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Galopper-Präsident Vesper : Lahmende zum Rennen bringen

  • -Aktualisiert am

Auge in Auge: Michael Vesper setzt sich für den Galopprennsport ein. Bild: Imago

Michael Vesper wechselte vom DOSB in den Galopprennsport. Der frühere Politiker und DOSB-Vorstandsvorsitzende nutzt seine Kontakte für schnelle Pferde und Jockeys. Die Szene leidet unter einem Einbruch der Wetteinsätze.

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          So sieht man sich wieder: Michael Vesper, zuletzt mehr als elf Jahre lang hauptamtlicher Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, blickt schon länger nicht mehr auf die Frankfurter Otto-Fleck-Schneise hinaus. Er kann, wenn er will, den Jockeys und Rennpferden in Köln-Weidenpesch bei der Arbeit zuschauen. Ein herzerfrischender, ein bisschen retro wirkender Anblick an einem sonnigen Frühlingsmorgen. Innen drin, am Sitz des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen, gab Vesper Anfang der Woche einen Überblick über sein erstes Jahr als Galopper-Präsident. Wer sich bis dato nicht vorstellen konnte, wie ein ausgewiesener Grüner, ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und danach Groß-Drahtzieher im deutschen Sportsystem sich tatsächlich ernsthaft im Kosmos der Pferdezucht und -rennen etablieren könnte, dem fehlte wohl einfach die Phantasie. Vesper sagt, er sei immer wieder in neue Welten eingetreten, und das sei „alles andere als langweilig“.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Seine Aufgabe: Er soll einem seit Jahren mehrfach moribunden Sport-Patienten neues Leben einhauchen. Und tatsächlich: So ein Politik-Netzwerker wie er wurde dort gebraucht. Der Headhunter – die Personalberatung, wie er selbst lieber sagt –, der ihn für die Galopper rekrutierte, hat sich etwas dabei gedacht. Vesper, knapp 67 Jahre alt, hat sich die Sache angesehen und ja gesagt. Neben seinen Tätigkeiten für das Beratungsunternehmen des ehemaligen CDU-Politikers Ole von Beust und als Berater des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) versucht er nun also, im übertragenen Sinne, Lahmende wieder zum Rennen zu bringen. „Wir sehen die Probleme des Rennsports“, sagt er, „wir lassen uns davon aber nicht runterziehen.“

          Wettumsätze schrumpfen

          Das Hauptproblem: In den vergangenen 25 Jahren sind die Wettumsätze auf deutschen Rennbahnen um 80 Prozent zurückgegangen. Das heißt: Dieser kompliziert aufgebaute Sport, der direkt und indirekt vom Wetten lebt, kämpft um jeden Euro. Zum Beispiel ist Vesper auf allen möglichen Polit-Ebenen unterwegs in Sachen „Rennwettsteuer-Rückerstattung“. Dabei geht es um die Rückerstattung der Buchmacher-Steuer in Höhe von fünf Prozent des Umsatzes an die Rennvereine.

          Diese greift nur, falls Buchmacher in Deutschland ansässig sind, trotz der Neigung dieser Branche, sich in Steueroasen niederzulassen. Die Zahlungen von Buchmachern mit Sitz im Ausland aber werden vom Finanzamt zurzeit einbehalten. Zäh kämpft sich Vesper durch die Zuständigkeiten – im Erfolgsfall sichert er der Branche zusätzliche 1,5 Millionen Euro. Vesper versucht auch in Berlin zu trommeln: Vergangenen November hat sich der Galoppsport erstmals in seiner Geschichte dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages präsentiert.

          Es gilt, eine Menge Stellschrauben zu überprüfen: Einen direkten Erfolg an den Wettschaltern hat die Maßnahme gebracht, die Abgaben aus den Wettgeldern an die Rennvereine bei Sieg- und Platzwetten um sieben auf 15 Prozent zu senken. Die dadurch attraktiveren Quoten brachten seit Jahresbeginn Umsatzsteigerungen, allerdings steht die Probe bei den großen Events noch aus.

          Die Existenzgefährdung hat längst auch die ganz Großen erreicht: Die Galopprennbahn Iffezheim bei Baden-Baden, die Kultstätte dieses Sports in Deutschland, ist ein Zuschussbetrieb. Die beiden Gesellschafter der Baden Racing GmbH, Andreas von Jakobs und Paul von Schubert, sind es leid, jährlich Zuschüsse aus ihrer Privatschatulle einzubringen, und ein rettender Sponsor wurde bisher nicht gefunden. Weil aber diese Rennbahn als „systemrelevant“ angesehen wird, wie Vesper das nennt, musste die Branche ein Solidarprogramm schaffen. Zwei Jahre lang werden pro Jahr 550.000 Euro aufgebracht durch das Direktorium (250.000), die Besitzervereinigung (200.000) und die Baden-Badener Auktionsgesellschaft (100.000). Danach muss die Rennbahn wieder aus eigener Kraft existieren können. Ob sie das schaffen wird?

          Suche nach der Corporate Identity

          Andere Rennbahnen schauen jedoch argwöhnisch auf diese Maßnahme und fragen: Warum wir nicht auch? Jeder Insider weiß, dass das Direktorium Geldreserven hat, seit vor zwei Jahren die Firma Race-Bets mit großem Gewinn an ein schwedisches Unternehmen verkauft wurde – das Direktorium war daran beteiligt. Man spricht von 4,7 Millionen Euro Einnahmen. „Die Rücklagen müssen für die Zukunft eingesetzt werden“, sagt Vesper: „Und nicht, um Löcher zu stopfen.“

          Es ist anzunehmen, dass durch das Finanzpolster auch die Verpflichtung Vespers, der jährlich eine sechsstellige Aufwandsentschädigung erhält, möglich wurde. Seit Januar arbeitet außerdem Jan Pommer, ein Fachmann für Sport-Marketing, für das Direktorium. Pommers Auftrag ist es, den Rennsport wieder populärer zu machen. Eines seiner Ziele: eine neue Corporate Identity. Auch das Direktorium selbst soll einen neuen Namen bekommen.

          Für drei Jahre ist Galopper-Präsident Vesper gewählt. Sein Rennen ist zu einem Drittel gelaufen, und natürlich zählt erst der Zieleinlauf. „In diesem Sport steckt ein ungeheures Potential“, sagt Vesper – Pommer sitzt ihm gegenüber. „Es muss uns nur gelingen, dieses Potential zu heben. Wir gehen davon aus, dass wir das schaffen.“ Wetten werden noch angenommen.

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