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Fußballweisheit der Woche (5) : „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Jan Bazing

Im fünften Teil der Serie „Fußballweisheit der Woche“ lobt Radiomoderator Manni Breuckmann einen „genialen Fußballer“, der jahrelang nur Prügel einstecken mußte: Andreas Möller, der in Wahrheit ein Visionär des europäischen Einigungsprozesses ist.

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          Es ist an der Zeit, einen ramponierten Ruf zu retten. Es handelt sich um das öffentliche Bild eines verkannten Satirikers, das beschädigte Image eines feingliedrigen, empfindlichen Intellektuellen, auf dem seit Jahrzehnten herumgetrampelt wird.

          Der geniale Fußballer Andreas Möller kriegt alle Prügel dieser Welt: Andi muß sich nicht nur mit der nachweislich falschen Behauptung herumschlagen, er fange bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an zu heulen, aus heiterem Himmel und ohne wirklichen Grund. Böswillige Kritiker nehmen ihm bis heute auch einen unbedachten Treueschwur zu Borussia Dortmund übel, den er aus zwingenden beruflichen Gründen bald darauf uminterpretieren mußte. Und wenn den Journalisten und Moderatoren die Andi-Witze endgültig auszugehen drohen, mißbrauchen sie seine Festlegung in Sachen Madrid und Mailand, um den Menschen Möller als ungebildeten, aber geldgeilen Trottel hinzustellen.

          Das ist einfach nur infam!

          Denn mit einigen wenigen Nachfragen hätten die Kritikaster herausbekommen können, was uns der Fußballprofi wirklich mitteilen wollte. Ganz bestimmt dokumentiert Andi Möller mit seiner italophilen Aussage nicht seine Unkenntnis über Lage und Eigenschaft von Madrid. Selbstverständlich wußte Andi schon immer, daß es sich bei Madrid nicht um eine italienische Metropole, sondern um die lebensfrohe, pulsierende Hauptstadt Spaniens handelt.

          Möller: „Ist doch egal, ist doch alles ein Europa”
          Möller: „Ist doch egal, ist doch alles ein Europa” : Bild: picture-alliance / dpa

          Möllers fast einsteinisch anmutende Intellektualität und Ironie lassen diese geographische Banalität weit hinter sich; im Fokus seines fein gedrechselten Apercus steht vielmehr ein entscheidender politischer Prozeß des 21. Jahrhunderts: das stetig zusammenwachsende Europa. "Schaut her, liebe Fußballfreunde", hat Andi Möller uns durch die Blume mitgeteilt, "in diesem immer enger beieinanderstehenden Kontinent kommt es doch gar nicht darauf an, ob einer wie ich sein Geld in Mailand oder in Madrid verdient. Ist doch scheißegal, ist doch alles ein Europa, spielen wir nicht alle in einer Champions League und dereinst vielleicht in einer Europaliga?"

          Dreimal aufgewärmter Labskaus

          Es hat schon etwas Visionäres, wenn wir Möllers These in uns nachklingen lassen, ein deutliches Bekenntnis zu Internationalität und zum völkerverbindenden, multikulturellen Fußball weht uns da um die Nase.

          Längst vorbei sind die Zeiten, in denen ein Uwe Seeler sein Leben lang in Hamburg blieb und sämtliche italienischen Angebote ausschlug, nur um jede Woche den von Mutti dreimal aufgewärmten Labskaus in sich reinzuschaufeln. Vergangenheit auch die lachhaften Szenen, in denen afrikanische Profis vor deutschem Schnee in die Kabine flüchteten, weil sie die feuchten, weißen Flocken für eine schlimme Drohung der Götter hielten. Heute fragt auch keiner der brasilianischen Stars mehr kurz vor dem Spiel, wie weiland der 17jährige Pele, in welchem Land man denn wohl bitte schön zu Gast sei. Nein, wir leben in der Zeit, in der jeder überall zu Hause ist. Ein Profi ist mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Lage, ein glühendes Bekenntnis zu dem Verein abzulegen, in dem er gerade mal spielt.

          Da wurde sogar die geniale Kampagne des deutschen Fußballbundes "Mein Freund ist Ausländer" von innen ausgehebelt, als alle feststellten: Mein Gott, ich bin ja selber Ausländer, und mein Freund ist ein dunkelhäutiger Deutscher mit einem nigerianischen Vater und einer ungarodeutschen Mutter! So what?

          „Tut uns leid, Junge“

          Wo das Nationale so außer Kraft gesetzt wird, drohen fürchterliche Identitätskrisen. Aber auch da bietet Andi Möller eine Lösung an: die Gelassenheit im Umgang mit der Nationalität. Mensch, Junge, ist doch alles egal, Hauptsache Italien, Hauptsache, ich spiele, Hauptsache, die Kohle stimmt, lautet seine ebenso schlichte wie genial-wirkungsvolle Botschaft.

          Wir alle haben dem augenzwinkernden Visionär Andi Möller unrecht getan. Es wird Zeit, daß wir ihm zurufen: "Tut uns leid, Junge, kannst du uns noch mal verzeihen? Laß uns 'ne Runde zusammen heulen. BVB oder Schalke, Hauptsache, dat Runde geht in dat Eckige, und die Hedge-Fonds sind am Steigen!"

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