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Gefährliche Marathon-Manie : „Die Abgedrehten wissen nicht, was sie tun“

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So weit die Füße tragen - oder auch nicht. Bild: AFP

Jeder Marathonlauf bietet ein Panoptikum menschlicher Motive: Der Sportwissenschaftler Oliver Stoll spricht im Interview über Risiken und Nebenwirkungen - und über fragwürdige „Finisher“.

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          Sie sind mehr als fünfzig Marathons gelaufen, fünf in diesem Jahr. Ist das nicht gefährlich?

          Wenn man sich vernünftig vorbereitet und sich realistisch einschätzt, dann sehe ich einen Marathon als unproblematisch an für Körper und Psyche. Wenn aber jemand drei oder vier Marathons pro Jahr läuft und dabei immer an seine Leistungsgrenze geht, dann macht das der Organismus nicht lange mit. Ein 1,80 Meter großer Mensch, der 90 Kilogramm wiegt und sich in acht Wochen auf einen Marathon vorbereitet, wird seinen Körper so beanspruchen, dass womöglich ein Schaden bleibt.

          Zu den Folgen gehören vor allem Gelenkschäden, schlimmstenfalls der plötzliche Herztod. Warum kommt es immer wieder dazu?

          Wenn jemand einen Infekt in sich hat und dennoch an den Start geht, kann es zu einer Herzmuskelentzündung kommen. Dann dauert es nicht lange, und das Herz hört auf zu schlagen. Wenn von 50.000 Teilnehmern einer stirbt, ist das einer zu viel, weil es nicht sein muss. Vor dem Start des Berlin-Marathons gibt es Durchsagen von medizinischem Personal. Aber es ist schwierig, jemanden zu überzeugen.

          Und wie kann man jemanden vor sich selbst schützen?

          Zunächst unterscheide ich zwischen Genussläufern, die keinen großen Wert auf ihre Zeit legen, sondern auf das Erlebnis, den ambitionierten Wettkämpfern, die neben ihrem Job leistungsbezogen trainieren, und den Abgedrehten, die nicht wissen, was sie tun. Sie findet man vor allem bei den Stadtmarathons. Dort werden die Finisher-Zeiten nach hinten verschoben, auf sechs Stunden und mehr. Das heißt, dass jemand, der nicht gut trainiert ist, mit viel Spazierengehen die Chance bekommt, das Ziel zu erreichen. Er gilt dann als Marathon-„Läufer“, bekommt wie jeder andere eine Finisher-Medaille und ein Finisher-T-Shirt und hat etwas zur Selbstdarstellung. Ich habe gehört, heutzutage muss jeder einen Marathon in seinem Lebenslauf haben. Das treibt die Massen dorthin, das halte ich für gefährlich.

          Auf und davon: Marathonlaufen ist für viele ein Lebensziel.
          Auf und davon: Marathonlaufen ist für viele ein Lebensziel. : Bild: Reuters

          Wäre es nicht ratsam, dass jeder ein ärztliches Attest vorweisen muss?

          Das wird nicht verlangt bei den großen Stadtläufen. Man unterschreibt mit seiner Anmeldung, dass man sich der Gefahr bewusst ist. Vor Bergläufen in Frankreich dagegen muss man ein sportärztliches Attest hochladen. In Deutschland wird sich nichts ändern, es sei denn, man reguliert, setzt die Cut-off-Zeiten runter und fordert bei der Anmeldung ein Attest.

          Anonyme Umfragen haben ergeben, dass mehr als 50 Prozent der Amateure vor dem Start Schmerzmittel nehmen.

          Die Zahl erscheint mir sehr hoch. Aber es gibt im Breitenbereich keine Doping-Kontrollen, und man kann mit Aspirin relativ gut die Körpertemperatur herunterfahren und die Schmerzen in gewissen Grenzen halten. Als ich 1988 beim Ironman auf Hawaii war, da haben sich die Athleten Aspirin reingezogen, das war unglaublich.

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          Inwieweit kann Marathon süchtig machen?

          Studien zeigen, dass bei Ausdauersportlern drei bis vier Prozent Prävalenz besteht, daran zu erkranken. Von diesen drei Prozent läuft ein Zehntel Gefahr, eine klinische Diagnose zu bekommen. Die Gefahr liegt also bei unter einem Prozent.

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