasse mir von Holczer kein Berufsverbot erteilen.“

          Solle er doch schimpfen, entgegnet der Schwabe - er wird sich von seiner Linie keinesfalls abbringen lassen. Aber was wird nun werden aus ihm? Rückkehr in den Schuldienst, vielleicht. Beratende Funktion im Radsport, möglicherweise. „Die Kompetenz sitzt immer noch in Herrenberg“, sagt Holczer. Und eines Tages, schwant ihm, könnte das in den Irrungen und Wirrungen des Radsports untergegangene Team Gerolsteiner sogar Kultstatus erlangen. „Wie James Dean.“

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